Die ganze Welt im Fußballfieber – nur ein einsamer Waliser sitzt in einem Berliner Bürokomplex – noch dazu in Sicht- und vor allem Hörweite der größten aller denkbaren Großbildleinwände – und grämt sich ein wenig darüber, dass seine Nationalelf zum letzten Mal 1958 bei einer WM dabei war. “Pelé hat gegen Wales sein allererstes WM-Tor überhaupt geschossen”, seufzt James Dean Bradfield, 37, zündet sich eine Zigarette an und ist bereit, über den eigentlichen Anlass seines Besuches in der derzeitigen Hauptstadt der Sportwelt zu sprechen. Der nennt sich “The Great Western” und ist das erste Solo-Album des Manic Street Preachers-Sängers und -Gitarristen.


Herzlich Willkommen in deiner fünftliebsten Stadt der Welt… [Auf ihrer Website haben die Manic Street Preachers Top-Ten-Listen für beinahe jede erdenkliche Kategorie – so auch für “Lieblingsstädte”…]
J: [lacht] Gut möglich, dass sie inzwischen sogar einen Platz vorgerückt ist… Jedes Mal, wenn ich wieder her komme… Es ist merkwürdig, das muss ich zugeben: Wenn eine junge Band zum ersten Mal durch Deutschland tourt, dann gefällt es ihnen nicht besonders. Ich vermute, dass es sie zu sehr an Großbritannien erinnert. Auf eine merkwürdige Weise gibt es da schon Ähnlichkeiten. Und wenn man älter wird, bemerkt man, dass man Deutschland liebt! Auch wenn das eine Weile dauert… Und wenn man mir jetzt eine Tour anbieten würde, und ich mich entscheiden müsste, zwischen Deutschland und irgendeinem anderen Land – ich würde Deutschland wählen!

Meinst Du eine Konzert-Tour oder eine Tourismus-Tour?
J: Oh, Konzerte!

Gut, Deutschland und Berlin gefallen dir also – aber es scheint, als wärst du deiner Teilzeitheimat London etwas überdrüssig geworden…
J: Ein wenig, ja. Aber mehr, als dass ich London satt hätte, fühle ich eine wachsende Sehnsucht nach dem Ort, der Gegend, wo ich aufgewachsen bin! Es ist immer etwas ironisch: Wenn man jung ist, möchte man aus der Heimat fliehen – und am Ende zieht es einen wieder zurück dorthin! Das lässt sich schwer erklären, aber dieses Gefühl hat sich in viele meiner Songs eingeschlichen – dieser unterschwellige Lockruf der Heimat. Ich habe eine Wohnung in London, und eine in Cardiff, Wales, wo ich groß geworden bin. Und in den Neunzigern war ich meist etwa 80% der Zeit in London, und nur etwa 20 in Wales – inzwischen ist es fifty-fifty, und es scheint, als wäre Wales dabei, den Kampf zu gewinnen! Wenn man versucht, diese Anziehungskraft zu erklären, klingt es dämlich – es ist schwer zu fassen. Wenn ich in Großbritannien unterwegs bin, und über eine lange Zeit keine Berge sehe, werde ich depressiv! Wales hat so viele Berge! Dort kannte ich mal diesen alten Mann, der immer im Pub rumhing – und er fragte mich: “Wo bist du schon überall gewesen?” Und ich sagte: “Oh, ich war in Japan, yada-yada, etc.” Und darauf er: “Und jetzt lebst Du in London, nich’?” Also ich: “Ja!” Seine Antwort: “Keine Sorge – die Berge werden dich schon wieder zurückholen!” Die Art, wie er das sagte, klang wie aus einem Horrorfilm oder so. Aber er hatte Recht! Ohne Berge fühle ich mich frustriert. Das ist vermutlich der Unterschied zwischen England und Wales – die Engländer können oftmals nicht patriotisch sein, ohne sich für irgendetwas schuldig zu fühlen. In Wales sieht das anders aus – wofür sollen sich diese 3,5 Millionen Menschen denn schuldig fühlen? Patriotische Gefühle bei Walisern verwandeln sich nie in etwas Beängstigendes – und das hat etwas mit der natürlichen Umgebung zu tun, in der man dort aufwächst… Diese Berge verschaffen einem eine ganz andere Perspektive, indem sie dich an deine eigene geringe Größe, Bedeutung und letzten Endes auch an deine Inkonsequenz erinnern. Ich habe mein halbes Leben – bevor ich nach London zog – damit verbracht, Berge rauf und runter zu gehen, mit meinem Hund oder alleine. Diesen Sinn für den eigenen Platz in der Gesellschaft, den verliert man in London – so toll es mit seiner ganzen multikulturellen Pracht auch sein mag.

