Nach ihrem Gastspiel beim Major sind unsere Koblenzer Lieblings Indie-Rocker von Blackmail wieder gelandet und nun bei ’City Slang’ unter Vertrag. Das familiäre Umfeld scheint Kurt Ebelhäuser und Kollegen gut zu tun, denn das fünfte und bisher variabelste Album „Aerial View“ vereint nicht nur alle Stärken der Band, sondern fügt ihrem Trademark-Sound gleich noch einige beeindruckenden Facetten hinzu. Da mit Andy Jung zudem erstmals ein relativ Außenstehender Produzent involviert wurde, war beim Interview für reichlich Gesprächsstoff gesorgt.

Leute wie Kurt Ebelhäuser trifft man relativ oft, wenn man sich in der rheinischen Provinz bewegt. Meistens fahren sie einen alten Mercedes mit Hund auf der Rückbank und pflegen eine ausgeprägte Vorliebe für 70er Rock. Hervorstechendes Merkmal: Die gewisse Mischung aus Bodenständigkeit und Flippigkeit. Also erst mal einen ordentlichen Beruf lernen – bei Kurt war’s “was Kaufmännisches” – und dann trotzdem nichts auf die Reihe kriegen. Nun ist Ebelhäuser kein x-beliebiger Landkommunenkiffer. Mit seiner Band Blackmail hat der patriarchalisch wirkende Gitarrist in den letzten Jahren vier allesamt gelungene Alben eingespielt und sich darüber hinaus einen Ruf als arrivierter Produzent erarbeitet. Trotzdem ist die Koblenzer Herkunft, das miefige Umfeld, ein wichtiger Fakt zum Verständnis dessen, was Blackmail ausmacht.

Kurt, sein Bruder Carlos (Bass) und der gemeinsame Freund seit Kindheitstagen, Schlagzeuger Mario Matthias, sind Provinzeier ohne wirklich provinziell zu sein. Wenn man die Uhr zwölf Jahre zurück stellt, kann man sich die drei sehr gut vorstellen, wie sie damals erstmals Aydo Abay am Koblenzer Bahnhof abholen. Der Deutsch-Türke hatte sich um die vakante Position des Sängers per Anzeige beworben. Abays Stimme implantiert dem psychedelischen Rock-Riffing der Ebelhäuser-Brüder anschließend jenes melancholisch getränkte Fernweh, das den Sound der Gruppe ausmacht. Zudem entwickeln sich Blackmail nach der Bahnhof-Episode zum Mittelpunkt eines zumindest in Deutschland einzigartigen Rock-Netzwerks mit unzähligen Nebenprojekten und Seitenarmen wie Ken oder Scumbucket, deren Produktionen im Allgemeinen von Ebelhäuser betreut werden.

“… jetzt wollten wir einfach mal etwas Neues wagen, die Dinge anders angehen…”

Für ihr neues Album ‘Aerial View’ haben Blackmail aber nun eine Ausnahme gemacht und mit dem Berliner Andy Jung erstmals einem Produzenten von außerhalb der eingeschworenen Koblenzer Kreise das Vertrauen geschenkt. Ein gänzlich Unbekannter war Jung für seine Auftraggeber aber nicht, hatte er doch bereits gemeinsam mit Ebelhäuser das letzte Scumbucket-Werk designt.

“Ich habe früher alles getan, dass unsere Ideen verwirklich wurden. Nur waren das dann zwangsläufig auch immer die gleichen Ideen. Und jetzt wollten wir einfach mal etwas Neues wagen, die Dinge anders angehen. Andy kannten wir bereits, er war der perfekte Mann, um das Album zu machen – wohlgemerkt in Kooperation mit mir!” Kurt Ebelhäuser, eine mächtige Erscheinung mit einer Vorliebe für leicht zotige Herrenwitze, ist in seinem Element. Wir sitzen bei indischem Essen in einem Berliner Restaurant. Die Arbeit an ‘Aerial View’ ist seit gerade einmal sieben Tagen abgeschlossen. Jung ist das Thema, und Kurt verweist auf die Vorteile, nun endlich auch einmal während einer Produktion “abends vor der Glotze hängen und entspannen zu können”, statt sich die Nächte am Pult um die Ohren zu hauen. Die ungewohnte Maßnahme war indes nicht nur der Entspannung zuträglich.

