“Diesmal haben wir uns teure Keyboards geleistet.” Ein fröhliches Lachen schallt aus dem Hörer und letztlich ist dieser Aussage nichts hinzuzufügen. Besser hätte es der Bassist Carey Willetts von Athlete nicht auf den Punkt bringen können. Während das erste Album des Londoner Quartetts Athlete noch von piepsenden Casio-Keyboard-Attacken dirigiert wird, so übernimmt auf dem zweiten Album ‘Tourist’ ein weitaus opulenterer wie gleichsam auch intimerer Dirigent den Stock. Das alte Grundgerüst wird umgeschmissen und Athlete fahren mit dieser neuen Herangehensweise mehr als nur einen Achtungserfolg für sich ein.

Schön ist das Gefühl. Während sich das Vierergespann aus London gerade auf Promotiontour für das neue Album ‘Tourist’ befindet, hat genau dieses Album in ihrer Heimat England binnen drei Wochen Platin erhalten. Die erste Reaktion des Bassisten Carey Willetts darauf überrascht, und macht ihn gleichsam wieder sympathisch: “Die letzten paar Wochen waren komisch.” Und dann geht der Monolog los. Mit ihrer ersten Single ‘Wires’ haben sie die höchste Radiorotation seit 1, und während Carey die letzten Wochen resümiert, wird schnell klar, wie wohl er sich in seiner derzeitigen Position fühlt. Das neue Konzept ist aufgegangen und all die vorangegangenen Zweifel sind wie weggeblasen.

Denn Zweifel gab es vor der Veröffentlichung mehr als Genug. Das erste Album ‘Vehicles & Animals’ war eines dieser Alben, das einem hüpfenden Flummi gleichkommt. Wenn man es mit Plattitüden beschreiben müsste, dann würde man mit konzentrierten Sonnenscheinbildern anfangen. Man würde Kinder auf einem Trampolin springen lassen, deren Pferdeschwänze im Takt der Musik wippen. Und enden würde das Bild mit einem unbeschwerten Kinderlachen. ‘Vehicles & Animals’ ist ein Album, das diese fröhliche Attitüde innehat, das piepsende Keyboardklänge in sich vereint und das lahme Tanzbein wieder mit Blut füllt. ‘Westside’ wie auch ‘You Got The Style’ waren coole Lieder, die Indie-Club-Hitpotenzial in sich tragen, aber niemals von der breiten Massen betanzt wurden.

Und genau jene breite Masse interessiert sich nun für Athlete. Ob es an dem Stilwechsel oder an der derzeitigen musikalischen Stimmung in England liegt, mag Carey Willetts nicht ausmachen. Fest steht für ihn nur, dass die neue musikalische Richtung sich gut anfühlt. Die billigen Keyboards wurden ausgetauscht durch Streicher und man gibt sich reifer. Musikalisch wie auch textlich: “Für uns war es schnell klar, dass wir diesmal nicht mit den billigen Casio-Keyboards arbeiten möchten, sondern ausprobieren wollen, wie unsere Musik mit Streicher-Arrangements klingt und mit teuren Keyboards. Lyrisch sind die Songs viel persönlicher. Verschiedene Stimmungen und Laune werden reflektiert und genau das wollten wir erreichen.”

Bestes Beispiel für die neu hinzugewonnene persönliche Ebene ist die erste Singleauskopplung ‘Wires’. Musikalisch minimiert beginnt das Stück und wird vorwiegend durch die Stimme des Sängers Joel Pott getragen. Während das Stück dank das Streicherarrangements gen Ende immer epischer wird, verarbeitet der Sänger lyrisch wie seine Tochter nach ihrer Geburt auf der Intensivstation lag: “Ich denke, dass dieser Song ihm geholfen hat, besser mit seinen Gefühlen klar zu kommen. Ich glaube, es war wie eine Therapie für ihn. Manchmal setzt du dich einfach hin und die Songs kommen von alleine in dir hoch. Und genauso ist ‘Wires’ entstanden. Als wir mit Travis auf Tour waren, hatten wir gerade Soundcheck, und Joel hat angefangen, die ersten Textzeilen des Songs auf eine Melodie zu singen. Insgesamt betrachtet ist dieser Song ein sehr positiver Song. Seine Tochter ist mittlerweile zwei Jahre alt, es geht ihr sehr gut. Von daher wird es Joel auch nicht schwer fallen, diesen Song live zu performen, auch wenn er sehr persönlich ist.”

Das sei nur ein Beispiel für den neuen Stil. Bei anderen Stücken hat man gleich mit einem Gospelchor gearbeitet und Stücke wie ‘Tourist’ haben im klassischen Sinne Soul. Dort möchte man Brandon Flowers von The Killers zitieren und ‘I Got Soul But I’m Not A Soldier’ leise anstimmen. Feine Sache, die keinen Zweifel zulässt. ‘Tourist’ ist ein bemerkenswertes Album, das nicht umsonst in England ohne jeglichen Hype erfolgreich ist. Auf die Frage hin, ob sie Zweifel hatten, bevor das Album veröffentlicht wurde, antwortet Carey Willets: “Uns war allen bewusst, dass wir uns mit diesem Album sehr weit vom Debüt entfernt hatten. Das ließ die Nervosität wachsen. Ich war besorgt, dass die Leute den musikalischen Wechsel eventuell nicht leiden würden. Aber es ist nun einmal ein gutes Album. Das muss kritischen Stimmen standhalten können.”

Text: Tanja Hellmig

Tour:

06.04.2005 – Hamburg, Grünspan
07.04.2005 – Berlin, Postbahnhof
10.04.2005 – München, Elserzusatzhalle
11.04.2005 – Köln, Prime Club