Genau wie die White Stripes oder die Raveonettes folgen auch The Kills der momentanen Trendwende im musikalischen Paarungsverhalten – weg vom Bandgefüge und hin zur trauten Zweisamkeit im geschlechtlich gemixten Doppel. Nur haben die Amerikanerin VV (Allison Mosshart) und der Brite Hotel (Jamie Hince) weder den Blues, noch nur eine Tonart für sich gepachtet. Vielmehr folgen sie, zusammen mit einem Drumcomputer, dem künstlerischen Kredo von Warhols Factory, und präsentieren auf ihrem zweiten Album ‘No Wow’ abermals, wie der Geist von Velvet Underground mit PJ Harvey und dem popkulturellen Vermächtnis des Post-Punks immateriell kopuliert.

Bevor man jetzt auf falsche Gedanken kommt, auch VVs und Hotels Beziehung ist rein platonischer Art. So steht auch ihre zugegebenermaßen recht unkonventionelle Form des Zusammenlebens ausschließlich im Dienste der künstlerischen Schöpfung. Dazu Jamie: “Ich denke, die meisten Menschen auf der Welt führen nicht so eine Freundschaft wie wir beide. Wir arbeiten zusammen, leben zusammen, und das 24 Stunden am Tag. Das bedeutet für uns, konstant kreativ zu sein. Das ist ein großer Unterschied zu einfach nur zusammen abhängen. Wenn man das macht, verliert man irgendwann alle Hemmungen und reißt auch alle Formen der Höflichkeit nieder.”

Mit gleicher intimer Intensität erlebt man dann auch die Musik der Kills, die – immer wieder zwischen kühler Distanz und leidenschaftlicher Laszivität changierend – das gesamte emotionale Klangspektrum auf den immanenten Wahrheitsgehalt ambivalenter Zwischentöne abklopft. Und diese Wahrheit kann manchmal auch schmerzlich sein. “Es ist grausam, sich die Platte über Kopfhörer anzuhören, weil sie so trocken und harsch ist. Bei der letzten Platte hatten wie total viel Hall benutzt, weil wir den Eindruck erwecken wollten, die Aufnahmen kämen aus weiter Distanz, als wären sie im Geheimen aufgenommen. Diesmal wollten wir, dass der Sound direkt vor den Boxen entsteht, als würde er direkt dort herausfallen”, erläutert uns Jamie das akustische Konzept von ‘No Wow’, dessen Titel übrigens den desolaten Zustand der heutigen Kunst- und Musiklandschaft beschreibt, die ihr inspiratives Überraschungsmoment verloren zu haben scheint.

Deshalb ist das visionäre Gesamtkonzept der Kills auch keineswegs festgeschrieben, sondern stark von einem evolutionären Kunstverständnis geprägt, welches auf fortwährender Selbsterkundungsreise alles andere als den repetierenden Stillstand oder das postmoderne Augenzwinkern sucht. “Ich wünsche mir, dass nach drei, vier Platten unser erstes Album gar nicht mehr in unser Set passt, weil wir uns dann an einem ganz anderen Punkt befinden werden. Es ist doch erstaunlich, wenn man sich anschaut, was in der Zeit zwischen 1967 und 1981 so alles passiert ist. So viele Extreme in relativ kurzer Zeit. Die Factory, dann die ganze New York Punk Bewegung, das CBGBs, die Ramones, Television… das alles hat immer auch andere Kunstbereiche beeinflusst – und nur vier Jahre später hast du dann das transsexuelle und dekadent hedonistische Partybewusstsein des Studio 54. All diese Sachen, wie der Schulterschluss von Mode und Kunst, haben tiefe Spuren hinterlassen. Heute ist und wird das alles nachträglich ironisiert – und ich hasse das”, so Jamie.

Text: Frank Thießies