Abenddämmerung, Sommer, Kuschelmusik… “Weiche, Weichei!’, möchte man noch schnell den emotionalen Tiefgang abwenden, doch zu spät: Chris Carrabba, Mr. Dashboard Confessional, hat seine Klampfe geschultert und trällert von den großen Emotionen, von Trennungspein, Herzraub, Elevationen der Liebe. “Meine Musik reagiert auf meine Gefühle”, beschreibt der ehemalige Further Seems Forever-Sänger das Fundament seines aktuellen Albums “Dusk & Summer”. “Musik ist für mich kathartisch und beruhigend – ich habe das Gefühl, dass ich auf einer musikalischen Reise bin. Wer weiß, was die nächste Ausfahrt bringt!?”
Nachdem “Dusk & Summer” schon vor über einem Jahr auf Platz 2 der amerikanischen Billboard 200-Charts einstieg, hielt man es nun für angebracht, auch mal andere Teile des Globus am neuen Carrabba-Machwerk teilhaben zu lassen. Retardierendes Moment schön und gut – man kann es aber auch übertreiben. Auf eben jenes angesprochen, ergießt sich der kontemplativ-verschlossene 32-Jährige, der sich als “Punk-Rock-Singer-Songwriter” im Stile Billy Braggs und Elvis Costellos versteht, in Betrachtungen zu Label-Politik, Promo-Terminen, die nicht wahrgenommen werden konnten, und den sonstigen Irrungen und Wirrungen, die die Album-VÖ in deutschen Landen irrten und wirrten. Kurzversion: “Wenn sie nicht an uns glauben und denken, dass sich unsere Alben nicht über die Musik, sondern über uns als Personen verkaufen, dann war es wohl richtig zu warten.” Beleidigte Kalbsleberwurst, die!
Doch er kann es sich leisten, denn durch intensives Touren und Mundpropaganda – in Zeiten der Cyberspace-Netzwerke nicht zu unterschätzen – ist der Armaturenbrett-Beichtstuhl-Mann in den Staaten graduell zum Superstar geworden. Schon die ??? wussten das Prinzip Telefonlawine zu schätzen. Und um das Karussell das Ruhmes auf dem deutschen Markt noch mal mit Nachdruck anzukurbeln, haben Dashboard Confessional kurzerhand den Song “Stolen” als Duett neu aufgenommen – mit Juli-Sängerin Eva Briegel, autsch! Carrabba rechtfertigt sich: “Als ich Juli zum ersten Mal gehört habe, fand ich die Musik irgendwie erhebend, im Klang von Evas Stimme ist etwas Besonderes. Außerdem sind Juli eine gute Power-Pop-Band, und ich mag Power-Pop.” Und nicht zuletzt ist man zufällig auch noch auf dem gleichen Label – es könnte sich also eine Art Win-Win-Situation für die national jeweils sehr erfolgreichen Formationen ergeben, die nun zum großen Eroberungsfeldzug blasen.
Dass sich die “Power-Popper” Juli in Amerika etablieren – zweifelhaft. Dass Dashboard Confessional mit ihrer Mischung aus balladeskem und rotzig-frechem Singer-Songwriter-Rock auch Deutschland erobern – alles andere wäre eine Enttäuschung. Warum? “Es gibt eine Leidenschaft in meiner Musik, die ich gar nicht verstecken will. Diese Ehrlichkeit, mit der ich arbeite, wird vom Publikum honoriert, deswegen gibt es diese ganz besondere Verbindung zwischen uns.” Und jetzt: Telefonlawine.

Text: Benjamin Foitzik