Da Wachstum in der Musikwirtschaft nicht mehr durch Neuheiten zu erzielen ist, versucht man sich mit immer neuen Fusionen und Aufkäufen. Die neueste Meldung ist, dass Universal die legendäre britische EMI schlucken wird. Die Folgen für den Markt sind fatal. Wie bei den zehn kleinen Negerlein dünnt er sich aus. Solange, bis keiner mehr übrig bleibt.

Ich musste lange überlegen, bevor ich vor 25 Jahren meine Laufbahn in der Musikwirtschaft begonnen habe. Mein Ziel war es, als Journalist dort Undercover für ein Buch zu recherchieren. Dafür wollte ich mich einstellen lassen, aber wo sollte ich mich zuerst bewerben. Vielleicht bei der rockigen Phonogram, der Tochter des Philips Konzern, die Heimat der Langhaarigen war? Oder doch lieber bei Metronome, einem kleinen aber feinen Gemischtwarenladen, der einem Schallplattenhändler gehörte. Teldec war wie die zuvor genannten ein weiterer Major in meiner Heimatstadt. Eigentümer war ein Schweizer Waffenhändler und das Repertoire galt als ein wenig “trashig”. Die WEA wäre eine weitere Möglichkeit in Hamburg gewesen, genauso wie die von Siemens begründete Polydor, ein Major der den Schwerpunkt im Schlager hatte. Schließlich gab es in Hamburg noch die RCA, aber die hing angeblich eng an der Leine ihrer Münchner Mutterfirma. Nach Köln zur EMI wollte ich nicht, die galt als ein bisschen prollig und als Bestandteil des lokalen Klüngels. Die CBS aus Frankfurt erschien mir ein bisschen glatt, die Ariola in München ein wenig bieder, die Intercord in Stuttgart trotz des Mute Labels langweilig und die Berliner Hansa war bereits von Dieter Bohlen geprägt. Nur Virgin wäre es vielleicht wert gewesen, Hamburg zu verlassen. Kurz, ich hatte die Auswahl zwischen 12 Firmen, die eine finanzielle Potenz hatten, wie man sie nur bei einem Major findet.

Genauso wie mir ging es jedem Künstler oder Produzenten. Ein Dutzend mit einander konkurrierende Player hatte man zur Auswahl, wenn es darum ging Interpreten oder Produktionen zu platzieren. Zwar waren einige miteinander verbunden (die PolyGram Firmen Phonogram, Metronome und Polydor liefen zum Beispiel seit 1984 über einen Vertrieb) dennoch standen alle miteinander im Wettbewerb. Dem Markt tat das gut. Bei der breiten Palette an Ansprechpartnern war die Wahrscheinlichkeit größer, auch für verstiegene Ideen einen Partner zu finden. Und Absprachen, sei es in Sachen Preisstruktur, Chartregularien oder nur einen gemeinsamen Musikpreis wie den Echo, war viel schwerer.

Die Welt änderte sich, als aus den Labels in den neunziger Jahren Konzerne wurden. Die durch die CD scharf angewachsene Profitabilität machte gierig. Man wollte immer mehr vom Boom profitieren und suchte deshalb nach Synergien. Das Zauberwort der 90er bedeutet nicht anderes als Personaleinsparung durch Schaffung gemeinsamer Stabsstellen. Statt vieler Label-Geschäftsführer mit unterschiedlichen Visionen und Plänen gab es Ende des Jahrzehnts nur noch Präsidenten von Konzernen wie Universal, Sony, BMG, Warner und EMI. Ihr beruflicher Hintergrund war der von Motorrad-Produzenten, Juristen, TV-Redakteuren – ein musikalischer Background war bereits nicht mehr die Regel. Ihre Konzerne hatten keinen Charakter, dafür waren sie einfach zu groß. Den Künstlern waren sie deshalb meist eher Feindbild, denn Heimat.

Seither schrumpft der Markt. Betrachtet man nur die Neuheiten, ist kein Konzern mehr profitabel. Geld verdient man mittlerweile mit dem Katalog. Während Singleverkäufe und Compilations nahezu irrelevant geworden sind, hat der Katalog im Internet neue Flächen hinzugewonnen. Egal ob als Download oder per Versand, er ist plötzlich immer präsent und auf Lager. Zudem werden die Käufer immer älter (aktuell ist laut GfK Untersuchung der durchschnittliche Musikkäufer 42,5 Jahre alt!) und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser sich an einem Titel aus der “guten, alten Zeit” bedient, dadurch natürlich auch immer größer. Wachstum finden Konzerne deshalb nur noch in immer neuen Katalogen. Wachstum ist es aber, was es den Shareholdern, Quartal für Quartal zu reporten gilt. Klappt das nicht, sinkt der Börsenkurs und somit die Liquidität. Die einzige Chance unter diesen Umständen ist kaufen, kaufen, kaufen … 

There’s unlimited supply / And there is no reason why / I tell you it was all a frame / They only did it ‘cos of fame. 

EMI ist ein Katalog-Filetstück. Der Konzern basiert auf der ältesten Plattenfirma der Welt. Deshalb ist der Hund Nipper, wie er der Stimme seines Herren lauscht, das Symbol – His Masters Voice, kurz: HMV. Fred Gaisberg gründete sie 1901, weil der Gerätehersteller Gramophone für den er arbeitete, ihn nicht Enrico Caruso aufnehmen ließ. Er finanzierte die Aufnahmen aus eigener Tasche. Seither sind noch die Beatles, Blur, Robbie Williams und einige andere dazugekommen. Setzt man Vertrieb, Verwaltung und lokales A&R frei und konzentriert sich auf den Katalog und die bereits erfolgreichen Künstler, kann man also nur gewinnen. Zumindest solange, wie einen die Zinsen für den Kaufpreis nicht einholen – das wird man in der Volkswirtschaft irgendwann “Das Griechenland-Prinzip” nennen.

Dieses Vorgehen führt dazu, dass aus 1 und 1 im Merger der Musikkonzerne nicht zwei, sondern bestenfalls 1,5 wird. Der aufeinander addierte Umsatz sinkt, aber der Profit bleibt (bedingt durch Einsparungen) gleich. Für den Markt ist das ungünstig. Der Umsatz, der auf wegfallenden Veröffentlichungen basierte, wird durch keinen anderen Marktteilnehmer kompensiert. Die Künstler, die frei fallen, bekommen nirgendwo eine zweite Chance. Der Markt verliert an Breite und der Abwärtstrend der gesamten Musikwirtschaft beschleunigt sich. In der Konsequenz leitet das eine Marktschwächung ein, die sich auch auf den kaufenden Konzern auswirken muss und (wie zuvor schon bei Warner und EMI) dazu führen kann, dass er schließlich nicht mehr Gewinn macht, um die Zinsen zu bedienen, die er sich beim Kauf aufbürden musste.

Die ursprünglich auf Gier basierenden Fusionen sind heutzutage die letzten Infusionen, die eine leidende Musikindustrie am Leben erhalten sollen. Leider hat das, was man sich da zuführt, lebensgefährliche Nebenwirkungen für den ganzen Markt.

Tim Renner