In der DDR waren Michael und der vergessene Farbfilm ihr größter Hit, später im Westen dann “Ich Glotz TV”. Heutzutage darf es bei der Punk-Diva auch mal Swing sein, wie auf dem jüngsten Album “Irgendwo Auf Der Welt”. Furore macht Nina Hagen aktuell aber weniger durch ihre Musik als durch ihre Arbeit als Jury-Mitglied in der Casting-Show “Popstars” und ihre Rolle als böse Hexe im Kinohit “7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug”, der am 26. Oktober in die Kinos kommt.

Exzentrisch und willenstark ist die gebürtige Berlinerin dabei noch immer, egal ob sie über Ufos oder Politik spricht. Wir trafen sie zum Interviewtermin in Berlin, wo sie von Soziopathen, Pfefferkuchenhäusern und einem neuen Fernsehprojekt erzählte – allerdings erst, nachdem es vorher ein kleines Mittagessen gab, das am Nachbartisch leise murmelnd und esoterisch gestikulierend von ihr gesegnet wurde, während die Presse noch ein bisschen warten musste.

Hatten Sie nach dem ersten Teil, wo Sie als böse Stiefmutter doch das Zeitliche gesegnet haben, damit gerechnet, auch in “7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug” mit dabei zu sein?
Ja, denn jeder schlimme Verbrecher und Soziopath hat sich immer auch Plan B zurechtgelegt. George W. Bush hatte nach den ersten vier Jahren Präsidentschaft plötzlich diese elektronischen Wahlgeräte im Spiel und wurde wieder gewählt. Das hatte ich jetzt zwar nicht, aber ich habe mich immerhin auf mein altes Hexenhaus besonnen, um dort mein Feindbild weiter aufrecht zu halten und noch schlimmere Gifte zusammenzumischen. Inzwischen pfeife ich mir allerdings gegen Frustration, Depression und Selbsthass Prozac-mäßige Vergiss-mein-schnell-Tropfen rein. Ich habe nicht nur für die Rolle, sondern schon mein ganzes Leben völkerrechtswidrige Kriegstreiber und Soziopathen in Politik und Privatleben studiert, deswegen ist es ganz easy, so etwas zu spielen. Und Soziopathen kommen ja immer komisch rüber. Das war auch neulich bei George W. wieder so, als er Angie Merkel bei der Petersburg von hinten mit einer Massage geschockt hat.

Wären denn diese Tropfen, mit denen man so schön vergisst, auch etwas fürs echte Leben?
Nein, überhaupt nicht. Denn wenn man die nimmt, bleibt man in seiner Entwicklung stecken. Das wahre Glück wirst du dann nicht finden, denn das ist in dir selbst, und wenn man es wegdrückt mit irgendwelchen Mitteln, kann man sich nicht weiterentwickeln und entdeckt nicht die wahre, göttliche Superpower.

Immer in sich selbst zu ruhen hat Sie Ihr Leben lang ausgezeichnet. Kann man das lernen?
So etwas müssen wir alle wieder lernen, weil wir das irgendwie abtrainiert bekommen. Wir sind die einzigen Wesen, die sich immer so dermaßen von Gott abgetrennt vorkommen und fühlen. Die ganze Mutter Natur hat damit überhaupt kein Problem, denn die ist eins mit Gott. Aber wenn wir uns die alten Weisheiten der Tolteken oder die Lehren von Christus oder Buddha noch einmal richtig verinnerlichen, dann wissen wir, dass wir – um wirklich glücklich zu sein – einen so genannten halben Weg zu Gott zurücklegen müssen. Das bedeutet, dass wir uns klein machen und verstehen müssen, dass wir alleine mit unseren wildesten Wünschen und Zielen nicht weiterkommen, wenn wir uns nicht mit dem großen Geist verbinden. Es ist nämlich alles Gott, auch die schlechten Situationen in deinem Leben. Die wurden dazu geschaffen, um daraus zu lernen und Lektionen zu ziehen.

Sie predigen aber nicht eine einzelne Religion, oder?
Nein. Schon mein indischer Lehrer hat immer gesagt: alle Religionen sind gleichwertig, folge der Religion deines Herzens. Versuche nie, die anderen zu deiner Religion zu bekehren, sondern tauscht eure spirituellen Erfahrungen und eure ekstatischen, religiösen Situationen miteinander aus.


