Balkan-Pop heißt ein Genre, das im Mainstream des Westens osteuropäische Folklore zelebriert. Nicht nur in den Clubs aller europäischen Großstädte werden mittlerweile Parties á la Russendisko gefeiert, sondern auch in der Popmusik hinterlässt die Folklore deutliche Abdrücke. Motor.de begibt sich auf Spurensuche.

Als Beirut die Musik des Balkans der größeren Indie-Szene bekannt machten, war die Vorarbeit für diesen Erfolg schon längst getan. Auch an den frühen Album von Trail of Dead oder Kaizers Orchestra war schon der Trend ablesbar, den Get Well Soon nun gekonnt weiterführen. Die Welle ist längst über uns geschwappt. Nur Wenige scheint es zu verwundern, wie schleichend sich die schnellen bis sentimentalen Bläser in die Popmusik eingefunden haben. Dabei hätte es vor zehn Jahren noch niemand für möglich gehalten, dass osteuropäische Folklore in die sonst so westlich dominierte Popmusik Einzug findet.

Der Urknall der Verschmelzung dieser unterschiedlichen Kulturen sind die politischen Umbrüche seit 1989. Mit dem Beginn des Balkan-Konflikts verloren viele Menschen ihre Heimat und fanden in den Zentren Berlin und Frankfurt Zuflucht. Seitdem tanzen in Berlin bei Balkan-Beat Parties verschiedenste Völker und Kulturen miteinander ab. Der Bosnier Robert Soko gehört zu den DJ-Pionieren erster Stunde. Er legt mittlerweile nicht mehr nur in Berlin, sondern ebenfalls in anderen europäischen und amerikanischen Großstädten auf. Dazu gibt er die gleichnamige Kompilation „Balkan Beats“ heraus.

Der bosnische Regisseur Emir Kusturica schaffte es 1998 mit seinem Film „Schwarze Katze, weißer Kater“ das ausgelassenen Lebensgefühl und vor allem die Musik des Balkans auf die Leinwand zu bannen. Er brachte das Lebensgefühl der Sinti und Roma abseits der Diskriminierungen einzelner Bevölkerungsgruppen nah. Der Komponist Goran Bregovic steuerte zu zahlreichen Kusturica-Filmen die Musik bei und beeinflusste damit eine ganze Generation von Musikern (unter ihnen Beirut).
Was bis jetzt noch nicht geschafft war, etablierte Wladimir Kaminer mit seinem Roman „Russendisko“ im Jahr 2000. Im Kaffee Burger veranstaltete er in Berlin die legendären Parties, bei denen er selbst Folklore im Beatgewand auflegte.

Gerade diese DJs mit osteuropäischen Wurzeln sorgten für die Schmelze der unterschiedlichsten Einflüsse, die mittlerweile unter dem Oberbegriff Balkan-Pop zu fassen sind. Unter ihm tummeln sich Genres wie Zigeuner-Punk, Ska, osteuropäische Folklore, Gypsy Grooves, Klezmer, Balkan-Ska und viele mehr.

Das Berliner Label „Asphalt Tango Records“ hat sich dagegen eher auf traditionelle osteuropäische Musik spezialisiert. Sie entdeckten einst „Fanfare Ciocarlia“, mittlerweile die berühmteste Balkan-Brass Band Europas. Mit „Radio Romanista“ von KAL steht am 30. Januar die nächste Veröffentlichung an. Den Gegenpol bildet das Frankfurter Label “Essay Recordings“. Hier sind auch Balkan Beat Box zu Hause, die vor wirklich keiner Genregrenze stehen bleiben. Zu den Gründern des Labels gehört Shantel, Frankfurter mit rumänischen Wurzeln. 2003 startete der Musiker und DJ die Sampler-Reihe „Bucovina Club“. Sie war so erfolgreich, dass Shantel 2007 das Solo-Album mit eigenen Kompositionen „Disko Partizani“ heraus brachte.

Shantel & Bucovina Club Orkestar – “Disko Partizani”

Dieses Manifest des aktuellen Balkan-Pop machte ihn zum populärsten Vertreter der Szene. Für das Album konnte er zahlreiche Größen der Szene versammeln. Unter ihnen Miss Platnum, die mit einer Zusammenarbeit mit Peter Fox selbst zeigte, wie einfach kulturelle Grenzen zu überwinden sind.

Die sonst so westlich dominierte Popkultur beginnt sich zu öffnen. Die Peripherie Osteuropa dringt immer mehr in den Mittelpunkt. Eine Entwicklung, die auch in anderen popkulturellen Randgebieten zu beobachten ist und der aktuellen Musikszene durchaus gut tut.

Stephan Klingebiel