In der Werbebranche gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, welches besagt, dass etwas schnell funktionieren muss. Ein Spot oder eine Anzeige sollte innerhalb einer Sekunde zünden. Die Idee muss griffig sein, sonst ist sie nicht gut. Dasselbe gilt in der Regel für Pop-Musik, -konzepte oder -identitäten. Gegen diese Philosophie wenden sich Künstler wie PeterLicht allein schon musikalisch.

Nominell als leichtfüßig, naiv-romantischer Act von der Presse abgetan, zeigt er mit seinem neuen, dritten Album “Lieder Vom Ende Des Kapitalismus”, dass weit mehr als die vermeintliche Eintagfliege hinter dem Musiker PeterLicht steckt. Theater und Literatur sind, neben der Musik, als seine neuesten Steckenpferde zu nennen. Grund genug, im persönlichen Gespräch einige Dinge klarzustellen.

Ausgangspunkt

Wie bei so vielen Künstlern, ist die Provinz der Ausgangspunkt allen Bestrebens. In Schwäbischen Landen groß geworden, zog es ihn recht schnell in die Medienlandschaft von Köln. Ein Schritt, den er bis heute nicht bereut hat.

Ist es für den Musiker PeterLicht wichtig gewesen, auf dem Land groß zu werden. Oder siehst du es eher als Nachteil an, abseits jeglichen Trends aufzuwachsen?
Das ist schwer zu beantworten. (überlegt) Ich kann zumindest sagen, dass ich die Zeit in guter Erinnerung habe. Auf der einen Seite strahlt die Provinz eine ungemeine Ruhe auf die Menschen aus, anderseits mahnte sie mich geradezu, die Flucht zu ergreifen. Ich weiß nicht, ob dieser Fluchtgedanke nur mir eigen war, aber mit der Zeit habe ich ihn immer stärker empfunden.

Vielen anderen Musikerkollegen geht es da kaum anders. Tomte-Sänger Thees Uhlmann verließ auch sein Heimatdorf, um in Köln, später Hamburg und jetzt in Berlin sein Glück zu suchen. Ein Beweggrund für ihn war die Tatsache, dass man auf dem Land kaum Gleichgesinnte findet. Welche Gründe waren bei dir ausschlaggebend für den Umzug nach Köln?
In Köln sah ich einfach mehr Möglichkeiten, mich selbst zu entfalten. Auf dem Land sind diese sehr begrenzt. Hinzu kamen noch private Gründe, die mir die Stadt schmackhaft machten. Ingesamt würde ich meinen, das für mich die Großstadt schon immer eine gewisse Anziehungskraft hatte. Warum das aber vielen Künstlern so geht, weiß ich nicht. Die Frage sollte mal in den Raum gestellt werden!

In Köln angekommen, ging es Schlag auf Schlag. Ein kleines Label entdeckte die Qualitäten des feinsinnigen Musikers und brachte in begrenzter Stückzahl ein paar Songs von ihm auf dem Markt. “Sonnendeck” hieß einer davon und verschaffte PeterLicht bald soviel Aufmerksamkeit, dass er nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf steht.

Jetzt, Musik!

Als gleich die erste Single “Sonnendeck” zum Underground-Sommerhit des Jahre 2001 avancierte, wurde um die Person PeterLicht ein großes Geheimnis gemacht. Anstatt öffentlicher Auftritte stand ein Bürostuhl stellvertretend für das Konzept, und sorgte für allerlei Verwirrung in der Öffentlichkeit.

Viele deuteten deine damalige personelle Total-Verweigerung gegenüber der Branche als ein “Anti-Statement” zur Pop-Kultur. Nichtsdestotrotz hat dir diese Strategie eine Menge Erfolg eingebracht. Wie kam es dazu?
Es stellt sich für jeden Musiker zu Beginn seiner Karriere die Frage, wie er bestimmte Dinge, die seine Person betreffen, in der Öffentlichkeit herausposaunt. Ich empfand den schmalen Grat zwischen Privatmensch und Musiker meistens als ein absurdes Phänomen. Also habe ich absurd darauf reagiert und meine Musik ganz für sich selbst sprechen lassen.

