Wir sind Fettes Brot was schuldig! Diese Kapelle hat das Interieur des deutschen Plattenregals entschieden verändert. HipHop ist Mainstream! Musik für alle! Und dass das so ist, daran haben Fettes Brot und ihre Kollegen von den Fanta 4 den entscheidenden Anteil. Die Brote hatten nie Bammel sich zu blamieren, keine Berührungsängste mit Pop-Musik und riesigen Spaß daran, Menschen zu unterhalten. Sie haben den kleinen HipHop im Kindergarten abgeholt und nach Hause gebracht. Zu UNS nach Hause.

Während andere Kollegen nach kurzfristigen Erfolgen wieder in kleinere Hallen und kleinere Apartments umziehen mussten, bleiben die Brote im zwölften Jahr fett, treffen sich zum wöchentlichen Meeting in der ‘Etage’ und gründen dort ihre eigene Plattenfirma. Jahrelange Beständigkeit. Kein Abdriften in die Mittelklasse. Immer wieder Hits: Absurdes Zeug, Tanzflurbrenner, neue Definitionen von HipHop und Songs, die jetzt schon Musikgeschichte sind.
Solltet ihr mal die Möglichkeit bekommen, den Leitern des internationalen Finanzimperiums ‘Fettes Brot Schallplatten GmbH’, den Herren Boris, Martin und Björn persönlich gegenüber zu stehen, dann zieht euren Scheitel nach, spuckt euren Kaugummi aus und tut es mir gleich und sagt brav: Danke Brot!

In dem Song ‘Kuba’ geht es um revolutionäres Bewusstsein. Ist ‘etwas verändern zu wollen’ nicht Teenagerscheiße?
Björn: Na ja, im Alter wird es, zumindest bei mir, halt immer schwieriger, den naiven Traum in sich wach zu halten. Die Vernunft und das Wissen darum, dass es so wie man sich das in seiner pubertären Jugendzeit vorgestellt hat, eigentlich nicht funktioniert, drängeln sich immer weiter in den Vordergrund. Es geht um Glauben und Ratio. Der Song soll aber nicht entmutigen. Im Gegenteil! Es wäre schön, wenn die Revolution so einfach zu machen wäre, aber so ist es nicht. Da müssen eben neue und andere Wege gefunden werden.

Hat die Gründung eurer eigenen Plattenfirma eher mit Traum oder eher mit Ratio zu tun? Idealismus oder Rentensicherung?
Martin: Wir haben uns bei Yo-Mama immer richtig aufgehoben gefühlt und hätten auch ewig so weitermachen können. Es war wohl eher die Entscheidung, dass wenn man was machen KANN, dass man dann auch mal den Mut haben sollte, es zu tun! Natürlich gab es auch wirtschaftliche Gründe. Da fällt ja jetzt ein Mitesser weg. Jetzt sind wir eine GmbH (Anm. Gemeinsam mit ihrem Manager und einem ehem. Yo-Mama Mitarbeiter) und fühlen uns wie fünf Musketiere gegen den Rest des Dorfes.
Martin: Wir sind jetzt der kleine Mini-Dinosaurier, der bei den anderen durch die Beine läuft.
 
Ihr müsst in Interviews wahrscheinlich häufig über das Älterwerden reden.

Björn: Weil wir eine der wenigen Bands sind die älter WERDEN.

Nein, natürlich weil man es euch nicht ansieht und jeder hinter das Geheimnis kommen will! Wie bei Uschi Glas.
Boris: Das Geheimnis ist ungestrecktes Heroin! Und Bikinifotos machen wir auch bald!

