Pop und Politik haben viel gemeinsam, besonders in den USA und besonders in diesen Tagen. Fall Out Boy, Bright Eyes und OK Go geben plötzlich Gratiskonzerte in den USA, M.Ward und Sparta ebenfalls – haben sie alle ein unerwartetes Einsehen mit ihren armen Fans und kehren der dreisten Ticketpreis-Mafia den Rücken? Mitnichten, der Grund ist bekanntlich ein anderer.
Der Kampf um das Kandidaten-Ticket der Demokraten für die Präsidentschaftswahl im November zwischen Barack Obama und Hillary Clinton wird längst schon an allen Fronten gekämpft, so auch auf dem Feld der Pop-Kultur. Einen Stellvertreter-Krieg nennt man, wenn zwei Kontrahenten andere für sich kämpfen lassen, weil sie vom Terrain des Schlachtfeldes nur wenig Ahnung haben. Meistens liegt dem ein gegenseitiges Geschäft mit ihren Bündnispartnern zu Grunde, wenn die Stellvertreter zum Beispiel das gewonnene Territorium nach der Schlacht selbst regieren dürfen. Genau das passiert derzeit im US-Amerikanischen Musik-Business. Die Waffen sind Konzerte und Interviews, Mikrophone und Instrumente und das Niveau erreicht dabei oft die Schmerzgrenze. Kanye West lässt verlauten, seine Mutter erkenne in Obama nicht weniger als Jesus, Gandhi und Martin Luther King wieder und bringt sich damit selbst wieder ins Gespräch. Will Smith, Q-Tip, Kidz in the Hall, Jay-Z und Sean ‘Diddy’ Combs unterstützen den ersten schwarzen Kandidaten ausgiebig und öffentlich, ebenso wie der Frontmann der Black Eyed Peas will.i.am. Die gegenseitige Identifikation erzeugt dabei nicht weniger, als eine Verdopplung des Ertrags. Obama-Fans gehen auf Hip-Hop-Konzerte und Combs’ Jünger dafür zur Wahlurne. Dieses Spiel geht dabei weit über Hautfarben-Solidarität hinaus, denn es ist eine simple Frage der Zielgruppe: jung, dynamisch und alternativ gegen Mitte, Erfahrung und Eigenheim.

will.i.am & Kollegen für Obama:

Ok, von Ex-Rage Against the Machine und Audioslave-Gitarrist Tom Morello ist man politischen Engagement gewohnt. Aber in diesen Tagen können auch Bright Eyes gratis spielen, Grateful Dead sich wieder vereinen, Win Butler von Arcade Fire und Folk-Sänger Joan Baez mit der Gitarre für Obama Wahlkampf betreiben, ebenso wie unzählige US-Sportstars oder die Schauspieler Clooney, Aniston und Johansson, ohne dass irgendwen wundert, woher eigentlich die politische Qualifikation und Legitimation dieser Leute zu solchen Aussagen stammt. Sogar die fast vergessene Cardigans-Sängerin Nina Persson und ihre neues Projekt The Birds, Shudder to Think, OK Go, Foals und Joan as Police Woman sind mit dabei, um Stimmen für Barack zu sammeln.
Auf der anderen Seite kämpfen zwar andere, aber ebenso passende Stellvertreter. Hillary Clintons Fans freuen sich sicher, wenn Barbara Streisand Geld und Stimme für ihre Kandidatin spendet, denn die CDs der Streisand haben die meisten von ihnen auch selbst im Schrank – und kaufen zum Dank gleich die neue Best Of dazu. Für die jüngere Zielgruppe schickt die 60jährige das Hip-Hop Schwergewicht Timbaland in den Ring.
Es bleibt letztendlich die Gefahr, dass die Identifikationsträger aus dem Show- und Entertainment-Business ihre Aussagen als Bumerang zu spüren bekommen werden. Je verbitterter der Kandidatenkampf geführt wird und je stärker Unterschiede inszeniert werden, wo eventuell gar keine sind, desto schneller könnten die Leute auch beginnen, sich voneinander abzuwenden. Wenn also beispielsweise Timbaland-Fans es ihrem Idol übel nehmen könnten, dass dieser den ersten schwarzen Präsidenten bekämpft. Oder andersherum gedacht: Wurzeln und Fan-Basis von Sparta liegen auf Grund ihrer Teil-Vorläufer-Band At the Drive-In verstärkt in New Mexico, Texas und Arizona. Deren häufig hispanisch abgestammte Bevölkerung bevorzugt aber eindeutig Hillary – oder gleich die Republikaner. Es ist zweifellos wichtig, die Jugend für Politik zu sensibilisieren, und Wähler in einer Demokratie auch über das Fernsehen an ihre zentrale Funktion zu erinnern. Aber es kann und darf dabei nicht das einzige Ziel bleiben, Musik-Fans so undifferenziert zu erziehen, dass ihre politische Bildung in Zukunft nur noch ihrer Lieblingsband überlassen wird.