“Deutsche Pop-Musik endet genau jetzt und hier!” Mit diesen Worten beendete Thees Uhlmann das Tomte-Jahr und das letzte Konzert der Never-Ending-Tour im Berliner Postbahnhof. Keinen Monat später ist das verkündete Ende schon wieder vorbei. Olli Schulz & der Hund Marie veröffentlichen ihr drittes Album “Warten Auf Den Bumerang”. Und das ist, auch wenn es keiner mehr hören kann, eine weitere große Pop-Platte aus deutschen Landen.

Absolut nichts an Oliver Marc Schulz deutet darauf hin, dass dieser Mann ein Popstar sein könnte. Wie er jetzt unauffällig an einem Tisch in den Räumen seiner neuen Plattenfirma ‚Labels’ sitzt und Videos auf dem Laptop vorführt, könnte man den dezent gekleideten 32-Jährigen mit dem fliehenden Kinn auch für einen der kleinen Leute, über die er singt halten – wären da nicht seine Augen. Funkelnd. Braun. Warm. Wenn Olli Schulz dann beginnt, in hanseatisch-lockerem Tonfall über sich und andere zu sprechen, fällt sofort das mitreißende, leicht schelmische Funkeln in diesen sehr wachen Augen auf. Zudem kommt eine für das Verständnis des Menschen und Musikers Olli Schulz maßgebliche Eigenschaft zum Vorschein – Leidenschaft. Hier ist jemand wirklich noch mit Überzeugung und Hingabe bei der Sache.

Nun ist Schulz ja ohnehin – zumindest noch – kein richtiger Popstar. Aber, man glaubt es kaum, er kann Spagat! Das muss man sich einfach mal vorstellen: Der Mann steht mit einem seiner erklärten Helden, dem arrivierten US-Indie-Musiker Walter Schreifels, vor den Schließfächern einer Bank, legt eine spontane Tanz-Choreographie zum Song „Was Macht Man bloß Mit Diesem Jungen?“ aufs Parkett, den der leicht irritierte Schreifels gerade über Kopfhörer hört, und geht – zack! – mit gespreizten Beinen zu Boden. Dieses übrigens nur eines von mehreren Videos, die Schulz mit prominenten und halb-prominenten Bekannten für sein neues Album „Warten Auf Den Bumerang“ drehen ließ, um „dessen Vorstellung ein bisschen witziger und interessanter zu gestalten“. „Witzig“, noch so ein Wort, das man oft im Zusammenhang mit Olli Schulz gebraucht.

Rückblick: Olli Schulz ist Anfang 20, arbeitet in einem Hamburger Plattenladen, als Marcus Wiebusch ihn nach seinem musikalischen Rat fragt. Den bekommt er auch, und im Gegenzug gibt er Olli die ersten Gitarrenstunden. Eine Freundschaft, die Olli auch seinen ersten Plattenvertrag bei Marcus’ Label ‘Grand Hotel van Cleef’ bringt, ist geboren. Auf dem Debüt “Brichst Du Mir Das Herz, Breche Ich Dir Die Beine” formuliert Olli Schulz seine wirren, humorvollen und ernsten Stücke in skizzenhafter Singer/Songwriter-Manier. Nur er, Max Schröder, aka der Hund Marie, und Produzent Sven Meyer spielen diese Platte ein. 2005 erscheint der Nachfolger “Das Beige Album”. Kein schmissiger Titel mehr, der Humor, den er auf der Bühne mit einer Härte vorträgt, die sich all die nervigen TV-Stand-Up-Comedians wünschen würden, wird weniger.

