Auch 2007 scheinen die alten Hasen den Folk zu dominieren. Zumindest wird es für Bill Callahan mit seinem neuen, schätzungsweise 13. Album “Woke On A Whaleheart” ein leichtes, allen Newcomern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Der Grund ist zum Einen, dass sein Ein-Mann-Projekt Smog inzwischen von jeder zweiten Akustikgitarrenband als Einfluss genannt wird. Zum anderen sind seine neuen Songs einmal mehr ein Argument für diese Heldenverehrung. Sonderlich wirkt allerdings, dass Callahan sie diesmal nicht unter dem Namen Smog veröffentlicht – “Woke On A Whaleheart” ist somit sein erstes offizielles Soloalbum und beim Interview zur Platte scheint der Schöpfer in ungewohnter Plauderlaune. Ein Glücksfall, beim sonst so introvertierten Songwriter.

Es erscheint zunächst verwunderlich, dass du dein neues Album nicht mit Smog, sondern unter deinem eigenen Namen veröffentlichst.
Bill Callahan
: Es war einfach Zeit für Veränderung. Produzenten an die Songs zu lassen und mit anderen Musikern intensiver zusammenzuarbeiten. Auch das Cover wurde diesmal nicht von mir gestaltet, dies übernahmen andere – obwohl ich das schon immer ganz gut selbst konnte. Insgesamt war der Antrieb, meine Musik an einen Punkt zu führen, an dem sie vorher noch nicht war.

Dies beginnt bei “Woke On A Whaleheart” schon bei der sehr guten Produktion.
Bill Callahan: Als ich mit Smog Anfang der Neunziger startete, hatte ich einfach diese Vorstellung, niemanden involvieren zu wollen. Zu Hause nur mit Kassetten meine Songs aufzunehmen. Damals war ich sehr glücklich damit, es repräsentierte sehr gut meine Stimme und meine Musik.

Nun gibt es schon das 13. Album in deiner Laufbahn als Musiker. Bei solch einer Produktivität stellt sich natürlich die Frage, ob du alles aufnimmst, was du schreibst?
Bill Callahan: Nicht ganz. Normalerweise sind es zwei oder drei Songs, die es letztlich nicht auf die Platte schaffen. Das klingt vielleicht nach wenig Arbeit, aber meistens stehen die Songs bei mir bis kurz vorm Aufnahmeprozess unter ständiger Bearbeitung.

Siehst du daher deine Alben vielleicht auch als Kapitel eines persönlichen Tagebuchs?
Bill Callahan: Möglicherweise, aber in einer etwas anderen Form. Sie begleiten mich natürlich jeden Tag, weil ich sie sehe und höre. Ich verarbeite darin auch Dinge, die mich inspiriert haben – aber von einen Tagebuch zu reden, wäre übertrieben.

An diesem Punkt möchte man ihm wiedersprechen. Sein großes Ego ließ es bislang zumindest kaum zu, dass sich der Smog-Kosmos um andere Sachen als Callahan selbst dreht. Gerade bei den Neunzigerjahre-Meisterwerken “Wild Love”, “Red Apple Falls” oder dem 2005 veröffentlichten “A River Ain’t Too Much To Love” ließ der Songwriter zwischen Folk- und E-Gitarren tief blicken: “Winter weather is not my soul but the biding for spring/Why is everybody looking at me/Like there’s something fundamentally wrong/Like I’m A southern bird that stayed north too long/Winter exposes the nests, and I’m gone.”

Doch es gab und gibt immer wieder Musiker, die es schaffen, zu diesem verschlossenen Menschen durchzudringen. Joanna Newson, Bonnie Prince Billy oder auch Lou Barlow haben mit Callahan bereits kollaboriert. “Meistens entscheide ich bereits im Vorfeld, mit wem ich zusammen arbeiten möchte. Deswegen lasse ich ihnen dann auch freie Hand, bei allem was sie machen”, erklärt er wohlwollend und fügt hinzu: “Das hilft mir sehr, neue Facetten am Sound zu kreieren.” Auf die Frage, ob dies die einzigen Einflüsse für “Woke On A Whaleheart” sind, antwortet er dann gewohnt reserviert und kryptisch: “Es ist ein Album ohne große Einflüsse. Man kann es nicht in Genres packen oder sagen, es sei von irgendeinem Musiker besonders inspiriert! Allerdings gibt es da eine Art Fluss in mir drin. Ich habe ihn vor ein paar Jahren entdeckt, er ist meine Essenz. Manchmal schwarz, manchmal glitzernd, manchmal stürmisch und wenn ich meine Augen schließe, kann ich ihn sehen!”

Auf der einen Seite verwirrend, andererseits ein weiteres Indiz für die Einzigartigkeit dieses Musikers. Auch ohne seinen Decknamen Smog beiweist Callahan höchstes Songwriter-Talent. “Woke On A Whaleheart” sitzt deswegen zwischen den Stühlen: Neben feinsten Americana, bietet es düsteren Songwriter-Pop und lockere Songpoeme. Gespielt mit einer Lässigkeit, die bei so manch jungen Kollegen erneut die Augen funkeln lässt.

Text: Marcus Willfroth