Von Suede über The Tears bis zum aktuellen Alleingang, war es für Herrn Anderson ein recht langwieriger Weg – bedenkt man die Schnelligkeit, mit der ansonsten aus zerbrochenen musikalischen (Band-)Partnerschaften Solo-Projekte erwachsen. Letzten Endes ist nun also auch der ehemalige Sänger aus dem bereits genannten Brit-Pop-Paradebeispielen nunmehr da angelangt, wo jeder Sänger eigentlich immer hin will – beim alleinigen musikalischen Ausdruck des eigenen Selbst.

»E-Card mit CD-Listening, Video etc.

Ja, recht düster-melancholisch und verhältnismäßig spartanisch ist Bretts Debüt geworden, aber dies mindert keineswegs die ihm – gerade auch lyrisch – immanente Ehrlich- und Aufrichtigkeit. “Für mich ist dieses Album der Anfang eines langen Prozesses. Mein Einstand sozusagen. Es war ja auch gar nicht als groß angelegtes, aufgeblasenes Weltereignis intendiert, sondern ist eher eine kleine, persönliche Platte geworden.” Das trifft den Kern. Denn wer den/das volle(n) Brett an Suede-charakteristischen, geladenen und manchmal fast schon überstilisierten Schwülstigkeiten erwartet, liegt hier zwar nicht völlig daneben, muss aber dennoch diesbezüglich dezent ein paar Abstriche machen. Mit geradezu unaufdringlichem und gleichwohl gelassenem Gespür für reduzierten Glitzer, geht Anderson hier den viel beschriebenen Weniger-ist-mehr-Weg ganz im Sinne eines gestandenen Scott Walker-Fans. “Es ist schon lustig, für meine Verhältnisse ist das wirklich ein sehr minimalistisches Album. Früher hatten wir hunderte von Gitarrenspuren, weil meine Gitarristen das so mochten und wollten. Jetzt gibt es maximal zwei Gitarren zu hören. Und genau da wollte ich hin.”

Brett Andersson: Love Is Dead

Nicht etwa, dass ‘Brett Anderson’ auch nur ansatzweise in der rein akustisch-erdverbundenen Singer-Songwriter-Kultur wurzelt – dafür gibt es auch hier noch genug Streicher-Einheiten, Piano-Pralinen und glamourös angehauchte Song-Perlen per se. Und eben diese viel zitierte Glaubwürdigkeit, die man eben nur als Solokünstler so richtig zelebrieren kann. “In einer Band kann man sich immer hinter der Maske des Image verstecken. Das soll nicht heißen, dass meine Sachen mit Suede irgendwie gekünstelt oder unaufrichtig waren. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, wie ehrlich ich zu mir selbst in dieser Zeit war. Songs wie ‘She’s In Fashion’ oder ‘Filmstar’ sind ja schon ziemlich oberflächliche Beschreibungen, was ja auch schön und gut ist. Aber ich wollte nicht weiter bewusst über das Nichts und die Künstlichkeit schreiben. Die Absicht jetzt war eher, ein bisschen tiefer zu gehen”, erklärt Brett die neue Absicht. Nun, gegen etwas tiefer gehen ist ja gar nichts einzuwenden. Vor allem, wenn die Verpackung stimmt. “Eingängig Songs sind eben ein schönes Transportvehikel, um in die Köpfe der Leute zu gelangen. Nicht, dass ich irgend etwas indoktrinieren will. Aber nimm beispielsweise einen Song wie Suedes ‘Animal Nitrate’. Mir war klar, dass das ein schönes Lied ist und ein Hit wird, aber es sollte für mich mehr repräsentieren als pure Unterhaltung. Textlich geht es ja um eine ziemlich kalte Form von sexueller Abhängigkeit. Ich bin stolz darauf, dass es ein Erfolg wurde und zugleich inhaltlich etwas zu bieten hatte. Das wird sich in meiner Arbeit immer finden. Keine Botschaften, das wäre irreführend, aber eine tiefere Bedeutung ist für meine Arbeit auf jeden Fall essentiell.” Genauso wie dieses Album nicht nur für den Suede-Sammler, sondern für alle Freunde emphatischer Emotionalität in Pop-Perfektion.

Text: Frank Thiessies