Computerkriminalität ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Früher mussten Kids noch in die Rechenzentren der Nato einbrechen, um die Aufmerksamkeit der Ermittlungsbehören auf sich zu ziehen. Wer sich so eine Hausdurchsuchung einhandelte, galt in der Szene als staatlich geprüfter Hacker.

Heute reicht es aus, ein paar MP3s zu viel bei Kazaa zum Tausch anzubieten, um mit einem Besuch der Ordnungshüter beglückt zu werden. Mehr als 400 Tauschbörsen-Sünder hat es in Deutschland schon erwischt. Sie wurden von privaten Ermittlern der Musikindustrie-Vereinigung IFPI in den Tausch-Netzen ausfindig gemacht. Danach gab es eine Anzeige gegen Unbekannt, die nicht selten von einer Hausdurchsuchung gefolgt wurde. Computer-Beschlagnahme inklusive.

Kaum hat sich der MP3-Freund vom Schrecken der Hausdurchsuchung erholt, kommt die nächste unangenehme Überraschung: Eine Schadensersatzklage der Musikindustrie – verbunden mit der Offerte, zumindest den zivilrechtlichen Ärger gegen eine Zahlung von ein paar tausend Euro kurz und schmerzvoll wieder zu beenden. Mit Klagen drohen, um dann zur Kasse zu bitten: Diese Taktik hat sich die deutsche IFPI bei der US-Musikindustrie abgeguckt. Dort wurden bisher rund 8.000 P2P-Sünder verklagt. Die Recording Industry Association of America beschäftigt angeblich mittlerweile sogar ein eigenes Call-Center, um außergerichtliche Einigungen gegen saftige Entgelte zu bearbeiten.

Der Effekt des Ganzen? Ein paar Anwälte verdienen sich mit dem Ausdrucken von Formbriefen eine goldene Nase. Getauscht wird natürlich trotzdem wie eh und je. MP3-Dateien sind längst zu einer Art Marihuana der Datennetze geworden. Sie warnen dich schon in der Schule davor – und trotzdem macht jeder mit. Boah, bin ich Grokster. Reich mir mal die Blubster rüber. Und danach ein bisschen Gnutella. Hmmm, lecker!

Klar, ein paar arme Seelen werden regelmäßig hochgenommen. Alle anderen haben schnell kapiert, dass ihnen nichts passiert, wenn sie ihre Joints nicht gerade vor den Augen der Polizei anzünden. Oder eben regelmäßig ihren Shared Folder ausleeren.

Natürlich wissen auch die Piraten-Jäger, dass sie nicht jeden erwischen können. Doch das ist ja auch gar nicht ihre Absicht. So wie der Kampf gegen Drogen nicht für das hehre Ziel der Abstinenz ausgefochten wird, sondern für Wählerstimmen, geht es beim Kampf gegen Piraterie auch primär nicht darum, Leute vom Tauschen abzubringen. Was zählt, ist der unmittelbare Effekt. Die Schlagzeile. Der Eindruck: Wir tun was. Es geht aufwärts. Das Piraterie-Problem wird offensiv angegangen. In ein, zwei Jahren haben wir es gelöst. Also kauft unsere Aktien, so lange sie noch billig sind!

Langsam scheint es auch einigen Tauschbörsen-Nutzern zu dämmern, dass sie in dieser Auseinandersetzung lediglich Bauernopfer sind. Nicht jeder will sich das gefallen lassen. So ruft die Website P2PUnite.net (http://www.p2punite.net) für die letzte Aprilwoche zu einem Boykott der Entertainment-Industrie auf. Tauschbörsen-Freunde sollen in dieser Woche keine CDs oder DVDs kaufen und um Kinos einen großen Bogen machen. Die Idee ist nicht ganz neu. So hatte der deutsche Chaos Computer Club (CCC) schon im letzten April zu einem unbefristeten Boykott der Musikindustrie aufgerufen.

Eine politische Aktion, an der man sich durch pures Nichtstun beteiligen kann – und ganz nebenbei auch noch Geld spart? Das klingt zu gut, um wahr zu sein. Erwartungsgemäß hat der CCC-Boykott außer ein paar kessen Schlagzeilen auch rein gar nichts gebracht. Dem April-Boykott dürfte ein ähnliches Schicksal blühen. Womit wir bei einer weiteren Parallele zum Krieg gegen Drogen wären: Die Nutzer sind oftmals leider viel zu träge. Klar, alle sind dagegen. Aber aktiv werden? Das eigene Wohnzimmer verlassen? Puh, was für’n Aufwand.

Dabei gibt es jenseits der eigenen vier Wände unzählige Beispiele für gelungenen Aktionismus. Klar, dazu kann auch ein Boykott gehören. Doch eine erfolgreiche Boykott-Aktion braucht zuallererst einmal einen guten Plan. Und einen klar umrissenen Gegner. Eine einzelne Firma, zum Beispiel. Erfolgreiche Boykott-Kampagnen sind immer zielgerichtet. Die Musikindustrie zu boykottieren ist etwa so konkret wie “die Großkonzerne” scheiße zu finden. Zumal es im Zweifelsfall schnell mal die Falschen trifft. Leute wie Russell Simmons zum Beispiel. Oder Brian Eno. Oder Chuck D. Oder den netten Musiker von nebenan. Die finden Klagen gegen P2P-Nutzer nämlich auch alle blöd.

Lektion Nummer zwei: Erfolgreiche Boykott-Aktionen drehen sich nicht ums Geld. Jedenfalls nicht um die paar Kröten, die eine Hand voll kritische Verbraucher in der Tasche haben. Was zählt, ist auch hier das Signal. Die Schlagzeile. Das beschmutzte Image. Das wachsende Misstrauen der Shareholder. Wer will schon gerne in eine Firma investieren, die so verzweifelt ist, dass sie Universitäten drangsaliert, Rentner ruiniert und kleine Kinder frisst?

Und schließlich: Erfolgreiche Boykotts sind öffentlich. Wenn jemand damit aufhört, Fleisch zu essen, kann das für ihn noch so ehrenwerte Gründe haben – für den Rest der Welt ist es eine Diät. Also stinklangweilig. Interessant wäre dagegen, wenn P2P-Fans ein paar Monate lang jeden Samstag zur besten Einkaufszeit vor den Einzelhandels-Niederlassungen eines Konzerns stehen würden, der eine der großen vier Plattenfirmen besitzt. Mit Flugblättern, Plakaten und guten Argumenten.

Zu Grokster für so viel Aktionismus? Kein Problem. Mit ein bisschen Glück kommen die Damen und Herren eh bald daheim vorbei.

 

Janko Röttgers lebt und arbeitet als freier Autor in Los Angeles.