Skandi-Rock und die Folgen

Mag Thomas Gottschalk auch in zahnloser ZDF-Zombie-Manier scheinheilig dem 50. Geburtstag des Rock salutieren, mein Blick fällt dieser Tage auf ein jüngeres, sich ebenfalls jährendes Phänomen, gleichwohl innerhalb dieses musikalischen (ursprünglich) Rebellion- und Protest-Pantheons: Sieben offizielle Jahre Skandi(navischer)-Rock gilt es zu begießen.

Mitte der Neunziger schickten sich in Norwegen und Schweden zwei Bands an, den damalig dominierenden, introvertierten Shoegazer-Rock und Pups-Pop-Punk kläffend ans Bein zu pinkeln. Gluecifer und die Hellacopters wurden zur Speerspitze eines popularisierten Phänomens, nicht nur unterhalb des Polarkreises. Das rotzbehangene Straßenköter-Antlitz des rauhen, vom Punk saubergeleckten Rocks bleckte auf einmal wieder mit den Zähnen und ließ, je nach Fasson, die Musikwelt vor Anti-Zeitgeist Schreck erschaudern oder vor soviel geschichtsbewusster Ehrerbietung entzückt mitriffen.

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(The Hellacopters)

Mittlerweile feiern beide Bands in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen und können dabei neben dem persönlichen Erfolgen auch darauf stolz sein, eine kleine Lawine losgetreten zu haben, denn längst ist der Rock aus Skandinavien in all seinen Spielarten zum eigenständigen Trademark und Gütesiegel mutiert. Grund genug für eine nähere Profilanalyse.

Dabei führt die Spurensuche zunächst zu einem kleinen schwedischen Label namens ‘White Jazz’, dessen Geschichte als Heimat der beiden obengenannten Bands begann und nicht allzu viele Veröffentlichungen und Künstler später leider auch schon wieder beendet sein sollte. Zumindest unter diesem Namen. Nahezu die gleiche fachkundige familiäre Crew fand sich, nach dem finanziell fehlgeschlagenem ersten Versuch, wieder zusammen, um unter dem Banner ‘Wild Kingdom’ dem guten alten Rock’n’Roll weiterhin ein Zuhause zu geben.

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(The Sewergrooves)

Zwecks aktualisierter Bestandsinventur, folge ich somit gern der Einladung nach Stockholm, Schweden, um mich vor Ort selbst vom akuten Status Quo des Skandi-Rock zu überzeugen. Gleich vorweg, es geht ihm gut. Sehr gut sogar. So überzeugen beim anstehenden samstäglichen Showcase im überschaubaren, aber gutgefülltem Alcazar Klub nicht nur die Sewergrooves mit ihrem sinnlichen Stilmix aus Siebziger-Hard-Rock und seriös songsicherer Sixties-Melodiösität.
Schon seit ‘White Jazz’-Zeiten im Katalog, bleibt bis dato unklar, warum dieser Band bisher nur ein bescheidenes B-Dasein beschieden blieb, but good things come to those who wait.

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Die norwegischen Wonderfools überzeugen indes mit ihrer Variation der versierten Oldschool-Punk- und -Rock-Verschmelze, während der in Form der Doits vertretene erste wirkliche Nachwuchs mit einer unverschämt lässigen Johnny Thunders/Hearbreakers meets Faces-Symbiose schlichtweg euphorisiert. Hiermit hat man definitiv ein hoffnungsträchtiges starkes Zugpferd aufgefahren und mit Hellacopter Nicke Royale als Produzenten des in bälde erscheinenden Debüts gleich den generationsübergreifenden Schulterschluss.

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Bleiben wir doch gleich bei Nicke Royale, denn das anstehende Sonntagskonzert steht ganz im Zeichen von The Solution und ist Nickes, zumindest in Skandinavien, namhaftes Soul-Seitenprojekt. Ja richtig, Soul. Nicht der zuckersüß-zähflüssige Sirup der unter diesem Begriff neuzeitlich sämtliche Radio- und Musik-TV-Kanäle verstopft und verschmiert, sondern Soul im Sechzigerjahre-Sinn und -Stil. Dafür sorgt als lebender Authentizitätsbeweis die amerikanische Sängerlegende Scott Morgan, der schon damals in Detroit musikalische Erfahrung nicht nur auf diesem Gebiet aus erster Hand sammeln konnte. Nun sitzt Nicke hier also am Schlagzeug, und zusammen mit einer erlesenen Schar von Bläsern, Backgroundsängerinnen und anderen Schlag- und Tasten-Instrumenten, zelebrieren The Solution live wie schon auf ihrer Platte ‘Communicate!’ ebendiesen Soul mit unvergleichlicher Emphase. Nun also auch noch Skandi-Soul, der ebenso wie der gleichstämmige Rock beim Hörer, und in diesem Falle bei mir, in Bezug auf musikalischer Erhaben- und Ergebenheit eigentlich keine weiteren Wünsche und Fragen mehr offen lässt. Nur diese eine vielleicht. Woher kommt dieses leichtfüßige und elegante Selbstverständnis, mit dem die Skandinavier längst vergessene Schätze sämtlicher musikalischer Sujets entstauben und zu neuem Glanz verhelfen? Es kann doch nicht nur an ABBA, der richtigen Plattensammlung der Eltern oder dem hohen Alkoholkonsum liegen. Eine Antwort gibt mir Johan Haller von ‘Wild Kingdom’ nebenbei beim Essen: “In Schweden gibt es in der Schule intensiven aktiven Musikunterricht. So beherrscht hier jeder mindestens ein Instrument und wird so überhaupt das Interesse an Musik geweckt und gefördert.” Das erklärt einiges, wenn auch nicht alles. Ist vielleicht auch besser so für den Mythos Skandi-Rock. Festzuhalten bleibt, er existiert weiterhin und wird auch in Zukunft noch ein paar interessante Stilblüten treiben, davon bin ich spätestens nach diese Stockholmer Stippvisite überzeugt und verbleibe somit im Sinne von Otis Redding, Glueicfer und den Hellacopters, mit einem skandierten ‘Respect (the rock)’!

Text: Frank Thießies