Dallas Green ist stets beides – wütender Post-Hardcore-Agitator bei Alexisonfire und sensibler Folk-Poet als City and Colour. Doch vor allem ist er eines: ein formidabler Songwriter.

Als Gitarrist und Sänger bei Alexisonfire wurde er bekannt. Mit seinem Solo-Alter-Ego City and Colour jedoch überflügelt er zusehends den Erfolg seiner Hauptband. Was ihn hier auszeichnet, sind nicht Wut und Lautstärke, sondern sensible und melancholische Song-Perlen, die auf seinem jüngsten und nunmehr dritten Album “Little Hell” komplexer arrangiert daherkommen denn je. Aus den akustisch gehaltenen Schlafzimmer-Sessions eines Zweiflers und Träumers werden mehr und mehr ausgewachsene Folk-Rock-Nummern eines Vollblutmusikers, der sich allen Schmerz von der Seele schreibt. motor.de sprach mit Dallas Green im Interview über seine zwei musikalischen Persönlichkeiten, die doch gar nicht so weit voneinander entfernt liegen, und Schreiben als Problembewältigung.

motor.de: Dallas, es sieht ganz so aus, als ob für dich erneut alles bestens läuft. Dein neues Album “Little Hell” ist vor allem in Kanada wieder sehr erfolgreich und besetzt Spitzenpositionen in den Verkaufs-Charts. Bist du soweit zufrieden mit den Reaktionen?

Dallas: Ja, doch. Irgendwie schon. Es ist ein gutes Gefühl, dass meine Platte den Leuten zu gefallen scheint. Aber grundsätzlich halte ich nicht so viel davon, zufrieden zu sein. Das macht nur träge.

motor.de: Was ist dir persönlich wichtiger? Ein genereller Ausdruck von Anerkennung, wie ihn Chart-Positionen ausdrücken sollen, oder die persönliche Meinung von Menschen denen du begegnest?

Dallas: Das ist definitiv die persönliche Meinung. Chartplatzierungen finde ich eigentlich nicht sonderlich aussagekräftig, auch wenn mich natürlich, wie schon gesagt, der Zuspruch freut.

motor.de: Lass uns ein wenig genauer über “Little Hell” sprechen. Es gibt durchaus einige Up-Tempo-Parts darauf, sodass das Album insgesamt einen beschwingteren Eindruck macht. Jedenfalls wenn man es mit deinen Vorgänger-Alben “Bring Me Your Love” oder gar “Sometimes” vergleicht. Zufall oder Absicht?

Dallas: Ja, das kann man durchaus so wahrnehmen. Aber eigentlich plane ich so etwas nicht wirklich. Es war witzig für mich zu sehen, oder manchmal auch nicht so witzig, dass in den letzten Jahren viele versucht haben, mich in diese zwei Persönlichkeiten, diese zwei “Dallas Green”, aufzuspalten. Der harte Typ von Alexisonfire und der sanfte Kerl von City and Colour. Was natürlich Quatsch ist, weil das ja immer ein und dieselbe Person gewesen ist. Jedenfalls: ich schreibe meine Songs immer für den Moment und entscheide mich dann später, wie ich sie weiterentwickle. Daran hat sich eigentlich nichts geändert. Absicht war es also sicher nicht.

motor.de: Die Arrangements sind insgesamt auch etwas komplexer geworden. Jedenfalls hat man den Eindruck, wenn man es mit den sehr heruntergebrochenen Akustik-Songs deiner vorherigen Alben vergleicht.

Dallas: Ja, absolut. Aber auch das ist nichts, was ich plane, sondern was sowieso immer Bestandteil meiner musikalischen Persönlichkeit war. Bei Alexis arbeite ich ja schließlich fast nur mit Band-Arrangements. Dass das bei City and Colour in der Hinsicht bis jetzt nicht so der Fall war, hat sich halt so ergeben. Das heißt aber nicht, dass bei meinen Solo-Sachen immer instrumentell reduzierte Akustik-Songs herauskommen müssen.

motor.de: Du wirst also bei deinen anstehenden Konzerten in Deutschland auch eine Band dabei haben?

Dallas: Es wird eine Band dabei sein, aber wir werden die Shows wohl aufteilen. Mal spiele ich allein und mal mit der gesamten Mannschaft. So jedenfalls ist der Plan.

motor.de: Aber City and Colour wird auch in Zukunft dein Projekt bleiben, oder führt es tatsächlich zu einem neuen Band-Gefüge?

