Die Geschichte einer der ungewöhnlichsten und experimentierfreudigsten Metal-Bands der Gegenwart beginnt im Jahr 1985. Der Sänger Alexander Krull gründet mit einigen Freunden in Ludwigsburg die Band Instigators. 1988 erscheint das erste Demo „Instigators“, jedoch schon unter dem neuem Namen Atrocity. Das Demo findet beim frisch gegründeten Plattenlabel Nuclear Blast freudigen Anklang, sodass sie die Band unter Vertrag nehmen und 1989 die erste EP „Blue Blood“ veröffentlichen. Atrocity werden für ihren technisch anspruchsvollen Death Metal vom Underground gefeiert.

Nach diversen Line-Up-Wechseln besteht die Band im Jahre 1989 aus Sänger Alex Krull, Drummer Michael Schwarz, Bassist Oliver Klasen und den Gitarristen Richhard Scharf und Mathias Röderer. In diesem Jahr erscheint mit „Hallucinations“ das Debütalbum. Für das Coverartwork zeichnet sich niemand geringeres als der schweizer Künstler H.R.Giger aus. Die Scheibe kommt überraschend gut an, bedenkt man das Aufnahmeverfahren: In nur acht Tagen wird die Scheibe, quasi im Vorbeigehen, in Florida während einer Tour mit Carcass eingespielt.

Atrocity ziehen weiter und heuern bei Roadrunner Records an. 1992 erscheint mit „Todessehnsucht“ ein weitaus anspruchsvolleres Werk. Es überrascht mit jeder Menge wagneresken Momenten und integriert vier klassische Opernsänger. Bereits an diesem Punkt der Karriere wird deutlich, dass Schubladendenken bei Atrocity völlig fehl am Platz ist. Roadrunner Records veröffentlichen ohne Einverständnis der Band die Platte unter dem Namen „Longing For Death“ in den Vereinigten Staaten. Krach ist vorprogrammiert und so trennen sich Atrocity bereits nach einem Album wieder vom Label und schlagen ihr Zelte bei Massacre Records auf.

Alexander Krull zieht es nach Transsylvanien. Er möchte inspiriert werden und erfährt, dass einige seiner Vorfahren aus der Gegend der Karpaten stammen sollen. Das Thema der neuen Scheibe ist somit gefunden: Vampirismus. „Blut“ erscheint 1994 und überrascht erneut mit vielen experimentellen Sounds und ruhigen atmosphärischen Momenten. Von der verträumten Stimmung angetan, wird zunächst im Jahr 1995 die EP „Calling The Rain“, zusammen mit Alex’ Schwester Yasmin Krull, aufgenommen. Obwohl die Scheibe durch ihre liebreizenden Songs nicht gerade zum Headbangen einlädt, wird sie positiv aufgenommen und teilweise in bestuhlten Konzertsälen aufgeführt. Die Plattenfirma Massacre Records stempelt die seltsame Bezeichnung „Ethno Metal“ auf das Werk – Schubladen-Denken lebe Hoch!

Die Experimentierfreudigkeit ist aber noch lange nicht am Ende angekommen. Im gleichen Jahr erscheint eine weitere EP, diesmal mit dem Namen „Die Liebe“. Diese fällt durch eine ungewöhnliche Zusammenarbeit aus dem Rahmen: Atrocity und die Gothic-Band Das Ich wollen Grenzen sprengen. Das Konzept sieht vor, dass jede Band einige Songs der jeweils anderen Band interpretiert. Der Titelsong entspringt jedoch der Feder der Industrial-Avantgardisten Laibach. Die anschließende Tour bei der Atrocity und Das Ich gleichzeitig auf der Bühne stehen, lockt Publikum beider Szenen vor die Bühnen. Somit können sich Atrocity auch einen Namen in der Wave- und Gothik-Szene machen.

Nach diesen beiden Ausflügen ins Labor, gehen Atrocity 1996 zurück ins Studio und spielen ihr nächstes Album „Willenskraft“ ein. Brutale Riffs gepaart mit symphonischen Elementen machen dieses Werk zu einem Klassiker der Bandgeschichte. Die Texte und der Slogan „Wir sind der Menschenfeind“ werden jedoch von vielen missverstanden und drängen die Band an den rechten Rand. Um allen Zweiflern die Nahrungsgrundlage zu entziehen, zerstören sie auf dem Wacken Open Air 1996 während des Auftritts ein übergroßes Hakenkreuz. Obendrauf erscheint mit „The Definition of Kraft & Wille“ eine EP, die gespickt mit Electro-Remixen ist und eine Version des Das Ich Klassikers „Gottes Tod“ enthält. Um auch den alten Fans zu danken, wird wenig später „The Hunt“in die Läden gestellt. Eine ultraharte EP, die mit diversen neu aufgenommen Demoversionen und unveröffentlichten Material die Fans der ersten Stunde beglückt.

