Unterschiede ziehen sich an. Im Falle von Head Automatica sind dies die grundverschiedenen Backgrounds der beiden Hauptakteure. Daryl Palumbo hat als Sänger von Glassjaw dem Hardcore (nicht nur dem aus New York) seinen Stempel aufgedrückt. Alternative-HipHop-Aktivist Dan Nakamura, besser bekannt als Dan The Automator, war Teil von Damon Albarns `Gorillaz`-Projekt, gilt außerdem als legendärer Producer (u.A. Cornershop, Jon Spencer Blues Explosion, Eels, DJ Krush) und begnadeter Dope Beat-Fabrikant. Als Teil von Handsome Boy Modeling School fusioniert der schwere Beats mit allen möglichen und unmöglichen Stilen. In der New Yorker Künstlerszene trat Daryl Palumbo an den Herrn mit dem japanischen Namen und dem vorzüglichen Ruf heran, um mit dem (ungefähr so etwas wie) eine Rock-Band aufzumachen.

Deren Debüt `Decadence`, in Nakamuras Studio `Glue Factory` entstanden, hat – so viel sei Glassjaw-Fans vorab gesagt – mit der New Yorker Schmerzcore-Institution nicht viel mehr als den Namen des Sängers gemein. Der Beat-infizierte Disco-Cock-Rock von Head Automatica geht in eine ganz andere Richtung. Reminiszenzen an Sixties-Punk, Spätsiebziger- oder Frühachtziger-Power-Pop, fast schon stylisch mit einer dezenten Elektronik-Note und gelegentlich fallen gelassenen HipHop-Beats versehen, machen das Album mit verdammt vielen Song-Granaten absolut partytauglich. Und verdammt sexy. Irgendwie.

Schon der Opener `At The Speed Of A Yellow Bullet` vermag im Titel proklamierten Tempo den Tanzboden zu füllen. Ähnlich schweißtreibend gehen die beiden auf `Brooklyn Is Burning` zur Sache, um sich mit Bubblegum-Trash und Porno-Orgel in die Herzen zu schmeicheln. Da wundert sich der Glassjaw-Fan, so viel ist klar. Aber mag er das auch, was er da hört? Die Unterschiede zum Objekt der Begierde der Post-Hardcore-Gemeinde könnten kaum frappierender sein. Die wütende Atmosphäre und dunkle Emotionalität Glassjaws sucht sie hier vergebens.

“Bei Head Automatica gibt es keinen negativen Vibe. Du hörst aber doch das, was direkt aus meinem Kopf und meinem Herzen kommt. Ich weiß, dass Head Automatica etwas ganz anderes ist als Glassjaw. Es fühlt sich komplett anders an. Aber letztlich ist das doch alles relativ. Ich denke nicht, dass es unterm Strich ein so immens großer Schritt ist. Jeder, der meine Musik bei Glassjaw mag, wird auch bei HA etwas finden, was er mag”, so Palumbo. Stilprägend seien für ihn vor allem Bands der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre gewesen. Bands wie Rockpile, The Squeeze oder auch Elvis Costello & The Attractions führt er selber als Haupteinflüsse auf sein Songwriting an. Auch wenn `Decadence` gegen Ende etwas die Puste ausgeht, ist das, was die beiden Männer hier geschaffen haben, hochgradig mitreißend. Live-Kompatibilität ist garantiert, wurden Head Automatica doch noch personell aufgestockt, um The Cure und The Used in den USA auf Tour begleiten zu können. Für letztere bestreiten Head Automatica auch das Vorprogramm auf deren Deutschland-Tour. Ich werde sie nicht verpassen.

Text: Martin Erfurt