Um das Geld für die Rente zusammenzubekommen?
Björn: Soweit ist es ja noch nicht! Auf unsere Konzerte kommen viele Leute, die mit uns alt geworden sind. Das finde ich toll. Es kommen aber auch Leute, die nur halb so alt sind wie wir und uns immer erst seit der letzten Platte kennen. Denen scheint unsere Musik etwas zu sagen. Sie scheint für sie zu funktionieren. Das ist ein ganz gutes Gefühl, zumal wenn man bedenkt, dass man sich für dieses Publikum in den Anfangstagen ja eher etwas geschämt hat.
Martin: Das war damals alles sehr zwiespältig. Wenn wir früher mit anderen HipHop-Kollegen gespielt haben, hieß es immer: “Äh, was soll’n das jetzt? Wo kommen denn die ganzen Teenies her?” Die kamen natürlich wegen uns. Wir haben dann aber relativ schnell kapiert, dass das die wichtigsten Musikhörer sind. Die Musik, die du mit 15 hörst, hat immer einen Platz in deinem Herzen. Wenn ich mich an die Musik erinnere, die ich damals gehört habe, die hatte so etwas Magisches, Unumstößliches und Richtiges. Wenn wir für irgend jemanden diese Musik machen können, dann ist das die Erfüllung eines großartigen Traums.
Björn: Es geht darum, was Glaubwürdiges und Frisches zu machen. So lange wir das können, machen wir das. Und falls das mal vorbei ist, haben wir mit der GmbH ja jetzt eine tolle Basis, um in der Zukunft Sachen zu machen, von denen wir jetzt noch nichts wissen. Wenn wir einen Film drehen wollen, können wir das jetzt machen, wenn wir ein Buch schreiben wollen, können wir das machen. Wenn wir ‘nen geilen 15-Jährigen Rapper aus Delmenhorst treffen, dann raus damit.

Ihr wollt einen Film drehen?
Björn: Na ja, so konkret nicht.

Kennt ihr einen geilen 15 Jährigen Rapper aus Delmenhorst?
Björn: Auch nicht.

Martin: Wir haben, ehrlich gesagt, nicht Konkretes vor außer unsere eigene Platte rauszubringen. Wir sind doch Musiker! Wir sind doch viel zu gerne eine Band! Wir können uns keine Gedanken darüber machen, wie unsere Zukunft in drei Jahren aussieht. Wir suchen auch keinen 15-jährigen Rapper aus Delmenhorst, aber er könnte uns theoretisch jetzt über den Weg laufen und wir könnten was draus machen.
Boris: Da lastet jetzt aber ganz schön viel Druck auf Delmenhorst!
Alle Durcheinander: Los Delmenhorst! Gebt euch Mühe. Kommt raus aus dem Kaff!

Jetzt hagelt es Demotapes!
Boris: Ich glaube, Sarah Kuttner kommt aus Delmenhorst.
Martin: Und einer von Touché. Da stand an einer Brücke: Fuck Touché! Direkt vor seinem Elternhaus.
Alle: Ooohhhhh.

Ich habe Touché mal Live gesehen, deshalb habe ich da jetzt mal nicht soviel Mitleid wie ihr.
Martin: Wir waren mal mit Worlds Apart auf Tour. Na ja, wir haben uns zwei Tage einen Tourbus geteilt. Seitdem habe ich ein großes Herz für Boybands.
Björn: Darf ich bitte zurück zum Thema? Also: Wir wissen im Moment auch nur wie es ist, eine Plattenfirma zu GRÜNDEN. Wir haben keine Ahnung, wie es ist, eine Plattenfirma zu SEIN. Es geht hier nicht darum, in die Zukunft zu investieren und unsere Rente zu sichern. Soweit im Voraus können wir gar nicht planen. Das konnten wir noch nie. Und bei den ständigen Veränderungen wie die brennbare CD, mp3 und Klingeltöne geht das auch gar nicht.
Boris: Seitdem wir das hier machen, kommt jedes Jahr jemand und sagt: “Für nächstes Jahr musst du aber mal was überlegen wie du Geld verdienen willst. Dann ist das vorbei mit HipHop-Musik. Das geht jetzt schon seit zwölf Jahren so. Da entwickelt man so eine Art Urvertrauen, dass man immer wieder auf die Füße fällt.

Ich persönlich habe den Tod des deutschen HipHop schon zweimal voraus gesagt. Euch habe ich damit aber nie gemeint.
Martin: Weil wir kein HipHop sind? Wir sind aber HipHop! Es gibt zwar Leute, die wollen das nicht, aber: DAS ist HipHop 2005. Die große Konstante in dieser Musik war immer die Weiterentwicklung. Ich hasse die aktuelle konservative Tendenz. Da werden gerade zehn Jahre alte amerikanische Klischees in Deutschland populär. HipHop international entwickelt sich gerade unglaublich geil weiter. Outkast, Kanye West, und dann eben: Fettes Brot in Deutschland.

