Das hat der Mann nun davon. ‘Strap It On’ und ‘Meantime’ bescherten Helmet vor über zehn Jahren einen Ruf wie Donnerhall, weit über alle Genregrenzen hinaus. Die Nachfolger ‘Betty’ und ‘Aftertaste’ dienten nur dazu, den Legendenstatus der Band weiter auszubauen. 1999 dann der Split, dem 2004 das Comeback der neuen Helmet folgte. “Ausverkauf!” riefen viele Anhänger der ersten Stunde, weil es Mastermind Page Hamilton wagte, ohne die Rhythmusfraktion John Stanier und Henry Bogdan zurückzukommen. ‘Size Matters’, das Album zum Comeback, ist auch heute nicht ansatzweise so schlecht, wie es von vielen gemacht wurde. Es scheint lediglich, als würde es das übermächtige musikalische Erbe Helmets vielen Fans unmöglich machen, alle Alben der neuen Inkarnation von der Band als autonome Werke an sich zu begreifen.

Obwohl die Klasse des neuen Albums ‘Monochrome’ den Vorgänger vergessen macht, tendiert die breite Musiklandschaft erneut dazu, lieber nostalgisch blickend ‘Unsung’ vor sich hin zu summen, als dem neuesten Produkt des schier unerschöpflichen Arbeitseifers Page Hamiltons eine faire Chance zu geben. Natürlich ist es kein zweites ‘Meantime’ geworden. Aber wo wäre da der Sinn? Hamilton selbst sieht das ähnlich: “Ich als Musiker kann den gleichen alten Mist nur eine bestimmte Zeit lang spielen, bevor er mir zum Hals heraus hängt und ich etwas Neues kreieren muss. Wenn man konstant Musik hört und damit arbeitet, hat man gar keine andere Wahl, als sich weiterzuentwickeln.” Gerade weil sich sein Leben nur um Musik dreht, kann er viele seiner Fans verstehen, für die es immer nur ein wahres Helmet-Album geben wird: “Im gewissen Sinne mache ich mich da auch schuldig. Meine liebste Platte von Killing Joke ist immer noch die erste. Und all die anderen schaffen es in meinen Augen nicht, gegen dieses Album zu bestehen. Jeder Künstler hat so ein Album, das alle anderen überragt. Bei Beethoven war es die 7. Sinfonie und John Coltrane hatte ‘A Love Supreme’. Ich darf mir aber als Musiker keine Gedanken darüber machen, was andere über die eigene Musik sagen oder denken. Hätte ich das gemacht, als ich die Band 1991 gründetet, hätte ich lange Haar, würde enge Lederhosen tragen und so klingen wie Bon Jovi.”

Da dürfte sich Hamilton bei der diesjährigen Warped-Tour, die Helmet als Headliner bestreiten, frappierend an seine Vergangenheit erinnert fühlen. Ebenso wie Ende der Achtziger zeichnet sich die erfolgreichsten Zielgruppenbands in den USA auch im frühen 21. Jahrhundert überwiegend durch Musik vom Reißbrett, feminine Frisuren, Make-Up und enges Beinkleid aus. Glaubt man den Worten Hamiltons, dann ziehen sich Helmet zwischen der Nomenklatur des amerikanischen Haircores und Mascarapunks mehr als achtsam aus der Affäre: “Es ist ungefähr so, wie ich es mir vorgestellt habe. Einige Leute sind neugierig und aufgeschlossen, einige haben Angst, einige fühlen sich wahrscheinlich auch abgestoßen, wir sehen nun mal nicht so aufgedonnert aus wie die meisten anderen Bands. Es macht aber Spaß. Außerdem spielen wir in den USA sonst oft in kleinen Clubs und Bars, in die meistens nur Volljährige Einlass haben, deswegen ist es gut, dass auf dieser Tour jeder die Möglichkeit hat, uns anzuhören.”

Die Kids werden dann hoffentlich auch Songs des neuen Albums zu hören bekommen, das Hamilton mal wieder mit einer neuen Band einspielen musste: “Dass Frank Bello (Anthrax) und Johnny Tempesta (The Cult, Testament) nicht mehr dabei sind, hat lediglich finanzielle Gründe, beide haben Familien zu ernähren und sind es gewohnt, mehr zu verdienen als ich es mir momentan leisten kann. Mit Mike Jost und Jeremy Chatelain (Handsome) habe ich jedoch adäquaten Ersatz gefunden”, beschreibt Hamiltons seine Lage pragmatisch. Jedoch hat die finanzielle Talfahrt auch ihre gute Seite, Mit dem neuen Label ‘Warcon’ (dessen Chef Kevin Lyman sich auch die Meriten für die Warped-Tour ans Revers heften kann) scheinen Helmet den perfekten Partner gefunden haben: “Statt lange nach einem Label zu suchen, habe ich mich nach dem Split mit ‘Interscope’ spontan für ‘Warcon’ entschieden. Sie machen die Dinge anders als die Majors oder die großen Indies. Ohne Bullshit wie: ‘Dies ist eurer Promobudget, und dies eurer Radiosingle’. So konnte ich in Ruhe weiterarbeiten. Ich habe neue Musik geschrieben, neue Musiker engagiert und ein Album aufgenommen. Ohne zu viel darüber nachzudenken. Just do it. Ich hoffe, diese Methode für die nächsten Helmet-Alben beibehalten zu können.”


Text: Martin Schmidt