Nach einigen Jahren als Sängerin, Texterin und Gitarristin der Indie-Pop-Helden Rilo Kiley ist es nun für Jenny Lewis an der Zeit “zu beweisen, dass ich es auch alleine kann”. Unter dem Titel “Rabbit Fur Coat” präsentiert die Endzwanzigerin aus Kalifornien dieser Tage ihr Solodebüt. Ganz allein war sie bei dessen Entstehung nicht, neben den Watson Twins, einem Geschwisterpaar das ursprünglich aus Louisville, Kentucky, stammt, und mit seinen folky Stimmen die Backing Vocals übernahm, fand noch so mancher Gast Zeit und Muße, sein Scherflein beizutragen. Ob und warum das Album nicht das Ende von Rilo Kiley bedeutet, was es mit dem ollen Kaninchenfellmantel auf sich hat, sowie Hintergründe zur Entstehung der neuesten “Indie-Supergroup” – all das und so manches mehr folgt sogleich:

“Was steckt hinter dem Titel “Rabbit Fur Coat”?
Nun, der Mantel ist eine Metapher. Aber dennoch kommen Leute zu mir, fragen mich, ob ich mir keine Sorgen mache, dass die Tierschutzorganisation PETA sich wegen des Albumtitels aufregen wird. Offensichtlich verstehen diese Menschen keine Metaphern; vielleicht lesen sie noch nicht einmal Bücher… Falls also jemand auf die Idee kommt, meine Mutter aus Protest mit roter Farbe zu bewerfen, dann wäre ich ganz schön angepisst [lacht]! Im Grunde verändert sich die Bedeutung des Mantels im Laufe des Albums. So ist er zum Beispiel Sinnbild für die Illusion von Reichtum und Erfolg. Manchmal tragen einige Charaktere aus den Songs den Mantel, manchmal ich selbst. Manche ziehen ihn auch aus… Ich denke, wenn man von Pelz spricht – und ich bin wirklich keine Befürworterin des Pelzhandels oder trage solche Mäntel – dann ist Kaninchenpelz so ziemlich die niedrigste Prestige-Stufe, auf der man sich befinden kann. Es geht, im weitesten Sinne, um falschen Besitzerstolz.

Ist das denn eine gängige Metapher, oder eine, die du dir ausgedacht hast?
Ich glaube, ich habe das erfunden [lacht].

Der Titelsong erzählt eine leicht tragische, sozusagen “kurvenreiche” Lebensgeschichte, die an Songs wie “Fancy” von Bobbie Gentry erinnert [“Fancy” ist ein Country-Pop-Hit aus dem Jahr 1970 und erzählt die Geschichte eines Mädchens, das von seiner White-Trash-Mutter wohlhabenden Geschäftsleuten als Call-Girl angeboten wird, aus Sicht des Mädchens, das als erwachsene Frau zurückblickt]. Insgesamt hat das ganze Album überhaupt deutliche Einflüsse von Country, Gospel oder Blues, erinnert manchmal ein bisschen an die Musik vom Soundtrack des Filmes “O Brother Where Art Thou?”. Liegt das an deinen beiden Mitstreiterinnen, den Watson Twins?
Nicht unbedingt. Für dieses Album haben wir uns einfach die Freiheit genommen, unsere Einflüsse offen darzulegen, wie eben die Tatsache, dass wir Country und Gospel mögen. Was den Vergleich zu dem von dir genannten Soundtrack betrifft, so ist das natürlich ein nettes Kompliment, danke [lacht], und, ja: Ich denke, einige der Songs klingen tatsächlich, als hätten sie bereits vor langer Zeit aufgenommen worden sein können. Aber andererseits sind meiner Meinung nach die Texte doch recht modern, handeln nicht unbedingt nur von Themen wie der Arbeit auf Mais- oder Baumwollfeldern, von Überschwemmungen oder… Jesus.

Gott hingegen spielt aber schon eine wichtige Rolle in deinen Texten, vor allem die Frage nach seiner An- oder Abwesenheit…
Stimmt, das ist ein Thema, über das ich viel nachdenke, was natürlich dazu führt, dass ich auch Lieder darüber schreibe. Ich versuche eigentlich immer, nicht über Dinge zu schreiben, von denen ich nicht wenigstens ein bisschen Ahnung habe. Das ist eines der kompliziertesten Themen, über die ich so schreibe. Ich meine, diese ganzen Beziehungsprobleme sind schon schwierig, aber dieses ganze “God thing” ist extrem verwirrend. Ich denke, auf der Platte beziehe ich aber keine eindeutige Position, gehe sozusagen auf dem schmalen Grat zwischen den Fragen des Glaubens oder Nichtglaubens.

