1976. Spätherbst. Manchester. 42 Leute. Auf einem Gig. Ein nunmehr legendärer Abend. Die Sex Pistols spielen ihr erstes Konzert in jener Industriestadt im Norden Englands, welche später als Madchester bekannt werden soll. Unter den Anwesenden: Tony Wilson, Dreh- und Angelpunkt des ganzen Films und Gründer von ’Factory Records’ und der Hacienda. Pete Shelly und Howard Devoto – Mitglieder der Buzzcocks. Und Mitglieder von Joy Division. Und nicht zu vergessen: Mick Hughnell – was aus dem Rotschopf geworden ist, wird unter den Tisch gekehrt. Hier wie auch im Film. Denn das interessiert nicht. Hier geht es um Musik. Um richtige Musik.

britaindvd_24hourpartypeople.jpg

Chaotisch und liebenswert. Detailverliebt und von Drogen durchzogen. So präsentiert sich der Film “24 Hour Party People”. Und genau so soll es sein. Von der Gründung des ersten New Wave-Clubs bis hin zum Untergang der Hacienda wird im typisch britischen Humor der musikalische Höhepunkt Manchesters dokumentiert zum Beispiel die erste mit Blut getränkte Vertragsunterzeichnung mit Joy Division und dem Selbstmord von Ian Curtis. Da wird gezeigt, wie mit der wichtigste Club, die Hacienda, gegründet wird und wie die Happy Mondays im Drogensumpf von Barbados ein ebenso kaputtes Album aufnehmen. Und obwohl ’Factory Records’ mit “Blue Monday” eine der erfolgreichsten Singles aller Zeiten auf den Markt gebracht hat und bedeutend für eine Unmenge von musikalischen Trends wurde, verlieren sie an New Orders Single “three and half pence on every copy sold”. Das nennt man Idealismus, oder? Aber solang die Party weitergeht und Gott einem erscheint, während man Tauben nach einer durchzechten Nacht auf einem dreckigen Dach abschießt, ist die Welt in Madchester doch noch in Ordnung, nicht wahr?

britaindvd_liveforever.jpg

Ob Oasis von dieser Entwicklung was mitbekommen haben, in ihrer Jugend, ist fraglich. Lassen und ließen Noel und Liam doch lieber ihre Augen zu den Nachbarn nach Liverpool wandern, um das ein oder andere Riff der Beatles zu klauen. “Live Forever”. Erste Single der Rotzkumpanen aus Manchester und neben “Common People” und “Parklife” einer der Hymnen des neuen Cool Britannia. Könnt ihr euch noch an die Aufkleber auf jeder aus England stammenden CD erinnern? Das war spannend. Wie auch amüsant. In etwa genauso amüsant wie Liam und Noel Gallagher amüsant sind, in dieser Dokumentation über den Zenith des Brit Pops. Neben Damon Albarn und Jarvis Cocker treten die beiden Streithähne in den Ring und kommentieren die damalige Zeit. Jeder getrennt voneinander. Und das da mehr als nur ein Schenkelklopfer auf sich warten lässt, liegt auf der Hand. Während Noel sich über seinen Bruder auf einem Zeitungscover witzig macht und großmäulig zugibt, dass “Be Here Now” die schlechteste CD der gesamten Bandgeschichte ist, hinterlässt der Einbrauige ein äußerst angenehmes Bild von sich. Ein kleiner O-Ton der Brüder zu “Be Here Now” gefällig? “It’s the sound of a bunch of guys on coke in the studio not giving a fuck (…) Liam thinks it fucking rocks.” Blende auf Liam, der so aussieht, als ob er dem Kameramann samt Interviewer gleich ordentlich eine reinschieben will mit seiner Faust: “At that time we thought it fucking rocks. And I still think it’s fucking great.” So lieben wir es. Während Jarvis Cocker die ganze Brit-Pop Ära unter dem Wort “If” abtut, schaut der Frontmann von Blur, Damon Albarn, etwas missmutig in die Kamera und läuft erst zur Hochform auf, als er auf seinem kleinen Banjo ein Ständchen darbietet. Die Drogen. Davon haben sie alle viel genommen. Und ohne Reue gibt ein jeder dies preis und reflektiert die Brit-Pop-Phase grundehrlich sowohl als etwas Besonderes wie auch Bedrohliches. Dankt also Oasis, dass sie diesem Boom mit “Be Here Now” den Untergang beschert haben.

Während “24 Hour Party People” die Ära zwischen den Endsiebzigern und Endachtziger durchleuchtet, schließt “Live Forever – The Rise And Fall Of Brit Pop” den Kreis der musikalischen Bedeutsamkeit Großbritanniens. Beide Zeitdokumente spiegeln auf charmanter Art und Weise die Wichtigkeit wie auch die Zerstreutheit Großbritanniens wider, und stellen ein für alle Mal fest, dass sie einfach eine großartige musikalische Nation sind, die wir nicht missen wollen. Darum warten wir gespannt auf die nächste große Bewegung und belästigen unseren DVD-Spieler zur Überbrückung mit diesen beiden großartigen ehemaligen Zelluloid-Bändern.

Text: Tanja Hellmig