Von der Religion zum Humor: entspricht “7 Zwerge” dem ihrigen?
Ja, absolut. Wie ein alter Matrose bin ich manchmal aus dem Sessel hochgeschnellt und habe strammstehen müssen vor lauter Lachanfällen. Und hat nicht schon Dr. Martin Luther King gesagt, wir sollten das atomare Wettrüsten umwandeln in ein Friedensrennen? Dazu gehören die Märchenfilme auf jeden Fall. Mehr Zwerge, weniger Soldaten!

Wie war denn das Leben im Hexenhäuschen?
Toll, absolut begehrens- und lebenswert. This is a lifestyle I would love! And that I’m creating for myself. Deswegen leben wir auch im Topanga Canyon in Kalifornien. Da ist es so wie in einem Hexenhaus: Lehmbausweise, ökologisch, und oben anstatt der Pfefferkuchenherzchen Solarzellen.


Hatten Sie als Tochter einer Schauspielerin früher den Wunsch, das auch zu machen?
Durchaus, aber eigentlich wollte ich hauptsächlich Rock-Musik machen. Nebenbei allerdings wollte ich immer schon alle möglichen anderen Projekte verfolgen – natürlich auch das Spielen. Wir sind doch alle hierher gekommen, um zu spielen. Das darf man nicht vergessen, auch wenn wir immer so erwachsen tun.

Merken Sie eigentlich, dass Sie mit “Popstars” gerade eine ganz neue Fangeneration gewinnen?
Natürlich. Dabei hatten mich ja anfangs noch einige Kollegen gewarnt, dass sie das nicht machen würden, denn da könne man ganz schön auf die Fresse fallen. Aber ich habe mir nie Sorgen gemacht, denn wenn ich damit einen Fehler gemacht hätte, hätte ich ihn auch wieder ausbessern können.

Man hört ja was von einer eigenen Sendung, die demnächst starten soll.
Es war immer schon einer meiner Lebensträume, mal meine eigene Show zu haben, und jetzt hat es tatsächlich geklappt, durch mein Mitwirken bei “Popstars”. Mit der gleichen Produktionsfirma haben wir gerade angefangen, vier Pilotepisoden zu drehen, die dann vermutlich ab November auf Pro Sieben starten werden. Wir haben schon ganz viele Sachen gedreht, die ich euch immer schon einmal zeigen wollte und jetzt endlich darf.

Was erwartet uns denn?
Ganz unterschiedliche Sachen. Wir werden versuchen, Gespräche mit Angela Merkel und Arnold Schwarzenegger zu bekommen, aber wir werden auch über Pastor Karl Terhorsts Deserteurkampagne sprechen, bei der ich auch mitmache. Bei der Bürgerinitiative Leukämie in der Elbmarsch waren wir vor Ort am Atomkraftwerk Krümmel und in Amerika ging es um die Friedensbewegung und Joan Baez. Manchmal wird mir etwas nicht gelingen, aber das zeigen wir dann auch, zum Beispiel wenn ich ein Interview nicht kriege. Außerdem geht es um Delfine, wozu ich mit einer Expertin spreche, die darüber ein Buch geschrieben hat, und natürlich featuren wir Ufos, mit dem neuen Film von Dan Aykroyd.

Das hört sich alles recht ernst an, dafür dass Sie bei vielen vor allem als schrill gelten.
Ja, denn wozu ist denn meine Stärke gut – oder das, was Ihr schrill nennt?! Damit ich vielen Menschen helfen kann, Gerechtigkeit zu finden, denn ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin. Wahrscheinlich wurde mir das von meinem Papi, den ich abgöttisch geliebt habe, in die Wiege gelegt worden. Der hat mir in meiner Kindheit so viel gegeben, gezeigt und erzählt, auch aus seiner Jugend und von den schlimmen Sachen, die während des Hitler-Faschismus passiert sind, wo er ja gefoltert wurde. Mit Heinrich Böll hatte ich schon als zwölfjährige eine richtige Freundschaft, denn der hat mich auch nie von oben herab behandelt, sondern wie eine Gleichgesinnte.