Letzten Endes läuft ja beides, das Beziehungsthema und die “Sache mit Gott”, auf die Frage hinaus, ob man alleine auf der Welt ist…
Das ist wahr…

Ein kleiner Gedankensprung, der aber irgendwie doch zum Thema passt: Magst Du eigentlich die Serie “Gilmore Girls”?
Ich habe die Sendung nicht gesehen, aber ich hatte davon gehört, dass es darin eine Anspielung auf Rilo Kiley gibt. Was wirklich bizarr ist, da bestimmt 99.9% der Bevölkerung keine Ahnung haben, wer wir sind. Ich schätze, das hat die Zuschauer ganz schön verwirrt… Aber es ist schön, dadurch unseren Platz als Fußnote der popkulturellen Geschichtsbücher gesichert zu wissen.

Nun ist die Anspielung auf Deine Band schon etwas “gossip-y” – da geht es nämlich um die Beziehung bzw. Trennung von dir und Blake [Sennett, Rilo-Kiley-Gitarrist & zweiter Songwriter]…
Ich glaube, wir haben das selber heraufbeschworen. Immerhin haben wir unsere Beziehung und deren Scheitern in Songs thematisiert, und auch in Interviews darüber geredet. Wir haben die Entscheidung getroffen, dass es okay ist, schließlich ist es schon ein paar Jahre her und die Wunden sind komplett verheilt. Und wir sind stolz darauf, dass unsere Band das überlebt hat – was bestimmt nicht der Regelfall ist.

Da ihr vor gerade mal zwei Monaten noch Shows mit Rilo Kiley gespielt habt, schätze ich mal, dass auch dein Soloalbum nicht das Ende der Band bedeutet…
Nein, nein [lacht]. Wir schreiben gerade neue Songs und werden in diesem Jahr ein neues Album aufnehmen.

Aber die Songs für “Rabbit Fur Coat” hast du alleine geschrieben, und auch ohne Hilfe deiner Rilo Kiley-Kollegen aufgenommen?
Blake war nicht dabei, und “Duke”, also Pierre [de Reeder, ebenfalls RK-Mitglied] auch nicht. Aber Jason [Boesel, RK-Drummer] spielt Schlagzeug. Was jedoch das Songwriting betrifft, so wollte ich eben rausfinden, ob ich das auch alleine schaffe, in meinem Wohnzimmer und ohne Einmischung von Außen.

Einen Song hast du allerdings nicht geschrieben…
Nein, obwohl einige Leute zu mir kamen, und mich zu dem tollen Song beglückwünschen wollten…
Anscheinend konnten sie sich nicht mehr daran erinnern, dass “Handle With Care” in den Achtzigern ein riesiger Hit war. [Anmerkung: Und zwar für die Travelling Wilburys, eine “Supergroup” bestehend aus George Harrison, Roy Orbison, Bob Dylan, Jeff Lynne und Tom Petty] Aber was für ein toller Song! Es macht solchen Spaß, ihn zu singen, der Text ist so großartig!

Und trotzdem hast du ihn geändert…
Ein Wort! Ich habe ein Wort geändert – ich konnte es einfach nicht über mich bringen, “fobbed off” zu singen. Ich glaube, das ist ein britischer Ausdruck, denn soweit ich weiß hat George Harrison den Song zum größten Teil geschrieben.

Stattdessen… [Anm.: In Jenny Lewis’ Version heißt es nun “fucked off”]
…singe ich etwas, das ungefähr das gleiche bedeutet…

Für den Song hast du ja deine eigene kleine “Indie-Supergroup” zusammengestellt; aber ihr seid einer weniger als das Original…
Stimmt, wir sind nur vier. Mir fiel niemand für den fünften Part ein.

Und wer von euch macht also nun welchen Part? Ben Gibbard [Death Cab For Cutie] ist Roy Orbison…
Yeah, er singt den Roy Orbison-Teil, M. Ward ist Jeff Lynne, und Conor Oberst [Bright Eyes] ist Dylan und ich…. ich denke, ich bin Harrison. Wer fehlt? Ah, Tom Petty? Hmmm…. Kann man nichts machen. Der arme Petty [poor Petty]!

Wie kam denn diese “Indie-Supergroup” eigentlich zustande?
Ich wollte von Anfang an eine Coverversion auf dem Album haben, und zwar von den Travelling Wilburys. Und “Handle With Care” ist mein Lieblingssong, also suchte ich mir den aus. Und dann dachte ich, wie cool es wäre, wenn einige Freunde dabei wären, und die jeweiligen Parts übernähmen. Und die waren sofort bereit dazu. Ich möchte übrigens noch mal betonen, dass es eine absolut ernst gemeinte, un-ironische Version ist. Ich finde, es ist ein wirklich guter Song und ich hoffe, unsere Stimmen tun dem Lied gut. Ebenso wie es mir gut tut, mich auch außerhalb der gewohnten Partnerschaften auszuprobieren. Und ich denke, dass das hoffentlich auf lange Sicht auch Rilo Kiley zugute kommt.

Text/Interview: Torsten Hempelt