Dallas: Nein, das hab ich eigentlich nicht vor. Es bleiben meine Songs und die schreibe ich auch allein. Da wäre eine Band, die ständig mitredet, nicht unbedingt von Vorteil.

City and Colour – “Silver And Gold”

motor.de: Dem hier und da beschwingteren Sound zum Trotz geht es auf “Little Hell” lyrisch gesehen wieder um sehr schwere und persönliche Themen. Du singst etwa über die psychische Erkrankung deiner Schwester (“O’ Sister”) und wenn man davon ausgeht, dass das wirklich Dinge sind, die in deinem Leben vor sich gehen: Was genau befähigt dich dazu, dieses in Songs auszudrücken? Kannst du das etwas beschreiben?

Dallas: Ich habe meine Songs einfach schon immer aus persönlichen Erfahrungen heraus geschrieben. Anders ginge es wohl gar nicht. In dem konkreten Fall hatte meine Schwester wirklich mit Depressionen und solchen Dingen zu kämpfen, ich war aber nie oder nur selten zu Hause, sodass ich sie also nicht unterstützen konnte. Das machte mir sehr zu schaffen und wenn mir etwas Schwierigkeiten bereitet, dann schreibe ich einfach darüber. So gehe ich immer mit meinen Problemen um und diese persönlichen Dinge, die mich beschäftigen, sind auch immer die Antriebsquelle für Songs. Für mich ist das ganz natürlich oder wenigstens keine besondere Befähigung sondern einfach die Art, wie ich mit meinem Kram umgehe.

motor.de: Manchmal kann es aber geradezu schmerzlich sein, deinen Lyrics zu lauschen.

Dallas: Vielleicht. Aber ich denke auch, dass meine Texte allgemein genug gehalten sind, sodass man sich hoffentlich in manchen Situationen, die ich beschreibe, wiederfinden kann. Bestenfalls können meine Erfahrungen, wie ich darüber singe und denke, auch hilfreich sein. Es gibt sicher viele, denen ähnliches widerfahren ist. Ich schreibe ja nicht über Dinge, die vollkommen an der Realität anderer vorbeigehen sondern über Sachen, die sicherlich viele durchmachen. Und hoffentlich hilft es manch einem von denen, wenn sie meine Songs hören.

motor.de: Außerdem fällt auf, dass die elektrische Gitarre mehr Raum einnimmt. Jedenfalls einige Songs wie “Weightless” sind regelrecht von ihr dominiert. Ist auch das Zufall oder etwas, was du explizit im Vorhinein wolltest?

Dallas: Das ist, denke ich, genau dasselbe Problem, das ich vorhin meinte – in den letzten Jahren hat man mir ja gewissermaßen eine gespaltene Persönlichkeit unterstellt: Der Typ von Alexis mit der E-Gitarre und der von City and Colour mit der Akustischen. Was natürlich Schwachsinn ist. Wenn es sich anbietet, schreibe ich meine Songs auch auf der Elektrischen. Das sind dann häufiger Sachen für Alexis aber eben auch oft genug ganz eigene Stücke. Es gibt diese Zweiteilung nicht wirklich. Da muss ich die Leute desillusionieren (lacht). Mir gefallen beide Stile und ich wollte mich schon mit dem ersten City and Colour-Album in keiner Weise von härterer Musik distanzieren.

motor.de: Ein paar Worte zum Video zu “Fragile Bird”. Kannst du ein bisschen darüber erzählen, worum es da geht und wie es zur Idee zum Video kam?

Dallas: Der Song hatte als Ausgangspunkt die verrückten Alpträume, die meine Frau manchmal hat. Mein Freund Michael [Michael Maxxis, Regisseur; Anm. d. Red.] und ich hatten dann einfach die Idee, dass es cool wäre, genau das auch im Video zu verfolgen: Eine Frau, die sich quält und in einer gewissen Weise leidet. Wir wollten einen Clip, der mehr eine Art Stimmung einfängt. Eine verzweifelte, düstere Stimmung. Michael ist verdammt gut darin, düstere und metaphorische Bilder zu erschaffen. Das war genau das, was wir mit dem Clip erreichen wollten und denke ich auch geschafft haben. Jedenfalls war es YouTube eine zeitweilige Sperre wert (lacht).