Und es scheint, als wäre die Eisenbahn recht wichtig gewesen, bei der Austragung dieses Kampfes zwischen der neuen und der alten Heimat – und damit auch für das Album…
J: Ich fahre diese Strecke seit 1988. Immer wieder Cardiff-London, Cardiff-London… Als ich anfing, öfter und öfter nach Wales zurückzureisen, wurde der Zug wieder ein großer Bestandteil meines Lebens. Ich habe soviel Zeit auf den Schienen verbracht, dass der Zug mein Büro wurde – der einzige Ort, wo ich Texte schreiben und Lieder vollenden konnte. Und ich fühlte einfach, dass das kein Zufall war. Ich habe es nicht erzwungen, um der Entstehung des Albums irgend ein cineastisches Element hinzuzufügen oder so. Es passierte einfach so. Diese Eisenbahnlinie heißt “The Great Western”… Und bei all diesen Zugfahrten beschäftigten mich vor allem zwei Dinge: London und wie sehr es mich verändert hat, über die Zeit, die ich da verbracht habe; und andererseits diese Sehnsucht nach Wales. Und es schien mir seltsam, dass ich diesen Zug einst benutzt hatte, um Wales zu entkommen – und nun fand ich mich immer öfter wieder darin – aber in der anderen Richtung. Um mich einer neuen Herausforderung zu stellen, die doch im Grunde nur der Ort war, aus dem ich ursprünglich kam! Also schien es mir passend, das Album nach dem Zug zu benennen.

Wie lang dauert eine Fahrt?
J: Zwischen zweieinhalb und drei Stunden. Das ist an und für sich nicht schlimm, aber wenn man oft fährt, wird es sehr langweilig!

Der Zug auf dem Cover ist aber nicht der tatsächliche “Great Western”, oder?
J: Nee, das ist nur eine Zeichnung von einer Illustratorin aus Australien, deren Arbeit ich mag. Ich gab ihr nur einige Ideen, und sie malte das Cover und außerdem noch kleine Bilder zu jedem einzelnen Song für das Booklet. Und ganz ehrlich: Wenn ich mich selbst reden höre, dann klingt das so beschissen ernsthaft und langweilig! Und deshalb wollte ich, dass das Bild auf dem Cover etwas verspielter aussieht – damit nicht alles so dröge und blah-blah-blah ist… [lacht]

Einige der Themen über die du auf dem Album singst, sind aber durchaus ernsthaft – zum Beispiel der Text der ersten Single, “That’s No Way To Tell A Lie”, in dem es auch um Religion geht.
J: Meine Eltern erzogen mich sehr unreligiös, was etwas ungewöhnlich für Wales ist. Aber mir wurden schon früh all diese Sachen erzählt wie “Religion ist Opium für das Volk”, sie ist überflüssig. Das brachte mich etwas durcheinander, denn die erste Hälfte meines Lebens lachte mein Hirn sozusagen mein Herz aus: “Sei nicht so dämlich!”, worauf dann mein Herz antwortete: “Aber vielleicht wäre es nett, wenn sie einen Gott fänden!” Das alles kam wieder hoch, als der Papst im letzten Jahr starb. Die Weise, wie darüber berichtet wurde, wie der sterbende Papst zu einer übermenschlichen Figur hochstilisiert wurde – das faszinierte mich schon, und zog mich in seinen Bann. Da fing mein Hirn wieder an, mein Herz zu verspotten – und erinnerte mich außerdem daran, dass der Mann eigentlich überhaupt nichts Bedeutendes oder Gutes getan hatte – im Gegenteil, zum Beispiel dadurch, dass er Kondome verdammte, half er bei der Ausbreitung von Krankheiten wie AIDS in Afrika. Aber mein Herz war nicht so recht zu überzeugen – und aus diesem inneren Zweikampf entstand der Song…


Ist der Titel eigentlich eine bewusste Anspielung auf den Leonard Cohen-Song “Hey…
J: …That’s No Way To Say Goodbye”? Es war nicht beabsichtigt, fiel mir aber ziemlich schnell auf… Und wenn man schon von jemandem stiehlt, dann ist Leonard Cohen doch eigentlich keine schlechte Wahl, oder? Aber ernsthaft: Es ist ja offensichtlich, dass die beiden Songs sonst keine Ähnlichkeit verbindet. Die Phrase fiel mir einfach ein, als ich diesen ganzen Medienrummel verfolgte.

