Nun ist sie also endlich vorbei, die Berlinale. Nach zehntägigem cineastischen Dauerstress für Filmemacher, Kinofans und Journalisten könnte man jetzt eigentlich wieder zum Normalzustand zurückkehren, doch ein Blick auf die neuen Starts dieser Woche zeigt, wie sehr die Filmfestspiele noch nachwirken.

Gleich fünf Filme laufen an, die gerade erst beim Berliner Festival zu sehen waren, allen voran natürlich der Eröffnungsfilm „La vie en rose“. Mal wieder ein musikalisches Biopic, in diesem hier geht es um Edith Piaf. Die legendäre französische Sängerin führte ein Leben wie gemacht für eine Verfilmung. Der Spatz von Paris feierte Mitte des letzten Jahrhunderts größere Erfolge als alle anderen und war mit Marlene Dietrich befreundet und mit Charles Aznavour im Bett. Vor allem aber jagte bei ihr ein tragischer Schicksalsschlag den nächsten, von der elenden Kindheit im Puff der Oma über den Tod ihrer großen Liebe bis hin zur eigenen Drogensucht und der schrecklichen Krebserkrankung. Die französische Hauptdarstellerin Marion Cotillard meistert all diese Tiefpunkte mit beeindruckender Präzision, nur die wunderbaren Chansons der Diva kommen im Film ein wenig kurz. Aber dafür gibt es ja den schönen Soundtrack, den ihr bei uns natürlich gewinnen könnt.

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Ebenfalls schon auf der Berlinale zu sehen war „Letters From Iwo Jima“ von Clint Eastwood. Es ist der zweite Teil seines Filmprojekts über den Zweiten Weltkrieg vor der japanischen Küste, doch während „Flags Of Our Fathers“ aus der Sicht der Amerikaner erzählt wurde, geht es dieses Mal um die Soldaten aus dem Land der aufgehenden Sonne. Um einiges packender ist Eastwood die Geschichte geraten, was nicht nur an der stringenteren Erzählung, sondern auch an den überzeugenderen Schauspielern (weder Ryan Phillippe noch Paul Walker sind mit dabei!) liegt. Dass beim Oscar am Sonntag nur dieser Film ins Rennen geht, ist jedenfalls völlig gerechtfertigt.

Auch bei den Academy Awards nominiert ist mit „Tagebuch eines Skandals“ ein weiteres Berlinale-Überbleibsel. Judi Dench und Cate Blanchett beweisen in der Geschichte um eine Lehrerin, die ihre Kollegin erpresst, als sie hinter deren Affäre mit einem Schüler kommt, einmal mehr, dass sie zwei der besten lebenden Schauspielerinnen überhaupt sind. Das britische Drama hat auch sonst noch Qualitäten (die Dialoge, die Musik etc.), aber es sind diese beiden einzigartigen Frauen, die ihn zum Ereignis machen.

Jennifer Lopez ist eine solche Wirkung, zumindest als Schauspielerin, schon lange nicht mehr vergönnt gewesen, und auch mit „Bordertown“ wird sich daran nichts ändern. Auf der Berlinale wurde sie mit dem Film zur Lachnummer des Festivals, woran auch Mitstreiter Antonio Banderas nichts ändern konnte. Der Film über ungeklärte Morde an mexikanischen Billigarbeiterinnen ist ein typischer Fall von gut gemeint, aber alles andere als gut gemacht, weil er sich weniger für das wirklich ernste Thema als für J.Los Frisur interessiert.

Schließlich lief auch „Don“ auf dem Berliner Filmfestival, allerdings in einer Nebenreihe. Das ist die indische Antwort auf „Der Pate“ und natürlich spielt Shah Rukh Khan die Hauptrolle. Das Prinzip Bollywood folgt in Deutschland ja mittlerweile ganz klaren Regeln: erst läuft der Film in einigen auserwählten Großstadtkinos, bald folgt die DVD und schließlich die synchronisierte Fassung auf RTL II. Dass die billige Raubkopie allerdings schon jetzt unter dem Tresen des Inders um die Ecke zu bekommen ist, wissen wir natürlich nur vom Hörensagen!

Eigentlich auch ein Fall fürs Home Entertainment ist „Ghost Rider“, der erst einmal anderthalb Jahre hin- und hergeschoben wurde, bevor er nun doch in die Kinos kommt. Nicolas Cage wirkt in der Hauptrolle der Comicverfilmung mal wieder dermaßen vom Drehbuch gelangweilt, dass er all seine Szenen nur mit halb geöffneten Augen zu spielen scheint. Dass allerdings Peter „Easy Rider“ Fonda in dieser Biker-Action den Teufel spielt, ist immerhin ein Zeichen von originellem Casting.

Unerwartet hochkarätig ist auch die Besetzung in „Loneyl Heart Killers“, einer Film noir-Variante, in der die Polizisten noch anständige Hüte und lange Trenchcoats tragen und die Frauen ihre Zigaretten immer mit größtmöglicher Laszivität anzünden. John Travolta, Salma Hayek, Jared Leto, Laura Dern und James Gandolfini sind in der Krimigeschichte über ein mörderisches Heiratsschwindlerpärchen zu sehen, und irgendwie sieht man ihnen gerne zu, auch wenn der Film in seiner langsamen Art doch etwas Angestaubtes hat.

Bleibt noch ein Film aus Österreich, in dem garantiert niemand die Hauptdarsteller kennt. Dafür ist aber auch „in 3 tagen bist du tot“ ein klassisches Stück Genrekino, was im deutschsprachigen Kino ja eigentlich eine nette Abwechslung ist. Der Filmtitel wird übrigens kleingeschrieben, weil es sich dabei um eine SMS handelt, die eine Clique der Reihe nach verunsichert. Trotzdem ist das ganze natürlich kein Drama über die schädliche Wirkung von Handystrahlen, sondern ein Teenie-Slasher in Reinkultur. Wäre was fürs Fantasy Filmfest gewesen, aber das steht uns ja erst im Sommer wieder ins Haus!

Ach, und dann ist da ja noch der beste, schönste und empfehlenswerteste Film der Woche: „Pans Labyrinth“ ist eine gewagte und nicht nur optisch faszinierende Mischung aus Fantasy-Märchen und Polithorror über ein kleines Mädchen, dass während Francos Diktatur in Spanien seine längst vergessene Welt entdeckt. Auf der Berlinale war das Meisterwerk von „Hellboy“-Regisseur Guillermo Del Toro leider nicht zu sehen, aber beim Oscar hat diese Woche gleich sechsmal die Chance zum Sieg.

Text: Patrick Heidmann