Wisst ihr noch, wo ihr am 9. Juli 2004 wart? Für einige Menschen nämlich stellte dieser Freitag einen einigermaßen besonderen Moment dar: Wie in der ‘Seinfeld’-Folge, in der Kramer in einer New Yorker Telefonzelle mit der Position “Erste, Ecke Erste? Die erste Straße kann sich doch nicht mit sich selbst kreuzen!” den “Nexus des Universums” auszumachen vermeinte, fanden sich auch die Herren, die als Calexico bekannt sind, in einer Stadt wieder, deren Name… ebenfalls “Calexico” lautet!

“Nun, ich wollte sichergehen, dass unser erster Auftritt dort aus einem besonderen Anlass stattfindet, nicht nur ein ganz gewöhnliches Konzert während einer ganz gewöhnlichen Tour”, gibt sich Joey Burns, Sänger, Gitarrist und Songwriter von Calexico (der Band) zurückhaltend, als er auf dieses Datum angesprochen wird. Und so machten Burns und Co. aus ihrem Debüt in Calexico (der Stadt) eben etwas besonders, indem sie ein Benefiz-Konzert spielten, dessen Einnahmen den Opfern des brutalen Umgangs der US-Grenzer mit illegalen Einwanderern aus Mexico zugute kam. Und der Bürgermeister der für die Band aus Tucson, Arizona, namensgebenden Stadt ließ sich nicht lumpen, und erklärte den 9. Juli 2004 offiziell zum Calexico-Tag, mit Urkunde und allem dazugehörigen Schnickschnack.

Als solchen, oder zumindest Schnee von gestern, scheint auch Joey Burns die ganze Angelegenheit abzutun. Einigermaßen verständlich, ist doch der Grund für seine Anwesenheit im viel zu kalten Berlin ein ganz anderer: Das neue Calexico-Album ‘Garden Ruin’, das dieser Tage erscheint. Und “ganz anders” ist tatsächlich auch ein gutes Stichwort für den weiteren Verlauf des Gespräches. Denn genau so (also, eigentlich eben NICHT “genau so” wie die bisherigen Calexico-Alben), sei dieses inzwischen fünfte offizielle Werk ausgefallen. Das bedeutet im Klartext: Schluss mit den offensiven Mariachi-Bläser-Einsätzen, Abgang exotischer Wüstenglamour, keine opulenten Balladen von Liebe, Verrat und Tod mehr – zumindest nicht mehr so weit vorne: “Wir haben schon so viel mit unserem bläserlastigen Sound gemacht. Und ich hatte immer das Gefühl, dass unsere Musik viele Facetten besitzt, die von den Leuten nie so richtig wahrgenommen wurden, besonders in den USA. Also schien es uns eine gute Idee zu sein, mal etwas wirklich anderes zu probieren, vor allem im Studio – eine wirkliche Veränderung herbeizuführen. Denn wenn wir das nicht getan hätten, hätte man uns bestimmt bald vorgeworfen, immer wieder die selbe Art von Platte zu machen. Obwohl gerade bei ‘Feast Of Wire’ [dem Vorgänger aus dem Jahre 2003] so viele verschiedene Sounds vertreten sind – da gibt es Folk-, Jazz-, Experimental, Instrumental- Elemente…”

Und so ist der auffällige Wandel im Sound vielleicht auch wirklich nur auf den ersten Blick ein radikaler – zwar klingen die Songs auf ‘Garden Ruin’ insgesamt viel ruhiger, intimer, als man es zumindest von den großangelegten Konzerten der Band gewohnt ist. Aber andererseits hat Burns natürlich recht, wenn er auf die schon immer vorhandenen Bestandteile des Calexico-Sounds hinweist. Schließlich entsprang die Kernzelle dieser Band, die neben Burns noch den Drummer John Convertino beinhaltet, nicht umsonst dereinst aus der großartigen Band Giant Sand. Deren Mastermind Howe Gelb weiß inzwischen seit gut zwei Jahrzehnten, wie man die relaxte Melancholie der Landschaft von Arizona in gediegene Gitarrensongs ummünzt. Leider hat er anscheinend auch den Ausstieg inklusive anschließender steil nach oben zeigender Erfolgskurve seiner einstigen Rhythmusgruppe anscheinend nicht zu 100% verknusen können – zwischen Burns und Gelb herrscht einigermaßen gespannte Funkstille.

