Für etliche am aktuellen Musikgeschehen interessierte Zeitgenossen mögen Judas Priest mit ihren SM-Lederoutfits, auf die Bühne rollenden Motorrädern, Doppel-Leadgitarren, kryptisch mythologisch-satanisch inspiriertem Liedgut und einer Stimme, der man mühelos den Glastrick zutraut, nun ja, etwas befremdlich anmuten. Aber in dem kleinen Trend-unbeugsamen Dorf, dessen Ortsschild den Namen Heavy Metal trägt, ist die gesamte Einwohnerschaft seit der Reunion-Meldung vor Freude komplett aus dem Häuschen. Der verlorenen Sohn Rob Halford, Besitzer besagten Orkan-Organs, ist zu seiner Familie zurückgekehrt und mit vereinten Kräften schuf man ‘Angel Of Retribution’, das erste gemeinsame Studio-Werk seit 15 Jahren.

Und das knüpft nahtlos dort an, wo man einst aufgehört hat. Metal der absolut klassischen Schule, kein Stück eingerostet und trotz Traditionsbewusstseins frisch und bissfest. Wer bisher keine Ahnung hatte, was Priest in ihrer über 30-jährigen Karriere so alles fabriziert haben, bekommt auf diesem Album einen guten Überblick. Das sieht Bassist und Gründungsmitglied Ian Hill ähnlich. “Wir haben versucht, all das abzudecken, was uns die ganzen Jahre über ausgemacht hat. Wir waren immer schon als breit angelegte Band bekannt und haben immer alle verschiedenen Aspekte des Heavy Metal präsentiert. Schnell, schleppend, heavy, balladesk – es gibt von allem etwas.”

Dass obgleich dieser Genre-immanenten Stilvielfalt gattungsübergreifende Anerkennung der virtuosen und songschreiberischen Qualitäten der Band aus Birmingham stets verwehrt blieben, stört Ian nicht wirklich. “Ich weiß nicht, Heavy Metal war immer schon vom Mainstream abgegrenzt. Ich glaube, der Hauptunterschied zwischen Metal und anderer populärer Musik ist, dass Metal hauptsächlich musik- und nicht imageorientiert ist, obwohl es auch dort natürlich auch starke Images gibt (s.o., Anm. d. A.). Aber im Vergleich zu wirklich kommerziellen Bands ist es doch eher sekundär. Das ist vermutlich auch der Grund, warum die alle nicht so lange dabei bleiben”, erklärt Ian amüsiert, der aber auch so manche neuzeitliche Veränderungen im Musikverständnis begrüßt. “Auch wenn ich selbst zu Hause immer noch den Kram höre, den ich vor 30 Jahren gehört habe, habe ich bemerkt, dass die Grenzen immer weiter verwischen. Früher waren die Lager streng geteilt, heute sind die Bands viel offener für unterschiedlichste Spielarten – und das finde ich spannend. Das ist auch toll für den Metal, weil er so immer weiter aus seiner Nische herauskommt.”

Und da Priest quasi (mit-)prägende Ziehväter der stahlharten Gangart sind, ist es sicherlich schön mit anzusehen, dass der entwachsene Sprössling Heavy Metal weiter(-hin) ausufernd seine Stilblüten treibt. Apropos Familienstammbaum. 1969, also genau ein Jahr zurück in der Prä-Priest-Zeitrechnung, erblickte, ebenfalls in Birmingham, das andere stilbildende Schwermetallgewicht das Dunkel der Welt: Black Sabbath. Purer Zufall, oder mystische Geburtsstätte, dieses Birmingham? “Das liegt vermutlich am ganzen toxischen Müll in den Gewässern dort”, verrät Ian. Judas Priest und Heavy Metal – beides ist gleichsam mit allen Wassern gewaschen.

Text: Frank Thießies