Was machen vier Schotten mitten im Winter in Chicago? Auch wenn diese Frage klingt, wie die eher weniger vielversprechende Einleitung eines abgedroschenen Witzes, soll sie fürs Hier und Jetzt einmal so beantwortet werden: Ein Album namens “Man-Made” aufnehmen.

Denn die nicht ganz vollzählige Handvoll um die es geht, ist besser bekannt als Teenage Fanclub. Zu “Man-Made” etwas später mehr, vorerst ein paar Sätze zur Geschichte dieser Band. Über mehr als anderthalb Dekaden hinweg waren Norman Blake, Gerard Love und Raymond McGinley plus gelegentlich wechselnde Schlagzeuger nämlich eines von Großbritanniens Aushängeschildern in Sachen melodiösen Indie-Pop. Mit Alben wie “Bandwagonesque” und “A Catholic Education” schufen sie ihre eigene Nische zwischen Koordinaten wie den Byrds, Big Star und Dinosaur jr. Trotz einiger Platzierungen in den britischen Top Ten blieben sie aber immer eher eine Liebhaberangelegenheit, wurden vielleicht auch auf Grund der eigenen bescheidenen Selbstsicht nie zu Alternative-Megastars wie die Foo Fighters oder Weezer es sind. Ein Mangel an potentiellen Hitsingles dürfte der Grund jedenfalls nicht gewesen sein…

In den vergangenen Jahren wurde es dann einigermaßen still um die Schotten. Eine Best-Of-Compilation namens “Four Thousand Seven Hundred And Sixty-Six Seconds” und ein passenderweise “Songs Of Wisdom And Hope” betiteltes gemeinsames Album mit ihrem Kumpel Jad Fair (of Half Japanese-Fame) – beide im Jahr 2002 veröffentlicht – überbrückten die Wartezeit seit dem letzten regulären Studiowerk “Howdy!” (2000) zwar halbwegs, doch neue eigene Songs ließen auf sich warten.

Bis jetzt, denn nun gibt es gleich ein ganzes Dutzend davon. Liebevoll. Selbstgemacht. “Man-Made” eben. Unterstützung bei dieser Arbeit erhielten die inzwischen wieder einmal durch Gründungsmitglied und zwischenzeitlichen Ausreißer Francis “Nice Man” MacDonald am Schlagzeug komplettierten vier dabei von jemandem namens John McEntire. Nun könnte man mutmaßen, der schottisch klingende Nachname des Herrn hätte ihn bei der Produzentenwahl bevorzugt dastehen lassen. Norman Blake lacht, verneint und schiebt den Grund für die Entscheidung zugunsten von McEntire stattdessen auf die Tatsache, dass man sowieso befreundet und an einem gegenseitigen Ausprobieren ebenfalls schon länger interessiert gewesen sei.

Dass diese Wahl auch einen Bandausflug nach Chicago bedeutete, dürfte ihnen bewusst gewesen sein. Und dass die klimatischen Bedingungen einer solch großen, windigen Stadt im Winter nicht gerade die gastlichsten sind, hat sicher auch seinen Niederschlag in der Niedergeschlagenheit der Songs gefunden, oder?

“Man-Made” ist, dem ersten Eindruck nach, nicht unbedingt die glücklichste Platte…
Ich denke, textlich beschäftigen wir uns diesmal sicher mit Dingen, die wir in der Vergangenheit nicht so viel behandelt haben; Sterblichkeit, Vergänglichkeit und Tod. Ich denke aber nicht, dass es ein pessimistisches Album ist. Vielleicht ist diese Melancholie einfach Teil der schottischen Mentalität. Womöglich hat es auch mit dem Wetter zu tun. Übrigens lag ja in Chicago, als wir die Platte aufgenommen haben, der Schnee teilweise bis zu zwei Meter hoch! Ich schätze, die Umgebung spielt da schon sehr mit hinein. Es gibt da etwas, das wird SAD genannt, “Seasonal Affective Disorder”, das führt dazu, dass Menschen in härteren Jahreszeiten wie dem Winter mehr zu Depressionen neigen.
Vieles auf der Platte klingt aber wohl trauriger als es ist. Und oft entstehen die Texte einfach aus der Stimmung des Songs, ohne dass etwas konkretes dahintersteckt. Die erste Textzeile des ersten Songs auf dem Album lautet zum Beispiel: “I was in the water/ I was half a human” – und ich habe tatsächlich keine Ahnung, was ich damit meinte, als ich es schrieb! Aber es scheint zu funktionieren…

So etwas hat ja auch den positiven Effekt, dass es die Songs offen zur Interpretation lässt – jemand in einer völlig anderen Situation als wir beide jetzt gerade könnte sich in gerade dieser Zeile doch vielleicht genau wiedererkennen!
Das stimmt – und eine Menge Menschen scheinen das bereits zu tun, wie ich auf den Foren unserer Website sehen kann…

Wusstest Du eigentlich, dass die deutsche Band Angelika Express einen Song namens “Teenage Fanclub Girl” hat?
Nein, wusste ich nicht, würde ich aber gerne mal hören. Haben die eine Website?

Ich denke schon. Ich bin kein großer Fan der Band, doch es scheint, als würde ihre Vorstellung eines weiblichen Schönheitsideals das Teenage-Fanclub-Fansein mit einschließen. Ich glaube aber auch, in einem Interview gelesen zu haben, dass sie angeblich noch nie ein Mädchen getroffen haben, das dieses Kriterium erfüllt!
Wir werden den Entwicklungen in dieser Sache auf unserer nächsten Deutschland-Tour mal auf den Grund gehen, hehe. Es ist schon ewig her, dass wir das letzte Mal bei euch waren. Damals haben wir ein Special für Viva-TV gedreht, so eine Akustik-Sache. Verschiedene Sachen haben uns seitdem lange davon abgehalten, aber ich freue mich schon. Ich meine, als Musiker hat man diese tolle Möglichkeit, zu reisen und Leute zu treffen!

Vielen Leuten scheint das Tourleben nicht zuzusagen…
Das finde ich tatsächlich seltsam. Ich meine, so konnte ich nach Japan und Australien reisen; auf anderem Wege hätte ich wohl niemals das Geld, diese Orte zu sehen! Ebenso die Sache mit den Interviews – entweder man macht es oder nicht, aber es macht doch keinen Sinn, sich darüber zu beschweren!

Von unserer Seite aus gibt es übrigens auch nichts zum Beschweren: Norman Blake ist ein netter, bescheidener und vor allem offener Mensch. Und so driftet das Gespräch im folgenden noch in die unterschiedlichsten Themenbereiche. Der Unterschied zwischen eBay und dem herkömmlichen Stöbern im Plattenladen wird behandelt, anschließend kurz darauf hingewiesen, dass dank Normans Buddy Stephen Pastel und dessen neu eröffnetem “Monorail” nun auch Glasgow endlich wieder einen guten Plattenladen hat. Das Verhältnis zwischen Schotten, Engländern und Deutschen unter Berücksichtigung der Einwirkungen die sowohl Fußball als auch der zweite Weltkrieg darauf hatten und haben wird behandelt und die Reunion von Dinosaur jr. in Originalbesetzung als freudiges Ereignis gutgeheißen. Und genau das lässt sich dann doch prima abschließend noch auch auf die Veröffentlichung der ersten Teenage-Fanclub-Platte seit einer halben Ewigkeit, pardon – Dekade übertragen…

Text: Torsten Hempelt