Herbstliche Durststrecke? Zwar spricht in der Filmbranche jeder davon, dass alle starken Filme im Sommer oder zu Weihnachten anlaufen und deswegen der Herbst cineastisch gesehen brach liegt. Aber bei genauem Hinsehen entpuppt sich das als Irrglaube. Nicht nur, weil gerade erst tolle Filme wie „Das Bourne Ultimatum“ oder auch „Yella“ angelaufen sind und in den kommenden Wochen mit „Auf der anderen Seite“, „Ratatouille“ oder „Planet Terror“ weitere Highlights warten. Auch in dieser Kinowoche, die auf den ersten Blick reichlich unspektakulär wirkt, wird mehr geboten, als man ahnt.

Nehmen wir zum Beispiel „Disturbia“, der eigentlich schon vor ein paar Wochen in die Kinos kommen sollte. Man könnte hinter der Geschichte vom ans Haus gefesselten Teenager, der mit dem Fernglas die sexy Nachbarin und einen potentiellen Serienmörder beobachtet, eine ganz peinliche High School-Variante von Hitchcocks Meisterwerk „Fenster zum Hof“ vermuten. Keine ganz falsche Vermutung zwar, aber statt eines plumpen Abklatschs gibt’s eine recht clevere Modernisierung zu sehen, die einigermaßen spannend und ziemlich amüsant ist. Selbst den übertrieben dick aufgetragene Beginn vom zerstörten Familienidyll verkraftet der nette, kleinen Teenie-Thriller ganz gut, was nicht zuletzt am sehr lässigen Shia LaBeouf in der Hauptrolle liegt. Der wirkt – auf positive Weise – wie eine Mischung aus John Cusack und Tom Hanks und darf im nächsten Sommer als Sohn von „Indiana Jones“ über die Leinwand toben.

Auch bei „Ein fliehendes Pferd“ täuscht der erste Eindruck. Wer Martin Walsers altbacken-langweilige Novelle gleichen Namens mal in der Schule lesen musste, rechnet mit dem Schlimmsten. Und wenn schon nach ein paar Minuten eine leicht bekleidete Blondine kess fragt: „Möchte noch jemand ne Latte?“, fürchtet man 90 Minuten schlüpfrigen Altherrenhumor. Doch dann entpuppt sich die Komödie als erstaunlich leichtfüßiger, beinahe entspannter Sommerfilm über die Midlife Crisis, der zwar hier und da ein wenig platt daherkommt, aber von einem hervorragenden Schauspieler-Quartett (Ulrich Tukur und Katja Riemann sind besonders sehenswert!) zum Erfolg geführt wird.

Ebenfalls mit der einen oder anderen Überraschung aufwarten kann „Wächter des Tages“. Wäre der Film eine Hollywoodproduktion, käme er vermutlich als aufgeplustertes Sequel daher, das nicht einmal ansatzweise mit dem Charme oder der Kuriosität des ersten Teils „Wächter der Nacht“ mithalten könnte. Doch es ist nun einmal ein russischer Film, und so sind nicht nur die Spezialeffekte besser als beim ersten Mal, sondern auch Stimmung und Geschichte setzen noch eins drauf – unter anderem, weil dieses Mal das Augenzwinkern in Richtung des Fantasy-Genres noch deutlicher ist. Wir verlosen 3 Wächter-des-Tages-Filmpakete, bestehend aus jeweils einem Hörbuch “Wächter der Nacht” und einem Roman “Wächter des Tages”, und zwar hier.

Augenzwinkern ist auch ein gutes Stichwort für „Shoot ’Em Up“. Wer nämlich bierernste Ballerei und Blutvergießen nach Bauernart erwartet, dürfte enttäuscht sein. Die Gewaltorgie mit Clive Owen, Paul Giamatti und Monica Bellucci nimmt sich so wenig ernst, dass man das ganze getrost als Parodie verstehen darf und sich keine Sorgen machen muss, dass hier Brutalität in irgendeiner Form intellektuell gerechtfertigt wird. Es geht um pure Action ohne Anspruch, und genau das wird auch geboten.

Der Rest der neu anlaufenden Filme spielt keine große Rolle, nicht zuletzt weil er sich als ernüchternd überraschungsfrei entpuppt. „Die Solomon Brüder“ ist eine dümmliche Sex-Variante von „Dumm und dümmer“, genau wie es schon das Plakat vermuten lässt. „The Halfmoon Files“ und „Hamburger Lektionen“ sind verschrobene Dokumentationen, die nur etwas für den ganz speziellen Geschmack sind. Und „Der kleine König Macius“ erweist sich natürlich nicht als Satire über einen zu klein geratenen Monarchen und seinen Griff nach der Weltherrschaft, sondern als Zeichentrick fürs ganz junge Publikum. Aber wer weiß, vielleicht lohnt sich ein Kinobesuch ja trotzdem. Denn manchmal ist im Herbst der zweite Eindruck doch besser als der erste.

Text: Patrick Heidmann