Ein Montag mitten im Mai. Schräge Gestalten tummeln sich in der sommerlichen Schwüle zu schummrigen Licht. Verdammt viele Matrosen hier, denke ich noch, bis mir schlagartig wieder einfällt, warum man sich heute im Berliner Columbia-Club eingefunden hat. Turbonegro spielen ja hier ihr kleines Prä-Album-Release Aufwärmkonzert. Plötzlich wird es dunkel und fünf Jungs stehen auf der Bühne. Und ihre Ununiformiertheit macht auch dem uninformiertesten Besucher klar, dass das hier nicht die Oslo Motherfuckers sind. Es sind Boozed, die Bramsche Mainactfuckers, die ihre ‚Street Skills’ gleich zu Beginn mit dem Opener vom neuen Album ‚Acid Blues’ unter Beweis stellen. Kinnlade. Kick-Ass-Kunst vom Feinsten.

Kein Wunder, schließlich haben die Burschen gerade noch ihre 250te Show gespielt und ansonsten bereits vor jeder Skandi-Rock Größe (Gluecifer, Hellacopters, Flaming Sideburns) die Hallen zum Vorkochen gebracht. Da weiß man eben, wie man sich auf der Bühne zu geben hat. Ebenfalls kein Wunder ist, dass Boozed drittes Album den ungebändigten Unterhaltungs- und Rock’n’Roll-Unsterblichkeitswillen noch konsequenter umsetzt als der ebenfalls exquisite Vorgänger ‚Tight Pants’ – die dicke Hose sitzt nunmehr nur eben noch enger. Zeit für einen kleinen Aftershow-Plausch zur neuen Platte, die nicht nur noch energetischer, sondern mit schönem Schweineorgeleinsatz und anderen Stilerweiterungen auch äußerst abwechslungsreich daher kommt. „Finde ich auch. Ich hör zwar auch gerne AC/DC oder die Ramones, aber für uns ist wichtig, dass auf einem Album immer auch was Neues passiert. Mit Trends haben wir ja eh wenig am Hut – das berührt uns alles nicht wirklich. Und auch wenn es vielleicht irgendwie doof klingt: es muss eben Rock’n’Roll sein.“

Was heißt hier doof, schließlich sind wir uns alle schnell einig, dass dieses Etikett wohl am ehesten für solche Leute bestimmt ist, die wie Studenten aussehen und noch viel schlimmer, deren Musik dann wie Studentenrock klingt. Dabei ist der Sänger selber auch noch einer. Zumindest auf dem Papier. „Ich studiere nebenbei auch noch aber das ist mehr oder weniger Beschäftigungstherapie. Das Muckemachen hat mich schon so weit vereinnahmt, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, irgendwann mal normal abreiten zu gehen. Da würde ich glaube ich durchdrehen. Vielleicht muss ich ja mal irgendwann, aber wenn es sich vermeiden lässt…“ Lässt es sich bestimmt, denn Boozed sind zweifelsohne auf dem Weg ganz nach oben. Auch deshalb, weil sie mit ihrer neuen Scheibe den gefühlten Eindruck nachhaltig bestätigen, dass wenn man auf der Suche nach einer Band ist, die es schaffen kann, das vakante Vakuum zu füllen, welches die Trennung von Gluecifer hinterlassen hat, man sein Augenmerk tatsächlich auf den Bramsche Boys zu halten.

Und was hat man von den ganzen Konzerten im Schlepptau von Scandinavias Best außer dem Respekt vorm richtigen Rock sonst noch so gelernt? „Man versucht auf jeden Fall sich was von deren Motivation abzuschneiden und auch auf diesen Qualitäts-Standard zu kommen. Und den Tanzstil von Biff Malibu, den finde ich auch geil. Dieses locker vor und zurück steppen – das versuch ich auch manchmal“, gibt Marcus zu. Ansonsten besitzen Boozed allerdings auch genügend eigenen Charme und Charakter, um den gähnenden Langweilern, die die deutsche Musikszene nun zur Genüge überbevölkert haben, unverbindlich und freundlich nahe zu legen, auch mal ein paar Schritte zurück zu machen – und zwar runter von der Bühne. Die gehört nämlich Boozed. Und „Acid Blues“ dazu in jeden Haushalt.

Text: Frank Thießies