Rufen euch manchmal übermotivierte Marketingstrategen an und machen euch komische Kooperations-Vorschläge? Brottrunk oder so was?
Boris: Da gab es so EINIGE Vorfälle in den letzten Jahren. Der Klassiker: Macht doch mal eine Promo-Aktion vor einer Bäckerei.
Martin: Dann heißt es immer: “Und jetzt der Clou! Ihr steht vor der Bäckerei (lange Pause) und schmiert dann Schmalzbrote für die Fans! Versteht ihr? Fettes Brot! Schmalz!
Boris: Es sollte auch mal eine Brotsorte geben. Abgelehnt!
Martin: Ein Hannoveraner Bierbrauer hat mal ungefragt ein “Nordisch by Nature-Pils” auf den Markt gebracht. Der Irre wollte norddeutsches Weizenbier etablieren.
Boris: Da mussten wir nicht mal ‘ne Nacht drüber schlafen, um zu merken, dass das Quatsch ist!

Ihr habt mittlerweile alle eure Künstlernamen abgelegt.
Björn: Haben wir? Ja stimmt – haben wir! Aber eigentlich ist ja nur Martin jetzt neu dazugekommen. Boris hieß ja schon immer König Boris. Aus Schiffmeister wurde irgendwann früher schon Björn Beton und jetzt wurde aus Dr. Renz eben Martin.
Martin: Wobei, bei mir ist das ja nicht der echte bürgerliche Name. Ich heiße ja Knut. (Gelächter)
Boris: Außerdem haben uns auch neulich schon wieder neue Namen ausgedacht. Dr. Renz ist jetzt ‘rostige Pforte’.
Martin: DIE rostige Pforte!
Björn: Genau. Björn Beton ist jetzt Papa Geil. Und ich heiße jetzt Long Leg Lauterbach.
Martin: Klingt irgendwie sexuell, ist aber, weil seine Beine 108 Zentimeter lang sind. Die haben wir letztens für den Videodreh vermessen.

Wird ‘Lauterbach’ die zweite Single?
Boris: Falsch!

Geht ihr mit Band auf Tour?
Boris: Wir werden wahrscheinlich zu acht auf der Bühne stehen. Wie das im Einzelnen aussieht, ist noch nicht klar. Es wird viele Instrumente geben, aber keine klassische Band.

Mit Schlagzeug?
Martin: Ja, und zwar das Original-Schlagzeug der Münchener Freiheit, das sie 1987 bei der ZDF Hitparade dabei hatten. Die Dinger heißen Octapads!
Björn: Trotzdem verstehen uns aber nach wie vor als DJ-Band. Als drei Jungs und ein Plattenspieler finden wir immer noch gut!

Ist es die Unfähigkeit, so ein Instrument zu beherrschen, aus der HipHop entsteht?
Björn: Ich würde es positiv ausdrücken. Der ‘politische’ Gedanke, der hinter HipHop steht, ist: “Ich kann auch mitspielen bei eurem Spiel! Auch wenn ich nicht sechs Jahre Gitarrenunterricht hatte. Ich habe einen Plattenspieler, ich habe ein Mikrofon und ich habe der Welt etwas mitzuteilen. Vielleicht habe ich auch nur übersteigertes Geltungsbewusstsein und will auf der Bühne stehen und den Larry raushängen lassen. Aber irgendwas muss raus.
Martin: Ein ganz ähnlicher Ansatz wie beim Punkrock!
Boris: Das ist auch der Grund, wieso wir diese Musik gewählt haben. Es war und ist die Musik, bei der wir mitmachen können.

Was wollt ihr beim Bundesvisions-Contest gewinnen?
Martin: Nichts! Es ist Teil unserer Promo-Maschine. Das ist eine gute Möglichkeit zu einem guten Zeitpunk, nämlich zwei Tage vor Veröffentlichung der Single vor einem Millionenpublikum auf uns Aufmerksam zu machen.

Drei Hamburger mit’m Monsterbass auf Karperfahrt im Industriehafen des nationalen Musikbusiness. Der Marketingkurs hat sich gelohnt. ‘Emanuela’ chartet Top Ten! Dass man sich mittlerweile animierte Küken hält, die einem dann die Klingeltöne bei Viva für teures Abo-Geld verkaufen, scheint aber im Grundkurs “Ich – GmbH” nicht Thema gewesen zu sein. Der ‘Emanuela’-Klingelton ist auf dem Album schon drauf. Dumm aber Sympathisch. Danke Brot!

Text: Yessica Yeti