20 Jahre seit der ersten Lemonheads-Platte vergangen, zehn seit der (bislang) letzten – und da sind sie wieder: Evan Dando und seine Jungs. Nachdem er es zuletzt 2003 solo mit ‘Baby I’m Bored’ versuchte, kehrt Dando mit einem selbstbetitelten Album in den Schoß der Dreier-Formation zurück, unter deren Namen er in den frühen Neunzigern zum Posterboy des Indie-Pop wurde, bevor dann Drogen und so alles durcheinander brachten. Ein wenig durcheinander wirkt der gute Evan auch an diesem August-Tag in Hamburg, doch das ist verständ- und -zeihlich – hat er doch soeben einen siebenstündigen Interview-Marathon absolviert. Zeit also, um am Ende eines anstrengenden Tages zurückzublicken – und natürlich nach vorne, unten, oben, rechts und links.

Wie geht’s?
Ich bin ein wenig “brain-dead”, weil das hier das letzte Interview für heute ist… Es könnte also vielleicht das interessanteste werden, wenn auch nicht unbedingt das sinnvollste…

Nun bist du, nach deinem Solo-Album vor drei Jahren, also wieder ein “Lemonhead”. Allerdings mit einer komplett neuen Band…
Ja, das ist aber übrigens seit 1990 bei jeder neuen Platte der Fall gewesen!

Stimmt, so ziemlich…
Nein, nicht so ziemlich! Bei JEDER Platte…

Oh, ich wollte darüber auch gar nicht diskutieren, war nur etwas überrascht.
(lacht) Kein Problem – aber es sind wirklich bei jeder Platte neue Leute gewesen.

Und diesmal sind es 50% der Descendents bzw. von ALL, die als deine Band dabei sind…
Ja, da hatte ich Glück! Wir wollten ja von Anfang an so etwas machen wie die Descendents – aber wir konnten nicht gut genug spielen! Seit ich 17 Jahre alt war, wollte ich jemanden haben, der Schlagzeug spielt wie Bill (Stevenson, ALL/Descendents) – so gut! Ich fühlte mich ein wenig gebremst durch meine damaligen Mitmusiker… Deshalb habe ich mir auch selbst das Schlagzeug beigebracht und schon früh begonnen, Songs komplett alleine einzuspielen, wie z.B. ‘Mallo Cup’. Es ist vielleicht nicht großartig, aber ich weiß, was mir gefällt – und mir gefällt, wie Bill Schlagzeug spielt. Drums sind das wichtigste überhaupt, live und auf Platte! Drums und Gesang!

Also werden Karl (Alvarez, Bass) und Bill (Drums) dich auch auf Tour begleiten?
Sie können nicht von Anfang an dabei sein, weil Karl mit Gogol Bordello unterwegs und Bill im Studio beschäftigt ist – aber ich hoffe, dass sie spätestens ab Februar die zweite Hälfte der Tour spielen können.

Und wie steht’s mit den Musikern, die dich in den letzten Jahren, auch auf deiner Solo-Tour begleitet haben? George Berz, Chris Brokaw oder Murph? Obwohl – Murph ist ja gerade mit Dinosaur jr. gut beschäftigt…
Genau. Aber ich habe ein paar neue Leute, die unglaublich sind. Erinnerst du dich an die Zero Boys, die Punkband? Deren Drummer und Bassist werden dabei sein. Das Lemonheads-Line-Up bleibt also unglaublich flüssig…


Aber es wird demnach auch live ein Trio sein?
Yeah, yeah! Wenn es drei Leute sind, kommt niemand dem anderen in die Quere – noch dazu, wenn es so scheiß-heiße Musiker sind wie die, mit denen ich im Moment arbeite!

Daher auch der Song ‘Rule Of Three’ auf dem neuen Album?
Ja (lacht), das ist eine Möglichkeit, den Song zu verstehen… Tatsächlich geht es bei der ‘Rule Of Three’ aber um Folgendes: Als ich klein war, wurde mir beigebracht, beim Klettern immer mindestens drei Berührungspunkte mit dem Baum zu haben, also z.B. beide Beine und eine Hand.


