“Plans” (2005) war die Initialzündung. Ob es das beste Album der Indie-Popper Death Cab for Cutie war, sei mal dahingestellt. Zumindest aber überschüttete es das Quartett aus Bellingham aus dem Bundesstaat Washington mit einer Grammy-Nominierung und dank der hohen Chartplatzierung und dem damit zusammenhängenden Dauer-Abo auf Late-Night-Shows auch zahlreiche neue Fans. Mit “Narrow Stairs” kommt nun das siebte Album der Indie-Ikonen in die Läden und es geht um mehr, als den Durchbruch auch endlich in Europa zu schaffen. Es geht darum, die US-Fanbasis ein bisschen zu beschwichtigen. An “Transatlanticism” (2003) soll bitteschön wieder angeknüpft werden.

Death Cab For Cutie – I Will Possess Your Heart

Der Backlash, also die Umkehr einer positiv wahrgenommenen Band in eine Negativtruppe, ist im Hipster-Kosmos der US-Bloggersphäre bereits in vollem Gange. Stereogum.com oder auch Pitchformedia.com lästern charmant in Richtung Death Cab for Cutie. In zu viele Kameras haben die Jungs ihre Nasen gehalten, auf zu vielen O.C.-Califonia-TV-Events haben sie mitgetanzt, so der Vorwurf. Der alte Indie-Reflex funktioniert sofort: Ihr wollt Indie sein? Dann verhaltet euch auch bitte so, sprich: Purismus, Verweigerung und vor allem Zurückhaltung, wenn die Medien rufen, sind angesagt.

Die publizierte Kritik (die der Autor nicht unbedingt teilt) prallt indes an Benjamin Gibbard und Basser Nick Harmer ab. “Es ist seit zig Jahren dasselbe. Bands werden von den Hipstern entdeckt, dann hochgejazzt und schließlich fallen gelassen, weil sie eine kritische Masse erreicht haben”, sagt Benjamin Gibbard und setzt nach: “Das ist so ein komische ‚Kultur des Ersten’. Erst gut finden, dann der Erste sein, der es irgendwie scheiße findet.” Nick Harmer schaltet sich ein und bringt ein gutes Beispiel: “Schau Dir die Blogs an. Es wird ein Thema eröffnet über irgendetwas. Die Leser tragen in den Kommentaren aber nicht etwa zuerst was zu dem Thema bei, sondern batteln sich in den ersten Beiträgen darum, wer den ersten Kommentar geschrieben hat. Da steht dann einfach nur ‘First!’. Ist das nicht total merkwürdig?”

Die ‚Kultur des Ersten’ betrifft aber nicht nur Blog-Einträge, sondern auch die Alben der Künstler. Nick Harmer erklärt: “Wir reden ja nicht mehr darüber, wann ein Album wirklich erscheint. Viel wichtiger ist ja, wann leakt es? Und damit verbunden: Wer ist der erste, der es hat?” Soll heißen: Nicht mehr das physische oder das Download-Release sind von Bedeutung, sondern die gerippte, illegale Vorab-Version, die sich immer früher auf den illegalen Tauschbörsen findet. “Bis Ende der Woche”, so Benjamin Gibbard, “geben wir unserem Album noch. Dann hat es bestimmt schon jemand gerippt und irgendwo hochgeladen.”

Ob Mr. Gibbard zu diesem Zeitpunkt schon wusste, was ein paar Tage nach dem Interview passieren sollte? “Narrow Stairs” tauchte nämlich am 1. April bei den einschlägig-illegalen Downloaddiensten auf, wurde hemmungslos umbloggt, heruntergeladen und ausdiskutiert. Topthema: Die ungewohnt anders klingende Stimme Benjamin Gibbards. Die war nämlich plötzlich nicht mehr ganz so weich. Und auch die Indie-Pop-Melodien, diese großartige Death Cab’sche Mischung aus Verzweiflung, Akustik-Gitarre und Indie-Verständnis waren nicht ganz so stark wie üblich. Mehre Tage dauerte es, bis realisiert wurde: Das vermeintliche Album war gar nicht “Narrow Stairs“. Es handelte sich um den Aprilscherz eines Uploaders, der das kommende Album der deutschen Indie-Band “Velveteen” auf einer illegalen Tauschbörse platzierte und innerhalb weniger Stunden hatte es sich in der vernetzten Welt verteilt. Hm. Vielleicht sollte man also doch nicht immer der Erste sein…

Text: Heiko Reusch