Der Sound der zwei Westlondoner, die ravenderweise zu den Basslines von Hardcore, Garage und House aufgewachsen sind und mit ihren 22 beziehungsweise 24 Jahren die Einflüsse der Specials, der Kinks und der Beatles genauso bereitwillig anerkennen wie die von Todd Edwards oder Masters At Work, kickt ganz einfach.

Simon Franks und Tom Dinsdales Debütalbum ist die Zündschur, die entfacht wurde, um ordentlich einzuheizen, und dazu sind den Audio Bullys die unterschiedlichsten Mittel recht, angefangen bei Ska bis hin zu UK Garage. Dabei herausgekommen ist Housemusik mit dem lockeren, draufgängerischen Charme, den seinerzeit Squeeze oder Madness an den Tag legten, Subbass-Beats, die nichts weiter von ihren Hörern verlangen als die Hände zu heben. Raue Energie und dreist einherstolzierende Tracks wie ‚We Don’t Care’ und ‚Ego Wars’ zeigen eine junge Band, die amphetamingepowerte Dynamik à la Who mit dem ironischen Sozialkommentar der Kings kombiniert und trotzdem alles im Brustkorb vibrierenden Donnern der britischen Clubkultur verpackt. Die erste Single ‚Real Life’ summiert dieselbe atemlose Explosion urbaner Popenergie wie einst ‚Wrote For Luck’ von den Happy Mondays oder der Specials-Klassiker ‚Too Much Too Young’. Eingewickelt in Basslines allerdings, die aus einem bei House- und Garageraves vergeudeten Leben entstanden sind. ‚Hit The Ceiling’ steuert in direktem Kurs von der Theke auf die Tanzfläche zu und kommt daher wie eine Mischung aus Funkbasslines und Punk-Attitüde, in etwa vergleichbar mit Armand van Helden im Duell mit Jimmy Pursey. ‚Intro’ feiert die Rückkehr des straighten Funk und vereint einen schluffenden Boogie-Groove mit furzenden Basslines direkt aus einem Raindance-Rave der frühen Neunziger. ‚The Tyson Shuffle’ boxt wie Lennox Lewis mit einem schrägen Quasi-Ragga-Riddim, der Bilder von einer tragikomischen Ambulanzjagd durch verlassene Citystraßen wachruft. Clash-Fans, horcht auf: Das hier ist Armageddon Time 2002. Selbstredend in Dub.

Warum aber Audio Bullys? Tom und Simon hatten beide bereits seit ein paar Jahren Musik gemacht, hauptsächlich straighten House, Garage und ein paar Bootlegs, an die sie heute lieber nicht mehr erinnert werden möchten. “Wir beschlossen, eine Zeitlang zusammen zu arbeiten”, erklären sie, frei nach dem Motto “versuchen wir’s mal”. Die Ergebnisse des Experiments fielen alles andere als enttäuschend aus. “‚I Go To Your House’ und ‚We Don’t Care’ entstanden beide ziemlich früh, und der Sound hatte definitiv etwas, das zum Namen Audio Bullys passte. So nahmen die Dinge ihren Lauf.”

Audio Bullys zwingen ihre Hörer, in der Asche von New Wave, Ska und Punk nach Referenzpunkten zu suchen – immerhin ungewöhnlich für zwei Musiker, die Anno 1980 just das Licht der Welt erblickt hatten. Songwriter Simon legt jedoch keinerlei Vorbehalte an den Tag wenn es darum geht, wann und wo Musik entstanden ist, und führt Namen wie The Specials, Bob Dylan und die Beatles neben Biggie Smalls und Method Man, Blondie und Police sowie frühen Hardcore- und Jungle-Tunes an. “Ich war schon immer anders als meine Freunde, die eigentlich keine alte Musik hören”, meint Simon. “Dabei sind die älteren Sachen einfach zu gut. Manche sagen, dass sie nur auf eine Art von Musik stehen, aber wenn man so denkt, kann es mit der Musikliebe meiner Meinung nach nicht allzu weit her sein. Die Specials hörte ich mir an, als ich anfing Musik zu machen und darüber nachdachte, wie ich Themen, die mir und anderen jungen Leuten wichtig sind, in meinen Songs rüberbringen könnte.”

