Ganz ohne Tratsch und Knatsch und den Blick fest in die Vergangenheit gerichtet: Beady Eye ist die gar nicht so neue Band um den vormaligen Oasis-Frontmann.

Im Prinzip ist alles wie immer. Vorn steht dieser Typ mit seiner unverwüstlichen Britpop-Frisur, bewegt sich kaum, hat die Arme an der Seite oder hinter dem Rücken und schaut hoch zu seinem Mikrofon, in das er mehr oder weniger hineinnuschelt. Für das große englische Musikmagazin Q avancierte er damit noch 2010 zum „Greatest Frontman Of All Time“. Währenddessen stehen seine Mitmusiker neben ihm auf der Bühne, als ob sie so eine Show nicht besonders viel anginge, außer halt, dass sie hier gerade einen Job zu erledigen haben, zum Beispiel Gitarre zu spielen. Und noch etwas hat sich nicht verändert: Liam Gallagher hat immer noch ein so großes Maul wie sonst niemand. „Die Leute werden ihre Kinder Beady Eye nennen, noch bevor das Jahr rum ist!“

Beady Eye – “The Roller”

Beady Eye heißt die neue Band des vormaligen Oasis-Sängers, genau genommen ist es sogar Oasis – nur halt ohne den Mann, der praktisch alle – und vor allem alle wirklich wichtigen – Songs geschrieben und 17 Jahre lang neben ihm auf der Bühne gestanden hat. Meistens zumindest, wenn sich die Brüder Liam und Noel Gallagher nicht gerade mal wieder verstritten hatten oder Liam einfach den Tourstart verpasste oder aus irgendeinem Flieger geschmissen wurde, weil er die Flugbereiterin unziemlich angegangen war. (Man wundert sich sowieso, wie Liam reist, angesichts der lebenslangen Flugverbote, die er von den verschiedensten Linien eingesammelt hat.) Es waren natürlich großartige Sex-Drugs-and-Rock’n’Roll-Geschichten von einer der größten Rockbands der Neunziger, die über jeden und alles lästerten und allzeit eine Schneise der Skandale und Skandälchen in die Musiklandschaft schlug, die sogar für die nicht eben friedvollen britischen Musikszeneverhältnisse außerordentlich breit war. Aber man raufte sich dann halt doch immer wieder zusammen und hielt es irgendwie miteinander aus, zumindest bis August 2009, als Liam seinen Bruder mal wieder backstage und diesmal mit dessen eigener Gitarre verprügeln wollte. Das war das Ende von Oasis.

Es haben nicht viele Leute darauf gewettet, dass Liam auch ohne Noel etwas halbwegs vernünftiges zustande bringen würde, der sich bei seinem Einstieg in die ganz frühen Oasis ausdrücklich zusichern ließ, dass er der uneingeschränkte Chef der Band sein würde. Aber irgendwie hat er es doch hinbekommen. Oder besser: Sie haben es hinbekommen. Denn seine Mitstreiter – unter Oasis-Aspekten war das eigentlich eher egal – sind mit ziemlich vielen Wassern gewaschen, haben illustre Referenzen, die weit in die legendäre Frühzeit des Britpop zurückreichen. Noch am unbekanntesten ist Gem Archer, der war „nur“ bei den vergleichsweise unbekannten Heavy Stereo. Der andere Gitarrist, Andy Bell, hingegen gehörte zu den heute noch ikonisch verehrten Shoegaze-Heroen Ride, während Chris Sharrock das Schlagzeug beim „Three Lions“-Klassiker der Lightning Seeds spielte und vorher schon mit den The La’s Britpop-Geschichte schrieb.

The La’s sind eine der Bands, die Beady Eye heute als Inspiration für ihr Album „Different Gear, Still Speeding“ nennen, richtig berühmt sind sie außerhalb der Insel nie gewesen, aber sie lieferten um 1990 herum die Blaupause für den gerade startenden Britpop-Rausch. Die Rolling Stones sind die andere explizit angeführte Quelle, die der Sechziger und Siebziger, versteht sich. Und natürlich geht es wie immer auch um das größte Vorbild aller Britpopper, die Beatles. „Beatles And Stones“ heißt denn auch einer der Songs auf dem Album, eine schmissige kleine Rock’n’Roll-Nummer, die genussvoll in der popmusikalischen Klamottenkiste herumwühlt. Überhaupt: alles an Beady Eye und diesem Album ist ein Bezug auf das Gestern, mehr noch als bei Oasis, das fängt beim Vintage-Look des Artworks an. Man muss das einfach akzeptieren oder man hat nicht viel Spaß mit dieser Art Musik, die ja auch innerhalb des schon lange ausgemessenen Gebiet Gitarrenpop immer noch großartige Songs hervorbringen kann. Nicht ganz so großartige Songs, wie sie Noel früher schrieb, soviel ist klar, aber Liams Charisma und seine quengelnde Stimme waren ja das eigentliche Markenzeichen von Oasis, die in den gar nicht so seltenen Zeiten ohne diesen famosen Frontmann nicht mal halb so gut waren wie sonst.

Noels Album soll irgendwann im Sommer kommen, Beady Eye waren also schneller, ihr Album ist da. Ob es noch für die oberen Chartpositionen reicht, wird sich zeigen, zumindest die drei bisherigen Singles haben die Top Ten nicht mal im Ansatz von innen gesehen. Aber das ist auch nicht wichtig, zumindest nicht für die immer noch beinhart eingeschworene Fangemeinde und für die Livemaschine, die jetzt richtig anrollt.

Augsburg

Beady Eye: “Different Gear, Still Speeding”

VÖ: 25.2.2011

Label: Beady Eye Records / Indigo

Tracklist:
1. Four Letter Word
2. Millionaire
3. The Roller
4. Beatles And Stones
5. Wind Up Dream
6. Bring The Light
7. For Anyone
8. Kill For A Dream
9. Standing on the Edge of the Noise
10. Wigwam
11. Three Ring Circus
12. The Beat Goes on
13. The Morning Son