Krise. Notstand. Enttäuschung. Manchmal sind Zerwürfnisse unter Bandmitgliedern schlimmer als Scheidungen, vor allem was die schmutzige Wäsche anbelangt. Aber manchmal entsteht aus Trennungen auch etwas Positives, indem sich die hinterbliebenen Familienmitglieder, durch einen gemeinsamen Prozess der Neudefinition und etwas Unterstützung von Außenstehenden, neu (er-)finden. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck im Falle von ‚See You On The Other Side’, dem siebten Korn-Album, und zugleich – und dem ersten ohne Gründungsgitarrist Brian ‚Head’ Welch. Korn also als Quartett.

Dennoch sitzt der Schmerz noch tief. Gerade als absoluter Fürsprecher der kritischen Hinterfragung institutionalisierter Religion und anderer fragwürdiger Populismusmechanismen, trifft es Korn-Frontmann Jonathan Davis doch hart, dass sein einstiger Bruder im Geiste nunmehr zum geistlichen Bruder mutiert ist.

“Es geht nur noch um Bibel dies, Bibel das. Er ist total gehirngewaschen.”

 

“Head war schon länger abwesend und hatte keinen großen Bock mehr, mit uns zu spielen. Ich habe seit seinem Ausstieg nicht mehr mit ihm gesprochen. Er steckt zu tief drin in seiner Christensache. Ich wünschte mir, wir könnten noch einmal ein Gespräch unter Brüdern führen, aber was er momentan zu erzählen hat, kann ich mir einfach nicht anhören. Er versucht jeden zu missionieren. Er weiß eigentlich ganz genau, dass wir Tausende Kids vor dem Selbstmord bewahrt haben, indem wir ihnen als Band etwas gegeben haben, woran sie sich festhalten können. Aber genau das bestreitet er, in dem er Korn nun dämonisiert. Und das tut weh. Es geht nur noch um Bibel dies, Bibel das. Er ist total gehirngewaschen.” Das gibt dem Wort ‘headfuck’ ja sogar noch eine ganz neue Bedeutung.

Ans Aufhören hat man trotz der erwartungsgemäßen Schrecksekunde nie wirklich einen Gedanken verschwendet, genausowenig wie an einen permanenten Ersatzspieler. “Warum sollte ich irgendeinen Typen da hin stellen, der nicht all die Opfer bringen musste wie wir bis dato? Das macht keine Sinn. Deshalb heuern wir einfach jemanden für die Tour an, und machen zu viert weiter. Ich konnte dieses Austauchprinzip noch nie verstehen. Ich mag es nicht, wenn bei einer Band plötzlich irgend jemand anderes mit auf der Bühne steht. Das ist immer schräg, weil man sich andauernd fragt: ‚Wer zur Hölle ist dieser Typ dort?'” Guter Punkt, und genauso wie der gute Munky als Alleingitarrenunterhalter der Band nun die Riffs jetzt punktgenau fokussiert auf den selbigen bringt, gibt es eher Grund zur Freude als zum Meckern.


Ebenso erfreulich gestaltet sich auf dem aktuellen Album auch der ausgesprochene Mut zum experimentellen Risiko, was sich nicht zuletzt in der Kollaboration mit dem Pop-Produzenten-Team The Matrix manifestiert. “Mein Idee war von Anfang an, einmal mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten und einen komplett anderen Ansatz zu finden. Haben wir als harte Rockband die Eier uns mit ein paar Pop-Produzenten zusammenzutun? Warum nicht, lass mal sehen was sich daraus entwickelt. Und es hat funktioniert”, erklärt Jonathan den titelgerechten Aufbruch zu neuen Ufern. Und wahrlich, Korn schaffen es gekonnt, ihr gewohntes Antlitz bei gleichzeitigen Seitenblicken zu wahren. ‚Open Up’ dürfte das wohl heroisch melodischste Pop-Metal-Pastiche seit langem sein, trotz “16-Takte-Refrain im Gegensatz zu ein und demselben Riff, welches sich normalerweise immer wiederholt” sein, und auch ungewohnte Falsett-Einlagen wie im Album-abrundenden Industrial-Balladen-Bombast von ‚Tearjerker’ hat man “einfach mal ausprobiert.” Von den überaus genial exotischen bis klassisch überraschenden Breaks und Beats sowie deren begleitenden Melodieführungen mal ganz abgesehen. Ein textliches Novum hingegen ist die Tatsache, dass Herr Davis hier nicht mehr ganz so selbstzentriert agiert wie in früheren Tagen, auch wenn etwaige Perspektivvariationen bei ihm nicht auf einen ausgeglicheneren, weniger leidvollen Stimmungshaushalt schließen lassen sollten. Auch privates Familienglück macht das Dasein nicht unbedingt leichter oder gar erträglicher. “Nein, nichts hat sich bei mir wirklich verändert. Das Leben geht auch mit Familie und Kindern weiter und genauso passieren weiterhin schlimme Dinge. Und über die schreibe ich. Schmerz, Leid und Sorgen gehen ja auch mit der Liebe Hand in Hand.”

“Ich mag Pornos ohne blöde Rahmenhandlung und Story. Einfach nur Ficken, ohne umschweife.”

Apropos Liebe (Hand folgt): Natürlich hat der bekennende Pornofan dann doch – trotz kolportierter Öffentlichmachung etwaiger Kopulationskonzepte – sämtliche Pläne eines horizontalen, vertikalen und auch sonst in fast alle Richtungen offenen, selbstgedrehten Fummelstreifens zunächst ad acta gelegt. “Durch unser Baby haben wir diese Pläne erst mal hinten angestellt, weil wir mit dieser Szene gerade nichts zu tun haben wollten. Als nur meine Frau und ich da waren, war es noch cool, aber nicht wenn du ein kleines Kind zuhause hast… Aber eines Tages werden wir bestimmt noch mal etwas in der Art aufziehen.”

 

Und bezüglich der (angelegten) Hand: “Ich mag Pornos ohne blöde Rahmenhandlung und Story. Einfach nur Ficken, ohne umschweife. Ich werde da nicht versuchen, das Rad neu zu erfinden. Man kann Pornos nicht zu kunstvoll gestalten, denn man darf nicht vergessen, dass sie zum Wichsen da sind. So einfach ist das. Es ist nicht eine der reinsten Kunstformen, auch wenn es Leute gibt, die das behaupten.” Nennt man so was vielleicht artifiziell? Wie dem auch sei, egal ob Korn oder Porn, beides hat für Jonathan eine gleiche, zweckdienliche und gleichwohl gerechtfertigte grundbedürfnisimmanente Gemeinsamkeit: “Beides kommt direkt zum Punkt.” Wo sich dieser, vermutlich naturgemäß wunde, dann individuell befindet – sei es im Herz-, Kopf- oder Genitalbereich – muss jeder für sich selbst entscheiden.

Text: Frank Thießies