Ah, so dass man zum Beispiel mit einer Hand jemandem zuwinken kann, aber…
…genau – aber nicht… (wedelt mit beiden Armen in der Luft, lacht)

Ist das auch eine Art Regel, die du fürs Leben im Allgemeinen beherzigst?
Ja, es ist wie ein Fünkchen Vorsicht, das ich stets in mir habe. Tatsächlich war ich schon immer ein recht vorsichtiger Mensch! Ich war zum Beispiel damals der einzige, der (deutet eine Nadel-Injektion in der Armbeuge an) immer erst ein kleines Bisschen probiert hat, um die Stärke auszutesten, bevor ich die volle Ladung genommen habe. Niemand macht das – und deswegen sterben so viele an einer Überdosis! Wenn jeder jedes Mal die Stärke der Drogen testen würde, wüssten sie, wie viel sie nehmen können, ohne draufzugehen! Darüber kannst du übrigens gerne schreiben, denn das liegt alles zwischen zwölf und 20 Jahren zurück, und ist eine wichtige Info für Leute, die am Leben bleiben wollen! Aber ich schätze, das finden viele zu “nerdy” (lacht)…

Und wie viel von deiner Einstellung zum Leben findet sich im Song ‘Let’s Just Laugh’ wieder? Da gibt es die Zeile “We can never do anything about anything anyway”…
Es ist nur ein Song… in dem es um unsere gegenwärtige Regierung geht – “A Texan stranger/ with a rope and a razor/ is getting impatient/ for something major” – das ist natürlich über George W. Bush.


Ah, deswegen auch die Zeile “with two more years”…
…to kill/ if you won’t – I will”, genau! Ich bin wirklich stolz auf den Song. Auf die Musik und auch den Text, der ja diese direkte Drohung ausspricht, in Richtung… dieses Typen, äh, wer auch immer es sein mag, von dem wir gerade reden (lacht). Es geht übrigens noch weiter: “I hope you’re tried and fried/ before you’re finally fired” – denn er hat so viele Leute “frittiert” (auf dem elektrischen Stuhl hinrichten lassen). Warum also nicht auch ihn frittieren?

Zwei andere Songs auf dem Album sind nach Städten benannt – ‘Pittsburgh’ and ‘Poughkeepsie’ – was bedeuten diese Orte?
Poughkeepsie ist diese normale amerikanische Durchschnitts-Stadt in Upstate New York. Dort gibt es ein berühmtes Mädchen-College – das übrigens meine allererste Freundin besuchte… Und ich wollte immer einen Song mit den Worten ‘Spanish Harlem’ darin haben. (Singt “Goes on in Spanish Harlem/ goes on in Poughkeepsie”). Der Song ist ein wenig skizzenhaft, wurde schnell geschrieben – dabei dreht sich alles ums Riff (nimmt die Gitarre, spielt das Riff von ‘Poughkeepsie’). Und dann kommt dieser Germs-Part, wo das Schlagzeug total nach Don Bolles (Germs-Drummer) klingt.

Oh ja – Bill Stevenson erzählte mir, dass du ein Germs-Tattoo hast…
Ja! (Zeigt den Rücken seiner linken Hand mit dem Germs-Logo, einem grünen Kreis) Wann hast du denn mit Bill gesprochen?

Im März, da ging es um ein paar Fragen zu den Descendents und ALL.
Ah, also nicht so lange her. Ich kenne Bill schon seit 20 Jahren, wenn auch bis zu unserer Zusammenarbeit eher flüchtig. Er ist so cool – extrem zielgerichtet, talentiert und geduldig! Ein toller Mensch.

Und auch ein fabelhafter Songwriter!
Genau, einer meiner Favoriten – und als solcher wahrscheinlich total unterschätzt, weil er “nur” der Schlagzeuger ist. Die Leute nehmen es vermutlich oft nicht einmal wahr, you know: (singt ‘Good Good Things’ von den Descendents) “I know a Place/ up in the Air” – so ein wunderschöner, zärtlicher Song, geschrieben von diesem wahnsinnigen Drummer. Ich liebe diesen Kontrast!