Bei so einem ernsthaften Thema überrascht die fast schon ausgelassene Stimmung des Songs schon ein wenig – all die Handclaps und Backing-Chöre…
J: Ja, so bin ich eben – ich bewundere Leute schon irgendwie, die ihre Sache so ernsthaft und konsequent durchziehen – aber ich kann das nicht! Bei den Manics ist es den anderen immer gut gelungen, einige meiner schlimmeren musikalischen Einflüsse herauszufiltern… Ich wuchs zum Beispiel als Fan von ELO [Electric Light Orchestra] auf – und immer, wenn Spuren davon in der Manics-Musik auftauchten, sagten sie strikt: “Nein!” Und jetzt, wo ich mal etwas alleine mache, wollte ich all diese Dinge wieder dabei haben, wollte etwas mehr Humor und Leichtigkeit spürbar machen. Damit es repräsentativ für mich ist, und für das, was ich mag – und damit es sich leicht vom kommenden Manics-Album unterscheiden lässt!

Es scheint übrigens, als wären ELO gerade dabei, wieder in Mode zu kommen…
J: Glaubst du wirklich? Ich bin mir da nicht so sicher…[lacht]

Na. Ich weiß, dass zum Beispiel John Frusciante von den Red Hot Chili Peppers ihren Namen gerne mal als Einfluss nennt…
J: Wirklich? Motherfucker! Sie sind meine Band!

[Gelächter]

Okay… Du hast gerade ein nächstes Manic Street Preachers-Album erwähnt – damit dürften einige Fans um eine große Sorge erleichtert sein…
J: Ja, wir haben eine zweijährige Pause angekündigt, und die werden wir einhalten! Es haut auch alles hin; wir haben letztes Jahr im April mit der Pause begonnen, und letzte Woche haben wir uns getroffen, um an neuen Songs zu arbeiten – bis daraus ein Album wird, dauert es sicher noch bis zum April oder Mai 2007. Ich denke übrigens, dass unsere Solo-Sachen [Bassist Nicky Wire zieht im September mit seinem Debüt im Alleingang nach] den Manics gut getan haben – als wir neulich das erste Mal seit langem wieder zusammen gespielt haben, fühlte es sich verdammt gut an! Mehr Rock als je zuvor… Bei den Aufnahmen zum letzten Album war es schon so weit gekommen, dass ich mich fast schämte, ein Gitarrensolo zu spielen – so nach dem Motto: “Okay, here we go again…” – aber letzte Woche im Studio genoss ich es einfach und dachte mir: “Scheiß drauf, wen interessiert’s? Ich mach’ es so, wie ich will!”!

Apropos “machen, was man will” – das Album klingt zwar in Nuancen anders als die Manics, aber es ist nicht, sagen wir mal, ein Jazz- oder ein HipHop-Album geworden…
J: Nee, und auch keine Grime-Platte [lacht]… Mit den Manics ging es auch nie darum, uns ständig neu zu erfinden, wie das Bands wie Radiohead zum Beispiel können – wovor ich allen Respekt habe! Wir wollten einfach nur gute Rock-Platten machen, die nach uns selbst klingen. Und als es ans Soloalbum ging, da erlaubte ich mir einfach ein paar “guilty pleasures”, also diese ganzen Dinge auszuleben, die ich eben schon erwähnt habe – die Motown-Einflüsse, die ganzen kleinen Gimmicks… Aber natürlich klingt es trotz allem nach den Manics, weil das eben unterm Strich doch nur ich bin, der da singt und Gitarre spielt…


Und zum ersten Mal auch fast alle Texte selber geschrieben hat…
Ja, es war nicht ganz leicht – ich habe ja immer mit Nicky und auch Richey [James, der 1995 spurlos verschwundene Manics-Gitarrist] zusammen gearbeitet, die beide großartige Texter waren. Und ich musste erst die Tatsache akzeptieren, dass ich nicht so schreiben kann, wie sie. Ich denke, die beiden schrieben über Dinge, die sie verstanden – wohingegen ich wohl schreibe, um die Dinge zu verstehen. Das ist ein großer Unterschied! Und als mich damit auseinandergesetzt und arrangiert hatte, dass ich nicht auf die gleiche Art schreiben konnte, wie sie, wurde die ganze Sache leichter für mich.