Wirklich groß ist, was man nicht erkennen kann. Dieser Aphorismus liefert eine Erklärung dafür, dass viele Musikjournalisten so lange keine Notiz nahmen. Jetzt stehen sie da, raufen sich die Haare und fragen sich, wie es passieren konnte, dass Anajo aus Augsburg sich ganz unbemerkt wie ein Rinnsal verbreiten konnten und plötzlich überall sind. Dabei ist die Antwort denkbar einfach. Anajo ist keiner dieser Bands, die vom ersten in den fünften Gang geschaltet hat, um endlich gehört zu werden.

Wie Wasser in steinigem Gelände, so bahnten sich Anajo seit ihrer Gründung im Jahre 1999 fortdauernd einen Weg. Stichwort Kontinuität: Besieht man ihre CD-Veröffentlichungen, so kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass sie sich schon seit Beginn darüber im Klaren waren, nichts Geringeres als die Kardinalthemen des Gitarrenpop unter einem Brennglas zu versammeln, weil alle wissen, dass wir Popsongs und die ganz großen Melodien zum Leben brauchen.

Bei Anajo bilden Musik und Text eine thematische Einheit. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang werden flankiert von kleinkreisenden Synthiemelodien, die es uns ermöglichen, den Text erschöpfend zu durchdringen. “Ich hol dich hier raus” zitiert augenzwinkernd die fetzigen frühen 80er Jahre und fordert dich auf, noch einmal genauer hinzuhören, dich zu fragen, woher du diesen Ohrwurm kennst. Der Song wird zum Hauptstadtthema. “Anajo für alle!” Radio “Fritz” (Berlin) und FM4 (Wien) gaben Vollgas, damit kein Hörer mehr an diesem Song vorbeikommen konnte.

Oliver Gottwalds “Wir-kriegen-das-schon-hin”-Stimme schenkst du bedingungslos Glauben und verstehst langsam: Was hier passiert, kann zur Galionsfigur einer neuen Sicht auf die Dinge werden. Gottwald ist ein nachdenklicher Typ, der nicht allein das Scheitern an objektiven Umständen besingt, wie die Hamburger Kollegen es gerne tun. Vollkommen anders als die bücherschlauen, altklugen Weltverbesserer lässt er den virtuosen Weltschmerz und das Leiden des Unverstandenen hinter sich. Er weiß, dass wir Erklärungen brauchen. Und wir kriegen sie. Gottwald ist immer einen Schritt voraus, erklärt und hilft so unverkrampft und weltzugewandt. Ein Hang zum Dandyismus. Eine Antwort, bevor du überhaupt die Frage formulieren konntest.

Was Wind ist, das sieht man in den Bäumen. Was Anajo ist, das sieht man auf dem Dancefloor. Live sind sie rückhaltlos sexy und offensiv. Das turnt uns an, und wir können endlich wieder auf Konzerten tanzen. Anajo haben das Zeug, Welten zu vereinen und all das Treibgut aufzufangen, dass orientierungslos in der Popwelt umherschwirrt.

Ju Keutner (tapete)