Seit Nikolaus drängen mich die Kollegen, endlich zu bloggen. Ich hab das falsch verstanden: Ich habe statt dessen geblockt. Es wird eh zuviel über Musik geschrieben! Da aber auch dann zuviel geschrieben wird, wenn ich nicht schreibe, tu ich’s jetzt eben doch. Denn zuviel + 1 ergibt immer noch zuviel. Es ändert sich so oder so nichts. Dafür gibt es einen guten Grund, ein paar Worte zu verlieren. Der kommt aus Augsburg und spielte am Dienstag im fast vollen Magnet: Anajo. Die drei Buben empfahlen sich als eine der besten deutschen Bands zur Zeit. So gut wie sie hat mich dieses Jahr jedenfalls noch keine live unterhalten. Dreimal durfte ich sie schon sehen, doch erst nach und nach fügt sich mein Anajo-Bild zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Vor drei Jahren starteten die Buben mit schmissigem Deutschpop republikweit durch. Brav, diszipliniert und ohne Stil- und Szene-Murks trugen sie ihre kleinen gescheiten Geschichten von vergangener Liebe, langer Weile und kurzen Detektiven vor. Was schon damals phänomenal war: Ihre Texte sind mit solch einer Raffinesse gestrickt, dass schon mal Monate vergehen können, bis einem unter der spontihaften Verspieltheit der schwindelerregend hohe doppelte Boden bewusst wird. Inzwischen sind Anajo zu einem sattelfesten Drei-Mann-Ensemble gewachsen. Sie rocken! Für ein Trio sogar massiv. Alles sitzt, ist sauber arrangiert und wird mit ordentlich Druck abgelassen – da darf auch mal ein Solo daneben gehen. Sich auf Anajo einlassen heißt herumturnen auf einem skurrilen Geflecht aus virilen Mikrohymnen und sehr persönlichen Subtexten. Wer zum Konzert kam, hat schon vorgeturnt, und so sang der halbe Magnet alle Lieder mit. Einzige Ausnahme war das überraschende Cure-Cover “Jungen weinen nicht”. “Boys Don’t Cry” auf Deutsch? Anajo können das, ohne eine Sekunde peinlich zu werden. Sie wissen immer, wie weit sie gehen können – Bescheidenheit ist Anajos größte Zier. Und ihre frechste Tarnung. Die drei sind GROSS. Höhepunkte: “Die Tränen sind immer noch meine”; “Wenn du nur wüsstest” (mit Katze auf der Bühne); “Amsterdam-Mann”; “Vorhang auf”. Tiefpunkt: Besoffene Kerle im Publikum, die ständig nach “Monika” grölen und mit Ellbogen pogen. Das ist fehl am Platz wie Schunkeln bei Arctic Monkeys.