Eines vorneweg: Natürlich ist die sogenannte Flutkatastrophe in Südasien (die ja eigentlich auch eine Flutkatastrophe in Teilen Afrikas ist – in Somalia starben hunderte) das wohl entsetzlichste, nicht von Menschen verursachte Ereignis, dessen die jetzt lebenden Generationen jemals gewahr wurden. Das Leid der Betroffenen ist unermesslich, die Region wird noch auf Jahre hinaus an den Folgen zu tragen haben. Um so befremdlicher muten von daher einige Begleiterscheinungen an, die während der ersten Tage nach der Katastrophe zu beobachten waren.

Dabei schien der Start von den Reaktionen her vorbildlich: scheinbar unbürokratisch und ohne viel Aufsehen wurden die nötigen Maßnahmen eingeleitet. Nun aber, da der erste Schock verhallt ist, machen sich hier und da von ähnlichen Anlässen bereits bekannte, aber deshalb nicht weniger abstoßende Subgattungen der Spezies Mensch breit. Als da wären: Der scheinheilige Betroffenheits-Salbaderer. Der Kriegsgewinnler. Der Menschen verachtende Bürokrat.

So verhalf die Katastrophe auch einem fast Vergessenen zurück auf die Titel des Boulevards. Nachdem es zuerst geheißen hatte, der “Kanzler der Einheit”, der doch eigentlich nie woanders Urlaub machen wollte als am Wolfgangssee, gedenke nicht, seinen “Kuraufenthalt” in Sri Lanka abzubrechen, hat die strauchelnde PR-Abteilung im Konrad-Adenauer-Haus den prominenten Ex-Kanzler dann wohl doch überzeugt, dass ein solches Verhalten bei den Hinterbliebenen der Opfer vielleicht nicht ganz so gut ankomme – und ergo Merkels Ambitionen auf das höchste Amt im Staate mehr schade denn nutze. So konnte das Springer-Zentralorgan “Bild” schon kurz darauf hysterisch verkünden, wie “Dr. Helmut Kohl die Killerwelle überlebte”, und das selbiger nur deshalb vor Ort bleibe, um sich bedürftigen Kindern widmen zu können – die einem solcherart bemuttert freilich fast ein wenig Leid tun können. Einmal aller Hemmungen entledigt, sank das ohnehin niedrige Niveau der Blättchen mit den großen Buchstaben dann schnell weit unter die Schamgrenze: Die “BZ” fragte “warum ist die Natur so böse”, Esther Schweins war auch da, und bald reduzierte sich in der “Bild” alles auf die bange Frage: “Bricht jetzt die ganze Welt auseinander?”

Unterdessen konnte der als Sportkommentator eben noch erträgliche aber in seiner Funktion als nächtlicher Plauderonkel mit stets betroffen-mitfühlendem Dackelblick schlicht unsägliche Reinhold Beckmann in seiner Talkrunde Biene Maja aka Karel Gott begrüßen, der zwar ebenfalls vor Ort, jedoch nicht unmittelbar betroffen war, und sich von daher darauf beschränkte, mit leuchtenden Augen vom geplanten, doch von der Welle vereitelten Tagesausflug mit der Liebsten auf eine einsame Insel zu plaudern. Ebenfalls anwesend: Diverse Katastrophenhelfer mit Schicksals-zerzauster Betroffenheitsmiene, die es auf wundersame Art schon eine Woche nach Beginn der Hilfsmaßnahmen zurück nach Deutschland und geradewegs in des Dampfplauderers öffentlich rechtliches Studio verschlagen hatte. Parallel lief “in Sat 1” eine große Spendengala – moderiert von Allzweckwaffe Kai Pflaume, musikalisch begleitet durch Jeanette Biedermanns “No More Tears” und die Scorpions. Die im Samstagabend-Show-Format aufgezogene Betroffenheits-Sause war selbstverständlich ausschließlich dem Dienst an der guten Sache geschuldet und nicht etwa dem Hoffen auf eine gute Quote. Wer Pietät besaß, wendete sich dennoch Scham erfüllt ab.

Es sollte jedoch weit schlimmer kommen. Waren dies noch wenngleich hochnotpeinliche aber unterm Strich wenigstens vergleichsweise harmlose Auswüchse unserer so genannten Mediengesellschaft, sind einige Vorgänge in den betroffenen Ländern selber nur noch unfassbar. Es werden Urlaube dickbäuchiger Pauschal-Touristen fortgesetzt, nur wenige Meter entfernt von Leichenbergen, weil “wir ja schließlich nur einmal im Jahr frei, und auch lange genug gespart und es uns verdient haben”. Verdient hätten solche Leute etwas ganz anderes… doch lassen wir das, es geht noch weiter.

Da glaubten wir nun Jahre lang, mehr Bürokratie als im der preußischen Tradition verpflichteten Beamtenstaat Deutschland gehe nun wirklich nicht, und werden nun von den Anrainerstaaten des Indischen Ozeans prompt eines Besseren belehrt. Sri Lanka verbot zunächst den Einflug von Hilfsgütern, da, während einer offensichtlich unaufschiebbaren Flugreise von Regierungsmitgliedern, aus Sicherheitsgründen der Luftraum frei gehalten werden musste, Indonesien verzögerte die Einreise der Hilfskonvois in die Provinz Aceh, da dort wegen des Bürgerkrieges ein Einreiseverbot für Ausländer besteht. Auch danach musste an den Grenzen mühsam jedes einzelne Carepaket deklariert und gefilzt werden – könnte ja Sprengstoff für die Aufständischen im Norden drin sein. Indien verbat sich ausländische Hilfe in unangebrachter Eitelkeit gleich ganz. Man sei “durchaus in der Lage, die Katastrophe alleine zu schultern” hieß es aus der Hauptstadt Neu Delhi, während hunderttausende Inder von Hungersnöten und Seuchen bedroht sind. Die Militärjunta in Burma untersagte sämtlichen Hilfsorganisationen die Einreise und gibt außer der unrealistischen Zahl von 95 Toten nach wie vor keinerlei Informationen preis. Thailand fokussierte die eigenen Bemühungen derweil auf die Touristengebiete und vernachlässigte in fahrlässiger und Menschen verachtender Weise die Strände, an denen nur Einheimische wohnen. So war zwar in kurzer Zeit die Rekordsumme von über 1,5 Milliarden Dollar an internationalen Hilfsleistungen zusammen gekommen, nur dort, wo sie wirklich gebraucht werden, kommen die wenigsten Dinge auch an.

Sechs Tage hat es gedauert, bis die Flut von der Einführung der Maut-Gebühr als wichtigste Meldung in den Tagesthemen abgelöst wurde. Weiter berichten werden Ulli Wickert und Co aber schon. Zumindest bis der letzte Tourist ausgeflogen, die letzten Europäer identifiziert sind. Dann wird der Tross weiter ziehen, zur nächsten Katastrophe. Das Leid der hauptbetroffenen Einwohner jedoch fängt womöglich dann erst richtig an – und wird noch andauern, wenn die Kameras schon wieder ganz woanders sind.

Text: Torsten Groß