Schon seit bald 15 Jahren sind Pearl Jam im Geschäft – ein stolzes Alter für eine Band, doch Ermüdungserscheinungen machen sich nicht bemerkbar. Ganz im Gegenteil. Zwar sind nun zwei Jahre seit dem letzten Studioalbum „Riot Act“ vergangen, doch 2003 kam mit „Lost Dogs“ ein Doppelalbum mit B-Sides und unveröffentlichtem Material auf den Markt. Und in diesem Jahr folgte mit „Benaroya Hall“, erneut auf zwei CDs, das erste Live-Akustikalbum, das im Oktober zuvor in Seattle mitgeschnitten wurde. Und als wäre dies nicht genug des Guten, erscheint dieser Tage das unvermeidliche Best Of-Album. „Rearviermirror“ (deutsch: Rückspiegel) ist der Titel eines Songs auf dem Zweitlingswerk „Vs.“ von 1993 und leiht seinen Namen passenderweise den 33 „Greatest Hits from 1991-2003“.

Stoff für einen reflektierenden Blick zurück bietet die Bandgeschichte zu Genüge. Am Anfang war es lediglich ein Projekt; ein Nachruf auf den Sänger der Seattler Band Mother Love Bone, Andrew Wood. Diese Band – ein Major-Deal mit ‘Polydor‘ in der Tasche und das Debüt „Apple“ im Kasten – stand kurz vor dem Durchbruch, als Wood noch während einer Entzugstherapie Opfer seiner Drogensucht wurde. Sein damaliger Mitbewohner und Soundgarden-Sänger Chris Cornell rief mit Mother Love Bone-Gitarrist Stone Gossard und -Bassist Jeff Ament Temple Of The Dog ins Leben, in der Eddie Vedder neben Cornell Vocal-Parts übernahm. Der Rest ist Geschichte: Ament, Gossard und Vedder gründen gemeinsam mit Mike McCready an der zweiten Gitarre und David Krusen am Schlagzeug Pearl Jam. Ihr Debüt „Ten“ verhilft ihnen schlagartig zum internationalen Durchbruch, katapultiert die Jungs an die Spitze der explodierenden Grunge-Bewegung und somit etablieren Pearl Jam gemeinsam mit Nirvana, Soundgarden und Alice in Chains ihre Heimat Seattle zum Mittelpunkt der alternativen Musikszene.

Übrig geblieben ist von dieser Bewegung nicht viel. Nirvana fanden ihr jähes Ende mit dem Selbstmord Kurt Cobains, Soundgarden lösten sich 1997 auf und der Drogentod von Alice In Chains-Sänger Layne Stayley im April 2002 schloss auch dieses Buch.

Intern hat sich bei Pearl Jam über die Jahre vergleichsweise wenig getan: An den Drums sitzt heute Matt Cameron, ehemaliger Schlagzeuger von Soundgarden, der auch schon bei Temple Of The Dog dabei war, ansonsten ist das Line-Up gleich geblieben. Dass Pearl Jam nach wie vor gemeinsam Musik machen, haben sie wahrscheinlich ihrer unveränderlichen Bodenständigkeit zu verdanken. Nach dem durchschlagenden Erfolg von „Ten“ und dem damit verbundenen Medienrummel traten sie erst einmal auf die Notbremse: Zu „Vs.“ gab es kaum Interviews, keine Videoclips. Das tat den Verkaufszahlen jedoch keinen Abbruch: „Vs.“, „Vitalogy“ (1994) und „No Code“ (1996) platzierten sich gleichermaßen auf Platz eins der US-Billboardcharts.

An diese Erfolge konnten die Nachfolgealben „Yield“ (1998), „Binaural“ (2000) und „Riot Act“ zwar nicht anknüpfen. Doch beeindrucken lassen sich Pearl Jam davon nicht. Konventionen waren noch nie ihre Sache. So wurden zu jedem der 72 Gigs zur „Binaural“-Tour die entsprechenden Live-Alben veröffentlicht – mit Ausnahme des Auftrittes auf dem Roskilde-Festival in Dänemark, bei dem neun Menschen ums Leben kamen.

Doch nicht nur die Musik steht im Mittelpunkt ihres Schaffens, sondern auch das Bemühen um ein Dasein als verantwortlich handelne Gutmenschen. So setzte sich Eddie Vedder für das Abtreibungsrecht der Frau ein und unterstützte 2000 den Präsidentschafts-Kandidaten der Green Party, Ralph Nader. Im letzten Jahr kauften Pearl Jam 1.400 Quadramtmeter Regenwald, um die Klimaschäden zu kompensieren, welche die Binaural-Tournee verursacht hatte. Schon 1994 machten Pearl Jam von sich reden, als sie „Ticketmaster“ auf Grund zu hoher Konzertkartenpreise verklagten. Den Prozess verloren sie, und auch ihr Engagement bei „Vote for Change“ gegen die Wiederwahl Bushs war nicht von Erfolg gekrönt. Dennoch kein Grund, nicht weiterzumachen. Und weitergemacht – das haben Pearl Jam immer.

Text: Sohra Behmanesh