Nein, das ist nicht Kafka. Das ist Hamilton. Aber er starrt mit den gleichen leeren Augen. Ein trauriger Mann im Halbdunkel. Ben Hamilton hat auf dem Cover seines selbst betitelten 2006er Debütalbums optisch umgesetzt, was einen akustisch erwartet, wenn man die Platte in den Player legt.

Am Londoner Kommunemusiker, der im Umfeld der 70er Folkrock-Legende Traffic aufwächst, scheiden sich die Geister. „Vorzüglicher Akustikpop mit elektronischer Veredelung“, tönen die Lobeshymnen vom wom-Musikmagazin. Von „absehbaren Songstrukturen, die wenig Überraschendes bieten“, „glatter Instrumentierung“ und „prätentiösem Pathos“ ist bei laut.de die Rede.

Doch ein wenig Pathos kann sich der spindeldürre Hüne angesichts seines musikalischen Werdegangs schon leisten. Ben Hamilton kommt von der Straße. Tingelt zwischen U-Bahn-Stationen und Fußgängerzonen in London, Florenz und Berlin. Dort wird er von Erfolgsproduzent Stephan Fischer entdeckt und direkt ins Studio geschleift. Mit 26, einem Alter, in dem andere Popstars getrost in Rente gehen, veröffentlicht Ben Hamilton seine erste Platte bei EMI. Darauf besingt er gescheiterte Liebschaften und politische Missstände so unverschämt ehrlich, dass es (das pathetische Cover ausgenommen) jenseits aller Plattitüden liegt.

„Die Nervosität, bevor man sich in eine U-Bahn-Station stellt, und die, vor einem riesigen Konzert, ist genau dieselbe“, erklärt das Multitalent mit der Rauchstimme, „es sind die gleichen Schmetterlinge.“ Genau diese bunten Flattermänner hört man in jedem Loop, in jeder elektronischen Spielerei, die Hamiltons Akustikfeuerwerk noch etwas lauter knallen lassen.

Nach Touren mit musikalischen Kalibern wie Fury In The Slaughterhouse und Diane Weigmann, schnappt sich der zartbesaitete Musiker 2007 eine vierköpfige Band und nimmt Platte Nummer Zwei auf. „Bull In A China Shop“ ist weniger düster. Der Blick auf dem Cover bleibt der Gleiche. Diesmal in Farbe. Ben „Kafka“ Hamilton ist auf dem Weg, ein glücklicher Mann zu werden. Wenn auch mit ganz kleinen Schritten.

Jennifer Beck