City and Colour – “Fragile Bird”


motor.de: Man könnte meinen, dass sich die düstere Stimmung des Clips ebenfalls entsprechend in den anderen Songs wiederfindet. Du verwendest beispielsweise sehr viel apokalyptische Bilder, etwa bei “Natural Disaster” oder im Text von “Silver and Gold”, wo du gewissermaßen den Untergang der Menschheit besingst. Ist das etwas, wovor du konkret Angst hast ?

Dallas: Nein, solche Sachen entstammen häufig meinen Träumen. Also in gewisser Weise: ja, wahrscheinlich gibt es diese Ängste in mir, aber die verbinde ich mit nichts Konkretem in der realen Welt. Und “Natural Disaster”, darin geht es mehr darum: wenn ich auf Tour bin und hier und dort verlassene oder heruntergekommene Häuser sehe; du weißt schon, diese Art von romantisch-verfallenen Gebäuden, dann frage ich mich immer, was passiert ist, dass sie jetzt so aussehen. Wie sie dort hingekommen sind und welche Geschichte sie erzählen. Vielleicht hat dort mal eine Familie gewohnt, wie hat sie gelebt? Was waren das für Menschen? Seltsam, aber solche Fragen stellt man sich ja manchmal.

motor.de: Die Geschichte von City and Colour sieht ja folgendermaßen aus: Fans von Alexisonfire traten auf dich zu und sprachen dich auf alte Demos an, die sie irgendwo im Netz gefunden hatten. Sie fragten dich daraufhin, ob du sie irgendwann einmal veröffentlichen wirst. Du hattest damals diese alten Aufnahmen sogar teilweise schon vergessen, aber weil dich immer mehr Leute danach fragten, hast du sie irgendwann einfach für dein Debüt “Sometimes” gesammelt. Richtig soweit?

Dallas: Perfekt nacherzählt, ja (lacht).

motor.de: Müsstest du heute nicht eigentlich froh darüber sein, dass dich deine Fans so genervt haben? Schließlich bist du inzwischen mit City and Colour fast erfolgreicher als mit deiner Hauptband.

Dallas: Zunächst bin ich immer froh über Unterstützung. Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn Fans auf dich zukommen und so alte Sachen ausgekramt haben. Sachen, die du selbst schon fast wieder vergessen hattest, wie du richtig sagst. Vielleicht wäre ich ohne diese Leute, die mich damals gelöchert haben, erst jetzt irgendwann auf die Idee gekommen, eine Sammlung meiner eigenen Songs herauszubringen. Zu der Zeit war das überhaupt kein Plan. Also sollte ich vielleicht sogar froh darüber sein, ja.

motor.de: “Little Hell” war bereits vor dem Release vollständig über deinen YouTube-Channel zu hören. Was hat dich dazu bewogen und wie stehst du zu dem Wandel im Musik-Business im Allgemeinen?

Dallas: Ach, zu einem gewissen Grad gehe ich da einfach mit der Entwicklung mit. So läuft das eben heutzutage. Andererseits ist es auch wirklich in Ordnung, denn sobald man es kaufen kann, taucht es eh im irgendwo im Netz auf. Da kann man es genauso gut schon vorher anbieten und dann abwarten, wer letzten Endes bereit ist, dafür zu zahlen. Dazu zwingt einen der technische Fortschritt auch ein Stück weit. Ich fand aber bemerkenswert, dass es lange Zeit eben nicht irgendwo zum illegalen Download angeboten wurde. Vielleicht gerade deshalb, weil wir es offiziell kostenlos hörbar gemacht haben; keine Ahnung, das ist Spekulation. Letztenendes kann man heutzutage nur noch hoffen, dass Leute die Musik so schätzen, dass sie auch Geld dafür ausgeben. Und was mir fast noch wichtiger ist: dass sie dann auch die Konzerte besuchen und Spaß haben.

motor.de: Im Zuge deines aktuellen Albums bleibt für Alexisonfire sicher momentan nicht viel Zeit, oder gibt es da möglicherweise schon Pläne?

Dallas: Naja, nein. Wie du schon sagst, ich bin erst einmal mit dem Release von “Little Hell” beschäftigt. Außerdem möchte ich jetzt die Chance nutzen, eine Menge Orte als City and Colour zu bereisen, die bis jetzt noch keine Gelegenheit bekommen haben, mich zu sehen. Das wird ja gewissermaßen die erste richtig große Headliner-Tour in Großbritannien und Rest-Europa. Danach dann noch die USA und Kanada, das ist erstmal mehr als genug. Und dann wird man weitersehen.

motor.de: Dafür alles Gute und danke für deine Zeit!

Interview: Henning Grabow