Da sind noch mehr Tattoos – was hat es damit auf sich?
Da ist zum einen eine Textzeile aus einem Smudge-Song, den mein Freund Tom Morgan geschrieben hat: ‘I Was Born To Change The World’, in meiner Handschrift tätowiert. Dann ist da noch das Flipper-Logo (die Band, nicht der Meeressäuger), in einer speziellen Version. Als ich Johnny Knoxville – übrigens ein toller Kerl! – traf, stellten wir fest, dass wir beide dasselbe Germs-Tattoo haben! Das letzte Tattoo ist eine Zeichnung, die meine Frau gemacht hat. Sie hat mir das Ding hier – sieht aus, wie ein Teenage Mutant Ninja Turtle, oder? – auf den Arm gemalt, als wir uns das erste Mal trafen. Ich sagte: Mal was immer du willst, und ich werde es mir tätowieren! Sie malte dieses Ding, eine Sprechblase mit dem Wort “Mao” dazu, und ich sagte: Okay, ich sehe dich in einer halben Stunde – und kam zurück mit dem Tattoo. Ich war noch nie so verliebt, auch wenn es vielleicht etwas doof ist…


Welches war das erste?
Das hier (zeigt auf das Germs-Logo). Es war umsonst – nehmt euch in Acht vor Gratis-Tattoos! Courtney (Love), Billie (Joe Armstrong) von Green Day und ich haben uns das gleichzeitig machen lassen, bei einer Keller-Party 1994. Wir waren ganz schön… “weit draußen”, und sind im Nachhinein sehr froh, dass es bei diesem kleinen grünen Kreis geblieben ist – und wir keines von den anderen Dingen genommen haben, die sie uns aufschwatzen wollten! (lacht)


Beim letzten Interview hast du dich als eher langsamer Songwriter beschrieben. Wie lief es diesmal?
Ähnlich… Weißt du, ich bin entweder sehr langsam oder richtig schnell. Oft habe ich die Musik ewig rumliegen, ohne dass mir Texte oder Melodien einfallen – oder ich schreibe den kompletten Song in 20 Minuten runter. Wie zum Beispiel ‘My Drug Buddy’ (vom Album ‘Ist A Shame About Ray’, 1992) oder ‘Ride With Me’ (von dessen Vorgänger ‘Lovey’, 1990). Manchmal landen die Songs einfach auf deinem Kopf, so wie der Apfel mit dessen Hilfe die Schwerkraft entdeckt wurde… Es fühlt sich oft wirklich so an, als käme die Musik von einem anderen Ort. Das denke ich manchmal, wenn ich Songs von J (Mascis) höre – die klingen oft so überirdisch, dass ich nicht weiß, wo sie herkommen.

J ist ja auf diesem Album auch dabei. War er auch im Studio in Fort Colorado – oder habt ihr Tapes hin und hergeschickt?
Er war da, und wir gaben ihm Aufnahmen der Songs mit, um zu sehen, ob er dazu etwas spielen wollte. Und einige Zeit später kam ein Umschlag mit lila Handschrift zurück – da dachten wir: “Ah, das könnte es sein!” Er hat kein Wort gesagt, und dann kamen auf einmal seine Soli mit der Post – typisch J.

Aber ihr anderen habt den Rest des Albums schon in Bills ‘Blasting Room’-Studio in Fort Colorado aufgenommen?
Nein, ich habe meine Parts auch einfach hingeschickt, und Bill hat dann alles zusammengebastelt (lacht). Oh ja – ich habe dort ein paar Monate quasi gelebt, Mann! Es ist toll, ruhig, verschlafen – es gibt dort sonst nichts zu tun; es ist also der perfekte Ort, um eine Platte aufzunehmen.

Stimmt eigentlich mein Eindruck, dass Bill Stevensons Songwriting sich auch auf dieser Platte wiederfindet?
Oh ja! Er schrieb ‘Become The Enemy’ und ‘Steve’s Boy’, und wir beide haben “Let’s Just Laugh” gemeinsam geschrieben – 50/50. Auch Tom Morgan hat mir beim Schreiben geholfen – von ihm stammt ‘Baby’s Home’.