Es ging dir also nicht, wie so oft unterstellt, um den Slogan “Meide die Pop-Kultur”?
Nein, ganz und gar nicht. Ich sah und sehe meine Musik auch als Pro-Statement zum Pop und das, was ihn umgibt. Schließlich bediene ich mich seiner Mittel und Ausdrucksformen. PeterLicht ist also ein Teil davon und ich habe auch meinen Spaß daran! (lacht)

Inzwischen hast du das Geheimnis gelüftet und ein jeder kann sich ein Bild von dir machen. Wie kam es zu diesem Schritt, bzw. ist die Angst nur den Soundtrack zu einem Gesicht zu liefern, immer noch da?
Ich hatte ja schon bei meiner letzten Platte “Stratosphärenlieder” das Geheimnis ein bisschen gelüftet. Irgendwann hatte mich einfach das Gefühl bzw. der Gedanke gepackt, auch dem Musiker eine Plattform zu geben. Inzwischen plane ich sogar eine Tour. Mal sehen wie die aussehen wird?!

Die meisten nahmen deine erste Single “Sonnendeck” als leichtfüßigen Hit war. Helge Schneider erging es mit “Katzenklo” in den Neunzigern ganz ähnlich, was soweit führte, dass er ihn live nicht mehr spielte, weil er wollte, dass seinen seriöseren Songs mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Gibt es da Parallelen?
Die Zuschreibung, ob ich nun ein leichtfüßiger Künstler bin oder nicht, hat mich eigentlich so nie interessiert. Es war, wie in der Musik so oft, eine reine Interpretationsfrage. Bei “Sonnendeck” ging es mir inhaltlich um Tod und Vergänglichkeit. Andere sahen wiederum einen naiven Hit darin. So ist das nun mal. (überlegt) Aus genannten Gründen habe ich auch heute noch ein sehr gutes Verhältnis zu diesem Song und finde, dass er mich genauso repräsentiert wie andere, neuere Lieder.

Nach seinem Debüt “14 Lieder” und dem Nachfolgewerk “Stratosphärenlieder” wurde es erst einmal still um PeterLicht. Viele mutmaßten von einem jähen Karriereende. Nicht so der Künstler selbst. Mit dem Erfolg der ersten beiden Platten im Rücken, begab er sich vor einiger Zeit wieder ins Studio.

“Lieder Vom Ende des Kapitalismus”

Mit dem neuen Album “Lieder Vom Ende Des Kapitalismus” zeigt PeterLicht allen Kritikern die Stirn und präsentiert einen sehr intelligenten Künstler, dem trotz aller Ernsthaftigkeit der Humor nicht verloren gegangen ist. Pop-Musik, die sich selbst nicht zu wichtig nimmt, aber wichtig ist.

Dein neuestes Werk birgt auf der einen Seite immer noch diese leichten Melodien der beiden Vorgänger in sich, offenbart aber auch sehr unbequeme Slogans und allerhand Übertreibungen.
Übertreibung als Stilmittel ist eine tolle Sache. Ich arbeite sehr oft mit ungerechten Verallgemeinerungen oder auch Gleichsetzungen. Wenn ich singe: “Wer saufen kann, kann auch ausschlafen”, dann empfinde ich das als die Wahrheit. Auch den Kapitalismus als “alten Schlawiner” zu bezeichnen, fand ich berechtigt. Es geht mir beim Schreiben immer darum, die Dinge so auszudrücken, wie ich sie empfinde, und nicht, wie sie allgemeingültig als wahr hingenommen werden. Eigentlich liegt es doch auf der Hand: Wie soll ich einen Text außerhalb meiner eigenen Wahrnehmung schreiben? Das geht ja gar nicht.

Kann es durch den Dualismus “leichte Melodie vs. anspruchvolle Botschaft” nicht schnell dazu kommen, dass der Hörer deine Intention nicht ganz kapiert?
Das überlasse ich jedem selbst. Musik besitzt Inhalte, und die sind der freien Interpretation ausgesetzt: Du machst das, es wird so aufgenommen, dann mache ich jenes und es wird ganz anders interpretiert. Das ist ein klassisches Sender/Empfänger-Verhältnis.

