In den Augen der meisten dort heranwachsenden Jugendlichen (zu denen auch Bonde Do Role mit ihren gerade mal Anfang 20 zählen) ist Curitiba im Süden Brasiliens eher langweilig. In einer Hinsicht aber können sich die gut anderthalb Millionen Einwohner der Stadt (zu denen Bonde Do Role ebenfalls zählen) nicht über mangelnde Abwechslung beschweren: “Wir sagen immer: In Curitiba kann man die vier Jahreszeiten alle an einem Tag erleben! Morgens wacht man auf, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass es draußen um den Gefrierpunkt kalt ist. Mittags sind es dann auf einmal 25°C und strahlender Sonnenschein, worauf es dann wenig später beginnt, in Strömen zu regnen. Am Nachmittag kommt der ‘Herbst’ mit 15°C und nachts wird es wieder kalt,” erzählt Marina Vello, die Sängerin von BDR, lachend.

Ein ähnliches Wechselbad der Gefühle stellt auch die Musik des Trios dar: Nach einer fiesen Metal-Tapping-Gitarre und dämonischem Gefasel im Intro schlägt ihr Debütalbum ‘With Lasers’ bald einen viel tanzbareren Weg ein. Versatzstücke aus lateinamerikanischen Rhythmen und Miami Bass verbrüdern sich mit mehr oder weniger sinnfreien Texten über ‘Office Boys’ (eine der verbreitetsten Nebenbeschäftigungen für Teenager in Curitiba) oder losgelassene Hühner (‘Solta O Frango’), und ergeben gemeinsam etwas, das sich “Baile Funk” nennt. Aber nur außerhalb von Brasilien bzw. für des Portugiesischen nicht mächtige Menschen.

Denn eigentlich stellt “Baile Funk” nicht den Namen einer Musikrichtung dar, sonder bezeichnet lediglich eine Party oder Tanzveranstaltung (“Baile”), auf der eben “Funk” gespielt wird – oder was die Brasilianer darunter verstehen. Diese “Bailes Funk” begannen ihren Siegeszug in den Favelas, den Armenbezirken von Rio, haben ihren Weg aber schnell auch in die Mittelklasse gefunden – aus der auch Bonde Do Role stammen.

So nimmt es wenige Wunder, dass Marina eher (im übertragenen Sinne) vor der eigenen Haustür tanzt, als den Weg nach Rio anzutreten. “Ich persönlich war auf ganzen zwei Bailes in Rio bisher. Das war anders als alles, was ich zuvor gesehen hatte – aber überhaupt nicht gewalttätig. Lustig war auch, dass am Eingang ein Plakat hing, mit der Inschrift: ‘Es tut uns leid, aber hier dürft ihr keine Schusswaffen mit reinbringen.’ Da geht es also nur darum, Spaß zu haben. Es gibt natürlich auch Parties, bei denen es um Drogenverkauf geht – aber damit möchte ich nichts zu tun haben.” Wer schon. In nächster Zeit jedoch wird sich Marina weder da noch dort bewegen, sondern samt ihrer beiden Mitstreiter Pedro und Gorky für einige Monate nach Berlin übersiedeln, “da wir sowieso die ganze Zeit in Europa auf Tour sein werden.” In Berlin werden zwar auch Schusswaffen und Drogen misstrauisch beäugt, aber immerhin haben wir zurzeit des öfteren auch so etwas wie “Vier-Jahreszeiten-Tage”. Aber ein brasilianisches Dance-Trio “mit Laser” hat der Hauptstadt gerade noch gefehlt!

Text: Ralph Schlegel