Dann plötzlich der Knall. 1997 wird zum einschneidenden Jahr der Ludwigsburger. Während die Musiklandschaft unter massentauglichem Billig-Pop und Techno leidet, kehren Atrocity in eine musikalische Blütezeit zurück: in die 80er. Die Metal-Welt horcht auf und ist völlig irritiert, was sie von diesem Projekt zu halten hat. Doch es funktioniert: „Werk 80“ wird zum absoluten Publikumsliebling und hält Einzug in die Deutschen Clubs. Songs wie „Tainted Love“, „Shout“ oder auch „Der Mussolini“ bringen die Floors zum Beben. Zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin (und heutigen Ehefrau) Liv Kristin setzen sie einen Meilenstein in der Metal- und Gothikszene. Wer hoch fliegt, kann tief fallen – wahre Worte, welche die Band zu spüren bekommt

Das Konzept, halbnackte Frauen in Lack und Leder auf das Cover zu bringen, kommt bei den männlichen Fans an und so behält man es, eigentlich gar nicht ihre Art, für die Best-Of „Non Plus Ultra“ (1999) und das folgende „Gemini“ (2000) bei. „Gemini“ führt die Jungs jedoch in die Sackgasse. Soundtechnisch an „Werk 80“ orientiert,versucht man wieder eigene Songs unter die Massen zu bringen. Die zusätzliche Idee, einige Songs bilingual zu gestalten, geht fehl. Atrocity haben sich verrechnet. Auch die anschließende Tour mit Pain und Samsas Traum kann nicht zu den Höhepunkten ihrer Karriere gezählt werden – einfach zu selten können die Fans in Ekstase gesetzt werden. Was folgt ist eine mehrjährige Pause, bei der sich vor allem Chefdenker Alexander Krull als Produzent diverser Künstler auszeichnen kann und die Hochzeit mit Liv Kristin gefeiert wird.

2004 dann die Rückkehr beim österreichischen Metal-Label Napalm Records. Mit dem epischen Death Metal-Brocken „Atlantis“ melden sich Atrocity zurück. Die Pause scheint den Ludwigsburgern gut getan zu haben, denn obwohl der Sound etwas dumpf wirkt, knallen die Songs wieder mit voller Wucht und Energie aus den Boxen. Es folgen weltweite Tourneen, auch mit der Schwesterband Leaves’ Eyes, bei der alle Atrocity-Mitglieder integriert sind, lediglich Liv Kristin das Mikro übernimmt.

Ende 2007 gibt es einige Line-Up-Wechsel. Drummer Moritz Neuner und Basser Chris Lukhaup nehmen ihren Hut. Im Frühjahr 2008 überraschen Atrocity die Musikwelt mit der Verpflichtung der Schlagzeug-Legende Nick Barker (ex-Cradle of Filth/Dimmu Borgir). Doch eine weitere sollte folgen: Womit keiner gerechnet hat, jedoch alle insgeheim gehofft haben, tritt ein. Ende Februar 2008 erscheint der zweite Teil des „Werk 80“-Projektes. „Werk 80 II“ glänzt dabei weniger durch elektronische Elemente, wie sie noch im Vorgänger zu finden waren, sondern vermehrt durch orchestrale Parts und den Einsätzen diverser Chöre. Songs wie „The Sun Always Shines On TV“ oder „Forever Young“ werden neu eingekleidet und erleben eine Renaissance in den Tanztempeln der Nation. Mit der Burlesque-Künstlerin Tita von Teese knüpft man nahtlos an das Original-Cover an und kann es in punkte Anspruch und Ästhetik sogar noch überbieten.

Für die anstehende Mexico-Tour wird mit Alla Fedynitch eine neue Bassistin angeheuert. Im Mai und Juli gibt es vereinzelte Festival-Auftritte in Deutschland, sowie die Möglichkeit, den Fans des VFB Stuttgart beim Saisonfinals der Fußball-Bundesliga vor über 50.000 Fans im Stuttgarter Gottlieb-Daimler musikalisch einzuheizen.

Atrocity sind:

Alexander Krull – Gesang
Thorsten Bauer – Gitarre
Mathias Röderer – Gitarre
Nick Barker – Schlagzeug
Alla Fedynitch – Bass

Enrico Ahlig