Sind dir die Slogans, die du bereits angesprochen hast, auch deswegen so wichtig, weil sie der Musik eine bildlichere Sprache verleihen?
Ernste Dinge können auch ruhig locker daher geredet werden. Ich lege es zwar nicht darauf an, aber ich wehre mich auch nicht dagegen. Es gibt daher keinen Masterplan, den ich im Hinterkopf trage. (längere Pause) Ich schreibe Lieder unter dem strengen Gesichtspunkt, dass ich die Wahrheit verfolge. Auch wenn es nur um eine Zeile geht, stelle ich mir immer und immer wieder die Frage: Ist es wirklich wahr, was da gerade zu Papier gebracht wurde? Das ist mein Test, ein jedes Wort erzittern zu lassen.

Wer das Ergebnis gerne schriftlich hätte, dem kann geholfen werden. Neben der Platte “Lieder Vom Ende Des Kapitalismus” wird es auch ein Buch mit dem Titel “Wir werden siegen. Buch vom Ende des Kapitalismus” geben. Ein Konzept, das natürlich nicht per Zufall entstand.

Schwarz auf Weiß

Parallel zum Album erscheint dein erstes Buch. Liegt man völlig falsch mit der Vermutung, dass sich beides aufeinander bezieht, alleine schon auf Grund des Titels?
Mit der Vermutung liegst du richtig. Ich habe an beiden zeitgleich gearbeitet.

Was ist denn genau das Ziel, das du mit dem Buch verfolgst?
Also erstmal ist es kein Roman oder so etwas. Vielmehr beinhaltet es Gedichte, Geschichten, Tagebuchfetzen und Zeichnungen von mir, die sich alle unter dem Titel “Ende vom Kapitalismus” ordnen lassen. Das Ziel, was ich verfolgt habe…(überlegt) Gute Frage, was verfolgt PeterLicht, wenn er ein Buch schreibt?! Sicherlich das Schreiben des Buches. Ehrlich gesagt, habe ich mir über ein Ziel noch keine Gedanken gemacht. Es ist ja auch so, dass das Buch nicht das Ende der Fahnenstange ist.

Dramaturgie

Vor knapp drei Jahren hat PeterLicht seinen künstlerischen Fähigkeiten ein neues Zuhause gegeben. Die Münchner Kammerspiele fragten, ob er sich vorstellen könnte, mit Musik und Texten das Theaterstück “Karoshi. Tod durch Überarbeitung” zu untermalen.

Zur neuen Platte und dem dazugehörigen Buch wird es wieder ein Theaterstück geben. Wie genau darf man sich das vorstellen, wo PeterLicht doch eigentlich in der Musik zu Hause ist?
Für mich hatte dieses Arbeiten mit verschiedenen Medien immer etwas Remixartiges. Melodien oder Textstücke, die es auf der Platte oder dem Buch gibt, tauchen im Theaterstück wieder auf – etwa wenn die Charaktere auf der Bühne Lieder von mir darstellen. Das ist eine tolle Möglichkeit, die strengen Versmaße, die die Songs auf dem Album einfordern, aufzubrechen und ins Epische zu verlagern.

Alle drei Kunstformen bedienen sich also aus derselben Quelle?
Definitiv. Es geht darum, die Gegenwart anzubohren, wenn man ein solches Konzept verfolgt. Sehen was raustropft und daraus etwas machen, was schön ist. Für mich stehen die “Lieder Vom Ende des Kapitalismus” gleichberechtigt neben dem Buch und dem Theaterstück. Das eine könnte es ohne das andere nicht geben. Wenn ich das Stück sehe, oder das Buch lese, höre ich die Lieder und umgekehrt.

Selbst wenn so eine Aussage jedem Avantgarde-Liebhaber Tränen in die Augen treiben dürfte, fasst sie aus dem Mund von PeterLicht doch perfekt zusammen, was den speziellen Charakter dieses Musikers ausmacht: Dass er dort, wo die ganz krasse Avantgarde sich in Gesten übt, die nur noch intellektuell gewürdigt werden können, eine kompakte Symbiose schafft. Es gibt also mehr als nur einen Grund, PeterLicht, Auge und Gehör zu schenken.

Text: Marcus Willfroth