In dem Song bringst du ja jemanden um – zum ersten Mal, oder?
Nein! In ‘Knoxville Girl’ – da töte ich meine Freundin (lacht)

Oh, da habe ich wohl bei meinen Hausaufgaben gepennt…
… (lacht) Hey, warte mal: Ich glaube, ich habe auf fast jeder meiner Platten jemanden umgebracht! “I’m God and I killed everybody! Now what?” Das ist aus ‘Ballarat’ (vom ‘Lovey’-Album) – da habe ich ein Manson-Zitat verwendet. Der Song ist über Charlie, Ballarat ist die Stadt, wo sie gefasst wurden. Ein Freund von mir hat ihn übrigens mal für ein High-School-Projekt interviewt!

Wann hast du eigentlich das letzte Mal mit Juliana Hatfield gesprochen?
Oh, sie hat den ersten Teil der ‘Baby I’m Bored’-Tour gespielt, 2003 in den USA – seitdem nicht mehr…

Mit einem anderen Co-Songwriter aus deiner Vergangenheit hast du dich ja – nach langen Jahren – anscheinend auch wieder versöhnt: Ben Deily, aus der ersten Lemonheads-Inkarnation.
Oh ja! Ben und ich haben zusammen abgehangen – eine sehr aufregende Nacht! Lucinda Williams hat mich bei einem Konzert auf der Bühne “besucht” und wir haben einige Songs gemeinsam gespielt. Anschließend habe ich mich backstage mit ihr unterhalten, und hörte ständig diese merkwürdigen Wortfetzen und Redewendungen im Hintergrund, die nur jemand aus meiner fernen Vergangenheit kennen konnte – wie das halt so ist, wenn man jung ist: Da denkt man sich diese ganzen albernen Insider-Jokes und Sprüche aus. Und irgendwoher hörte ich einen nach dem anderen davon. Also dachte ich “Warte mal – ist mein Cousin hier? Was geht hier vor sich?” Und es war Ben! Wir begannen, gemeinsam Gitarre zu spielen, und wir spielten die kompletten LPs ‘Creator’ und ‘Hate Your Friends’ (die ersten beiden Lemonheads-Alben) durch – und erinnerten uns an alles! Sehr lustig und sehr cool! Ehrlich gesagt, würde ich gerne mal wieder mit ihm zusammenarbeiten, er ist sehr talentiert. Wir sollten diese merkwürdige Sache machen, ein Album aufnehmen – und es nicht ‘Lemonheads’ nennen. Das würde die Leute wirklich verwirren: Jetzt, wo es die Lemonheads wieder gibt.

…und vielleicht hat ja auch Jesse (Peretz, Original-Bassist der Lemonheads) Lust, mitzumachen…
Yeah! Jesse hat übrigens einen Grammy gewonnen! Definitiv der einzige Lemonhead, der jemals einen Grammy gewinnen wird, soviel steht mal fest! Für das Foo Fighters-Video zu ‘Learning To Fly’.

Stimmt das Gerücht eigentlich, dass du damals bei der letzten Lemonheads-Tour Ben zur Weißglut gebracht hast, indem du während jedes seiner Lieder ausschließlich das Riff von ‘Sweet Child O’ Mine’ (Guns N’Roses) gespielt hast?
Ja ja, das war die “erste letzte Lemonheads-Show aller Zeiten”, bevor ich das erste Mal ausgestiegen bin… Wir haben außerdem uns und das Publikum noch mit Salat beschmissen. Das mit ‘Sweet Child’ stimmt tatsächlich – bei einigen Songs klang es cool, aber nicht bei allen… (lacht)

…und kam bestimmt auch bei Ben nicht so gut an.
Nein! (lacht) Aber ich würde gerne ein Video davon sehen!

Wie geht es dir eigentlich, wenn du an diese Zeit zurückdenkst? Immerhin sind die erste Lemonheads-Platte und -Show ziemlich genau 20 Jahre her!
Stimmt – am 19. August 1986 war das erste Konzert! Ich kann kaum fassen, wie viel Glück ich hatte! Ich bin manchmal schon sehr depressiv, aber ich hatte soviel Spaß im Leben, dass ich darauf zurückschauen kann und dann denke: Ich könnte morgen glücklich sterben! Ich bin bereit – was merkwürdig ist, denn gleichzeitig freue ich mich sehr auf die Zukunft.