Mit “Warten Auf Den Bumerang” gehen Olli und seine Band, die von Dennis Becker (Tomte, Marr) und André Frahm (Marr) komplettiert wird, diesen Weg weiter. Das Album erscheint bei ‘Labels’, und das aus finanziellen Gründen. Beim ‘Grand Hotel’ hätte die Platte nicht so werden können. Verschwunden ist das Skizzenhafte, dafür gibt es arrangierte Pop-Songs mit Streichern, elektronischen Spielereien und allem, was dazu gehört, ohne jedoch dabei irgendwo pompös oder pathetisch zu werden. Diesmal war die komplette Band im Studio zusammen mit Beatsteaks- und Tocotronic-Produzent Moses Schneider.

Das Album beginnt mit den Worten: “Alle Menschen haben Geschichten und keiner holt sie ab. Doch einer holt sie ab!” Und dieser eine ist Olli Schulz. Er singt zusammen mit Judith Holofernes über nie gesehene Väter (“Armer Väter”) oder packt drei Kurzgeschichten über das normale hinterhältige Leben in einen Song (“Wenn Das Leben Dich Beisst”), um am Ende doch charmant die Kurve zum Positiven zu kriegen, wenn er “Wenn Das Leben Dich Küsst” ins Mirkofon flüstert.

Wem der Humor fehlt, kann sich übrigens das Album bei illegalen Tauschbörsen herunterladen. Olli Schulz war schneller als die Internetpiraterie. Hinter den Songs verbirgt sich sein Zweitprojekt Bibi McBenson mit seinen Liedern und Albernheiten.

Das oben erwähnte Zitat von Thees Uhlmann war natürlich nicht das einzige auf dem Konzert. Vorher bat er seine Besucher, das restliche Jahr groß zu machen für Olli Schulz, da er der einzige sei, der Deutschland noch retten kann. Dem schließen wir uns an und fragen Olli, was er selbst so zu sagen hat:

Interview mit Olli

Olli Schulz, würdest du dich als Musiker bezeichnen?
Nicht ganz. Ich bin, auch, wenn sich das doof anhört, so ein bisschen Überlebenskünstler. Das ist aus der Not heraus geboren. Ich hatte eigentlich nie das Bedürfnis wirklich Musiker zu werden. Hab mir autodidaktisch ein paar Gitarrengriffe beigebracht und war schon immer ein anstrengender Musikfan für alle Leute in meiner Umgebung, da ich mit so viel Leidenschaft dabei war. Seit ich zwölf oder dreizehn gebe ich mein Geld für Platten aus. Im Musikunterricht war ich allerdings eher schlecht.


Wenn du nun im Studio bist und dort mit richtig guten Musikern wie Max Schröder zusammenarbeitest, hast oder hattest du da manchmal Probleme deine Ideen vorzustellen?
Nein hatte ich nie. Da bin ich ziemlich selbstbewusst. Vor allem weil Max so ein alter Freund ist, bzw. die Freundschaft vorher da war als das gemeinsame Musikmachen. Und auch mit den anderen Musikern bestehen ja enge Bande. Da hat man nicht solche Ängste. Und dann habe ich über die Jahre auch viel gelernt und werde dadurch immer sicherer. Auf der aktuellen Platte habe ich sogar erstmals alle meine Gitarren live eingespielt, das wär früher nie drin gewesen, da musste das meistens Max machen.

Was hat dich auf diesem Weg angespornt?
Bands wie Wilco spornen mich an. Auch wenn du nicht halb so begnadet bis wie (Wilco-Sänger) Jeff Tweedy, ist das doch ein toller Ansporn, auch mal zu versuchen über sich hinaus zu wachsen. Ich würde mir aber trotzdem nie anmaßen zu sagen: „Mein Album ist inspiriert von Wilco.“


Auf jeden Fall klingt auf deiner neuen Platte alles sehr viel mehr nach „richtiger“ Musik, der Kleinkunst-Effekt ist weg.
Ich wollte schon von Anfang an so eine Platte machen. Nur wäre das bei meinem alten Label ‚Grand Hotel Van Cleef’ nie drin gewesen.