Simons Texte erzählen im kleinen Rahmen von jungen Großstädtern und sind Microsagas über Straßeneckenerlebnisse und Partypolitik. “Wir schreiben über das alltägliche Leben”, kommentiert Simon, “Dinge, die man eben so erlebt, kleine Geschichten darüber, was um uns herum passiert.”
“Unsere Stücke handeln von den Themen, die uns zum jeweiligen Zeitpunkt gerade bewegen”, führt Tom aus. “‚We Don’t Care’ wurde von einem verstorbenen Freund inspiriert, andere Stücken entstehen aus einer guten Stimmung heraus oder basieren auf irgendwelchen Witzen. Hinter den einzelnen Tracks steckt kein großartiges Konzept – wir nehmen uns nicht vor, zum Beispiel eine Deep House-Nummer zu schreiben, sondern lassen etwas entstehen, das zur momentanen Stimmung passt.”

So vermittelt das leidenschaftliche ‚The Snow’ jenen zugekoksten Vorortalbtraum, der in den meisten britischen Städten längst zum Alltag gehört, von der Mehrzahl der Künstler jedoch vorzugsweise unter den Teppich gekehrt wird. ‚I Go To Your House’ und ‚Hit The Ceiling’ kommen einem Liebeslied so nahe wie man es von Audio Bullys eben erwarten kann und erzählen beide mit erfrischend realistischer, unverblümter Ehrlichkeit von den Irrungen und Wirrungen vorstädtischer Romanzen und der dazugehörigen Dating-Politik. Simon wuchs in einem musikalisch vorbelasteten Haushalt auf und wurde von seinem gitarrespielenden, songschreibenden Vater bereits in jungen Jahren dazu ermutigt, Klavier und Schlagzeug zu spielen. “Mein Schlagzeug-Lehrer zeigte mir, wie leicht es war, aus Samples einen Track zusammenzustellen”, erinnert er sich. Motiviert durch diverse Jungle-, House- und Garage-Piraten und Raves begab er sich schließlich auf seine Beat-Mission.
Tom übernimmt den DJ-Part bei den Bullys, ist bereits seit seinem 16. Lebensjahr mit seinen Decks unterwegs und verdingte sich im zarten Alter von 17 Jahren als Resident im Londoner Milk N’ 2 Sugars-Club. “Mein Weg führte mich direkt vom House zum Hardcore und wieder zurück”, erinnert er sich. In jüngerer Zeit ist Tom dabei beobachtet geworden, wie er die tanzende Meute bei der City Rockers-Clubnight verblüffte, indem er die Kinks über Leftfields ‚Phat Planet’ mischte. “Inzwischen spiele ich eine Menge eigenes Zeug”, erklärt der angehende DJ-Superstar schüchtern. “Ein Bootleg hier und dort, House, HipHop. Eine klinische Produktion ist mir dabei relativ egal, wichtig ist nur, dass es funktioniert.”

Dasselbe dürfte-eigentlich-nicht-funktionieren-tut-es-aber-trotzdem-Syndrom bestimmt ihr Songwriting – das Bestreben, an sich bedeutungslose Elemente, sei es eine George Clinton-Electronic-Funk-Saga aus den frühen Achtzigern oder eine Suburban Base-Platte, in die Agenda der Band zu integrieren. Dancemusic ohne Blick auf das Regelwerk, die sowohl ein Ohr für einen klassischen Hook wie ein Auge für die Probleme im Leben eines heranwachsenden Londoners reflektiert.

Audio Bullys sind keine von der Londoner Musikindustrie hervorgebrachten Laborratten: Wie die Bromley-Gang von 1977 oder die Crews aus Berkshire und Essex, der wir die erste Welle von Raves sowie die Drum & Bass-Explosion zu verdanken hatten, sind Audio Bullys der schlagende Beweis dafür, dass die Vororte sich nicht von der Trend-Besessenheit der modebewussten Hauptstadt beeindrucken lassen. Diese Musik ist aus dem Enthusiasmus einer gelangweilten Jugend entstanden – und ist damit für die weniger glamourösen Vororte Westlondons das, was Paul Weller einst für Woking war, schleudert dieselben Granaten, die The Damned damals auf Croydon abfeuerten. Manchmal drücken die Vorstädte es eben besonders treffend aus, und zwar ohne Hilfe der ‚Insider’.

Während allerorten der Tod der Musikindustrie proklamiert wird, sind Audio Bullys schlicht und einfach zwei Typen, die eine erfrischende Begeisterung dafür an den Tag legen, Platten sowohl zu kaufen wie selbst zu produzieren.