Aber zurück zu Calexico. Die verließen zwecks Konzentration diesmal ihre Heimatstadt Tucson, um im etwa anderthalb Stunden südöstlich gelegenen Örtchen Bisbee. Das war “sehr inspirierend und eine gute Möglichkeit, uns von Tucson zu lösen. Zuhause ist alles sehr bequem für uns, wir haben viele Freunde und deshalb manchmal Schwierigkeiten, uns auf das Arbeiten zu konzentrieren, bei der Sache zu bleiben. Deshalb müssen wir zum Arbeiten irgendwo hin, auf Tour oder eben in eine andere Stadt.”

In der Abgeschiedenheit der ehemaligen Minenstadt entstanden die elf Songs für ‘Garden Ruin’ – elf Songs über die kleinen großen Herausforderungen des Lebens, innere Zerrissenheit, Religion und Rastlosigkeit. Neben der Luftveränderung war diesmal noch etwas in der Herangehensweise anders: “In der Vergangenheit haben wir oft die Platten so angefangen, dass nur John am Schlagzeug und ich mit der Nylonsaiten-Gitarre rumgespielt haben. Diesmal wollten wir die ganze Band involvieren, haben in meinem Haus in Tucson geprobt, und auch in Bisbee, Arizona. Dort trafen wir uns mit JD Foster [den Produzenten], der uns half, beim Songschreiben – aber auch einfach beim Rumhängen. Dann gingen wir mit der ganzen Band ins Studio, statt wie sonst nur zu zweit.”

Die ganze Band, das beinhaltet neben Burns und Convertion nicht nur Jacob Valenzuela und Paul Niehaus (Ex-Lambchop), sondern auch seit mehreren Jahren schon zwei deutsche Musiker: Volker Zander und Martin Wenk. Joey Burns hat aber noch andere transatlantische Verbindungen: “Die mütterliche Seite meiner Familie führt zurück nach Deutschland. Ich weiß nicht genau wohin, auch keine Vornamen, aber ich will irgendwann mal jemanden fragen, der Ahnenforschung betreibt.” Bis es soweit ist, begnügt er sich mit musikalischen Forschungen. So kennt der smarte Herr nicht nur das Oeuvre von Bands wie The Notwist, auch um das aktuelle Projekt der Fahlfarben (diese ließen anlässlich ihres 26 1/2ten Bandjubiläums ihre Lieblingssongs von Gastsängern einsingen) weiß er – und denkt sogar darüber nach, es ihnen gleichzutun: “Ich will eine Platte mit ausschließlich deutschen Texten machen… Gartenzwerge! It’s the trail of the Gardenburgers… Ja, will ich! Das wäre ein Spaß und ziemlich cool. Man könnte so viele Dinge machen, und mit den Übersetzungen könnten Martin und Volker helfen.”

Bis – und vor allem: falls – das tatsächlich passiert, ist es sicher noch eine Weile hin. Für die Zwischenzeit, das Hier und Jetzt, bleibt eine tolle neue Platte. die bei aller Veränderung vor allem aber immer noch hauptsächlich englische Texte hat. Und möglicherweise eine Frage, die ihr euch in Zukunft stellen könnt: Wisst ihr eigentlich noch, was ihr am 31. März 2006 gemacht habt? Vielleicht wart ihr auch in einer Stadt, die genau so heißt, wie ihr; vielleicht habt ihr gerade den Nexus des Universums besucht. Falls nicht, hier ein kleiner Tipp: An dem Tag erschien das fünfte Calexico-Album.

Text: Torsten Hempelt