Obwohl du dort ordentlich verkauft hast und der Erfolg von Kettcar und Tomte wohl auch ein bisschen Geld in die Firmenkasse gespült haben dürfte?
Gerade wegen dieses Erfolgs gab es natürlich diese Diskussionen: „Hey, wenn ihr für eure Bands Videos für 20- 30.000 Euro dreht, die dann nachts einmal laufen, warum kann ich dann nicht für den gleichen Betrag eine ganze Platte machen?“ Da gab’s dann auch einen kleinen Konflikt, den ich aber nicht ausarbeiten wollte, weil diese Leute einfach so gute Freunde sind – Marcus Wiebusch (GHVC-Chef) kenne ich seit 15 Jahren. Und ich will nicht mit denen in eine Situation kommen, wo alles gefährdet ist, nur weil man geschäftlich miteinander zu tun hat. Deshalb war der Label-Wechsel letztlich für beide Seiten besser.


Außerdem fällt an deinen Texten ein neue Ernsthaftigkeit und Tiefgründigkeit auf. Wo kommt das her?
Das hat verschiedene Gründe. Zunächst wollte ich die Aufmerksamkeit dadurch ganz bewusst auf die Musik lenken. Und dann habe ich diese Doku gesehen, „Darwins Nightmare“. Über die Zucht des Viktoria-Barschs in Afrika. Da werden ziemlich drastisch Nachteile der Globalisierung an einem konkreten Beispiel aufgezeigt. Generell war es noch nie so offensichtlich, was für korrupte Schweine überall an der Macht sind und trotzdem kriegen alle offenbar immer noch genug, um sich nicht aufzuregen. Die Hartz-4-Leute kriegen noch genug, um ihr Premiere-Abo zu verlängern, die anderen kriegen ihre neuesten Rechner und sind damit zufrieden. Sowas berührt einen und daraus nimmt man was mit und dieses Gefühl verarbeitet man dann. Die nächste Platte wird aber vermutlich wieder witziger. Jetzt habe ich das ein bisschen aufgeteilt. Es gibt ja noch Bibi McBenson, ein infantiler Spaß, den ich mir nebenbei gönne.


Du wohnst seit einiger Zeit in Berlin, vermisst du Hamburg?
Überhaupt nicht! Ich habe 30 Jahre in Hamburg gelebt und jetzt kann man auch mal ein paar Jahre woanders leben. Das bereichert mich momentan sehr. Vor allem meine Kolumne auf Radio Fritz – du wirst in Hamburg keinen guten Radiosender finden, so was kann man da gar nicht machen. Und dann erinnert mich in Hamburg auch jede Ecke an irgendwelche persönlichen Dramen. Hier ist ein Freund von mir gestorben, als er gerade auf dem Weg zu mir war – an einem Herzinfarkt, mit 29! Dort hatte ich diesen Streit mit meiner damaligen Freundin und bin ihr schreiend hinterhergerannt – solche Sachen. Und dann hat meine Freundin dieses Jobangebot in Berlin bekommen und ich war sofort dabei!


Im Gegensatz zu den meisten Neu-Berlinern wohnst du nicht in einem der so genannten Trend-Bezirke, sondern im relativ piefigen Lichterfelde-Ost. Wie kommt’s?
Ach weiß du, ich habe zehn Jahre meines Lebens mit irgendwelchen Hasch-Rauchern auf der Hamburger Schanze verbracht und irgendwann ist auch mal gut. Prenzlauer Berg und Mitte kann ich sowieso nicht ab. Da schreit es einem überall entgegen: Hier wird Karriere gemacht. Dann schon eher Kreuzberg. Aber, und das klingt vielleicht bürgerlich: Ich sehne mich gerade privat nach sehr viel Ruhe. Außerdem habe ich einen Hund und bin in Lichterfelde in fünf Minuten im Wald. Dort habe ich im Sommer sogar die Nationalmannschaft vorbeijoggen sehen – das kriegst du auch nicht überall.

Max Knaut u. Michael Jäger