“… Er (Andy Jung) und die Kollegen haben gesagt, ich müsste jetzt mal variieren. Am Anfang war ich total dagegen, weil ich meine Art zu singen, die Linien, die ich verwende, sehr mag…”

Im Gegenteil: So konzentriert, variantenreich und melodieselig wie hier gingen die Koblenzer bislang noch nie zu Werke. Neben all den cleveren Details, wie dem Bläsersatz im Finale von ‘Couldn’t Care Less’ oder einem Männerchor in ‘Moonpigs’, geht die neue Vielseitigkeit vor allem auf Rechnung eines Mannes. Aydo Abay liefert hier seine bisher beste Gesangsleistung ab. Fragt man den Sänger nach den Gründen, kommt abermals der Name Andy Jung ins Spiel: “Er und die Kollegen haben gesagt, ich müsste jetzt mal variieren. Am Anfang war ich total dagegen, weil ich meine Art zu singen, die Linien, die ich verwende, sehr mag. Ich Nachhinein aber muss ich sagen, dass diese Herangehensweise den Songs sehr geholfen hat.” Nachdem das Gros von ‘Aerial View’ im Band eigenen Koblenzer Studio produziert worden war, nahm Aydo in einer zweiwöchigen Session auf einem Berliner Hausboot den Gesang mit Jung alleine auf.

Eine derart geschlossene Mannschaftsleistung wie ‘Aerial View’ schütteln jedoch auch Blackmail nach zwölf gemeinsamen Jahren nicht mehr einfach so aus dem Ärmel. Um sich in die rechte Stimmung zu bringen, und ihrer durchaus nach wie vor vorhandenen Freundschaft einen Schub zu geben, wendete die Band im Vorfeld der Aufnahmen einen kleinen Kunstgriff an und mietete sich für einige Wochen in einem andalusischen Landhaus ein. “Mittlerweile muss die Atmosphäre künstlich kreiert werden”, erklärt Carlos. “Da müssen wir uns richtiggehend rein meditieren. Gemeinsam nach Spanien zu fahren war da sehr hilfreich.”

Eine gewisse Ironie liegt indes in der Tatsache, dass der Band ein Album wie ‘Aerial View’ zu einem Zeitpunkt gelingt, an dem viele schon nicht mehr mit Blackmail gerechnet hatten. Mit viel Vorschusslorbeeren waren sie um die Jahrtausendwende zur Industrie gewechselt, sind dort aber – so kann man getrost resümieren – zumindest kommerziell wenn nicht gescheitert, so doch hinter den Erfahrungen zurückgeblieben. Nach zwei Alben für ‘Warner’ ist die Truppe nun wieder bei einer kleineren Firma, namentlich ‘City Slang’ unter Vertrag. Wer jedoch glaubt, dass die Jungs dem Big Business hinterher trauern, muss sich von Aydo eines Besseren belehren lassen: “Enttäuscht waren wir gar nicht, sondern eher erleichtert. Da wir unter einem ständigen Druck standen, der auch nie abgenommen hat. Grundsätzlich war aber alles richtig, was wir gemacht haben. Und schlecht ist es ja auch nicht gelaufen – auch wenn wir die Erwartungen nicht ganz erfüllt haben.”

Und irgendwie passt ein beschauliches Label wie ‘City Slang’ ja auch besser zu Blackmail. Zu der Band also, die sich immer noch dort wo Rhein und Mosel sich treffen am wohlsten fühlt. Im beschaulichen Koblenz entstand unter diesen Vorzeichen jetzt abermals ein ganz und gar nicht beschauliches Album von internationalem Format. Es ist dieser Widerspruch, der Blackmail ausmacht.

Text: Torsten Groß