Erinnert sich noch jemand an den Lieblings-Klospruch aller Nachwuchs-Anarchisten? Genau: Wahlen ändern nix, sonst wären sie längst verboten. Mir kam das vor ein paar Tagen wieder in den Sinn, als ich mir die Debatte zwischen Kerry und Bush im US-Fernsehen zu Gemüte führte. Zugegebenermaßen ein eher unpassender Anlass. Die Wahl des nächsten US-Präsidenten könnte eine ganze Menge ändern. Den Irak-Krieg, die US-Außenpolitik, den Patriot-Act, die Rekordverschuldung der USA, Abtreibungsrechte, Stammzellenforschung, Einwanderungspolitik und und und.

Trotzdem macht sich unter US-Amerikanern derzeit eine gewisse Hilflosigkeit bemerkbar. Wählen gehen, wissen sie, ändert tatsächlich nichts – zumindest nicht, wenn sie in Kalifornien, New York, Texas oder einem der anderen „roten“ oder „blauen“ Bundesstaaten wohnen. Dort steht der Ausgang der Wahl bereits jetzt fest: Kalifornien wählt garantiert Kerry, Texas ist Bush-Land. Entschieden wird die Wahl in den so genannten Swing States, der Heimat der Unentschiedenen. Florida zum Beispiel, wo Bush im Jahr 2000 mit 537 Stimmen gewann.

Die Parteien konzentrieren deshalb alle Kräfte auf Florida, Oregon, Minnesota und West Virginia. Wer nicht dort lebt, fühlt sich ein bisschen vergessen. Wahlkampagne? Welche Wahlkampagne? Bestes Beispiel: Weil in den USA für Wahlwerbung im Fernsehen bezahlt werden muss, wird ein Kalifornien einfach gar nicht geworben. Wäre ja Verschwendung.

In den heiß umkämpften Swing States wird dagegen gekämpft und gerockt, als gäbe es kein Morgen. So haben die liberalen Netz-Aktivisten von Move On eine Vote for Change-Tour organisiert, mit der in neun wahlentscheidenden Bundesstaaten gegen Bush mobilisiert werden soll. Mit dabei: Pearl Jam, Bruce Springsteen, R.E.M., Jurassic 5, Death Cab for Cutie, die Dixie Chicks, Tracy Chapman und andere, oftmals längst vergessen geglaubte Verdächtige.

Bespielt werden so illustre Orte wie Milkauwee, East Lansing und Kissimmee. Was ungefähr so ist, als würden Fünf Sterne Deluxe, 2Raumwohnung, BAP und Rammstein verzweifelt gemeinsam versuchen, den Ausgang der nächsten Bundestagswahl mit Konzerten in Ibbenbüren und Bad Schandau zu beeinflussen.

Allerdings wissen auch Pearl Jam und Konsorten, dass drei Akkorde nicht ausreichen, um Bush aus dem weißen Haus zu vertreiben. Ganz oben auf der Liste der musikalischen Aktivisten steht deshalb die Registrierung neuer Wähler. Neben der von der Musikindustrie initiierten Rock the Vote-Initiative bemühen sich auch die HipHop-Legenden Russel Simmons und Sean ‘P. Diddy’ Combs um neue Wähler. Letzterer hat sich den ein bisschen eigenwilligen Slogan „Vote or die“ ausgedacht. Wähl oder stirb. Ob sich damit die Bewohner von Luisiana und Iowa wirklich zur Teilnahme am politischen Prozess bewegen lassen? Und ob es wirklich gut ist, dass ein paar Hinterwäldler in Todesangst über die Zukunft der USA entscheiden?

Dabei ist ganz klar, dass nicht die Amerikaner selbst das Problem sind, sondern ihre komischen Wahlgesetze. Lange fiel das niemandem so richtig auf. Wahlen hatten klare Gewinner und Verlierer und wurden nicht vom Obersten Gerichtshof entscheiden. Doch trotz des Wahl-Debakels traute sich vor vier Jahren niemand, so richtig an den Regeln zu rütteln. Weshalb sich das ganze Theater dieses Jahr ganz ähnlich wiederholen könnte.

Doch wenn schon ein paar hundert Unentschiedene über den nächsten Präsidenten der USA entscheiden dürfen – warum kann man das ganze Spektakel nicht einfach ein bisschen unterhaltsamer gestalten? Dann haben wenigstens alle was davon. Die Dixie Chicks in Iowa – ist das wirklich alles, was die Demokraten zu bieten haben? Und wie steht es eigentlich um die republikanischen Unterhaltungstalente? Erschöpft sich Britney Spears politisches Engagement wirklich im Phrasen dreschen vor Michael Moores Kamera?

An stelle der langweiligen Debatten wünsche ich mir deshalb lieber ein pompöses Celebrity Showdown. Bruce Willis gegen Ben Affleck. Bruce Springsteen gegen Brooks & Dunn. Britney Spears gegen die Black Eyed Peas. Und als Höhepunkt: Ein Auftritt der Kandidaten selbst. Von Kerry ist bekannt, dass er Anfang der Sechziger als Bass-Spieler in einer College-Band aktiv war. Auch heute greift der Kandidat gern noch mal in die Saiten – jedenfalls, wenn die Dave Matthews Band und Jon Bon Jovi ihm als Backup zur Seite stehen.

Womit George W. Bush glänzen könnte? Disco, klarer Fall. Sein Außenminister geriet kürzlich mit einer Darbietung des Village People-Hits YMCA in die Schlagzeilen. Bush selbst besitzt nach allem was wir wissen eine lange und glamouröse Feier-Vergangenheit. Er hat sich nie öffentlich von Gerüchten über seinen Kokain-Konsum distanziert. Und tanzen kann er auch. Fehlt nur noch ein Hit für George Boy. Wie bitte? I will survive? Klar, warum nicht? Unterhaltsam wäre es allemal. Und das letzte Wort hat sowieso Florida.