Bela B. über sein in diesen Tagen erscheinendes erstes Soloalbum “Bingo”, die damit verbundenen Vergleiche mit den Ärzte-Kollegen, seine Zweitkarriere als Schauspieler und vieles mehr.


Bela, mit “Bingo” veröffentlichst du in diesen Tagen dein erstes Soloalbum – warum jetzt, warum überhaupt?
Zeitlich trifft es sich gut, weil meine Hauptband gerade eine längere Pause macht. Entstanden ist die Idee zum Soloalbum vor anderthalb Jahren gemeinsam mit den beiden Produzenten Olson Involtini und Wayne Jackson, die ich damals gerade kennen lernte. Mit ihnen und meiner Sängerin Lula habe ich damals einen Song für einen bis heute auf Grund diverser Rechtsstreitigkeiten nicht veröffentlichten KLF-Tribute-Sampler aufgenommen. Das war jedenfalls ein schönes Zusammenarbeiten, und anschließend fragten die drei mich, ob ich mir vorstellen könne, mit ihnen zusammen an einem Soloalbum zu arbeiten. Ich habe mir dann ein halbes Jahr Bedenkzeit ausgebeten – um herauszufinden, ob ich überhaupt Lust habe, Musik zu machen und einfach erst mal ohne Not Songs geschrieben. Die letzten drei Jahre waren nämlich leider von einer gewissen Unlust an Musik gekennzeichnet, die Musik hatte mich gewissermaßen verlassen, was mir vorher noch nie passiert war.


Sprichst du jetzt von der Zeit nach dem Die Ärzte Doppelalbum “Geräusch”?
Nein, leider war das schon während des Schreibens für das Doppelalbum der Fall. (lacht) Also, ich habe mir damals beim Schreiben schon Mühe gegeben, aber trotzdem fehlte mir der Sinn, ich fühlte mich so weit weg von allem und insgesamt war das eine tierische Quälerei. Auch an der Musik, die ich mir zu dieser Zeit gekauft habe, konnte ich keinen Spaß empfinden. Dann habe ich aber die Sachen von den Dreien, also Lula, Wayne und Olson gehört, und das hat mich irgendwie ziemlich gekickt. Einer der Songs war zum Beispiel “1., 2., 3.”, ein Song von Wayne, der ja jetzt auch auf dem Album ist. Hat mir sehr gut gefallen, und so was könnte ich jetzt auch gar nicht schreiben. Ich fing also an, zu diesen Ideen Texte zu schreiben, und plötzlich flog mir alles nur so zu und ich schrieb Songs innerhalb von zehn Minuten. Das war natürlich ein gutes Zeichen. Trotzdem hatte ich noch Bedenken. Ich fragte mich: Warum soll ich jetzt noch ein Soloalbum machen, wo das doch der blonde Kollege, mit dem ich zusammenarbeite, schon zweimal gemacht hat – zumal sein letztes ja zu dieser Zeit gerade erst veröffentlicht wurde. Was für Dinge löse ich damit aus, wenn ich das jetzt auch noch mache – und welchen Vergleichen setzte ich mich damit aus? Parallel zu diesen Überlegungen begannen wir jedoch bereits mit der Arbeit an den Songs, einfach weil es Spaß machte. Es gab eine Menge Fragmente und Ideen der beiden Produzenten, und auch ich begann eine Menge zu schreiben – und ehe ich mich versah, waren wir mitten in einem Arbeitsprozess, nahmen Demos auf und irgendwann gab’s dann kein Zurück mehr.

Es war also nicht so, dass du immer schon mit dieser Idee liebäugelst und wie Farin parallel zu den Ärzten Songs geschrieben hast, die im Ärzte-Kontext keine Verwendung fanden?
Nein, so wie bei Farin Urlaub ist das bei mir nicht gelaufen.

An dessen Solokarriere trägst du ja angeblich ohnehin du die “Schuld”…
Ja, das sagt er immer. Ganz so war es aber nicht.

Ich dachte, du hättest in einem Interview sein Solodebüt angekündigt und danach gab es dann für ihn kein Zurück…
Ich habe das tatsächlich irgendwann mal in einem Interview erwähnt. Aber nur, weil er ständig davon gesprochen hat, eines machen zu wollen und dass er auch schon konkrete Ideen hätte. Und da war ich halt der Meinung, wenn er schon ständig davon spricht, dann soll er es halt auch endlich mal machen.

Wie war es denn nach all den Jahren als Bandmusiker, nun plötzlich alleine für alles verantwortlich zu sein?
Sehr anstrengend. Aber es macht auch eine Menge Spaß. Ich lebe hier etwas aus, und die Leute, mit denen ich das zusammen tue, passen sehr gut zusammen. Die Tatsache, dass wir alle sehr spontan und aus dem Bauch heraus arbeiten, führt uns aber auch ständig in Zeitbedrängnisse. Deshalb sind zum Beispiel auf der Promoversion des Albums, die ihr gestern gehört habet, fast nur Rough-Mixe vertreten. Andererseits habe ich das aber auch ewig oder vielleicht sogar noch nie gehabet, dass man morgens ins Studio geht, und abends mit einem völlig anderen Ergebnis als geplant wieder herauskommt – einfach, weil sich spontan so viel ergeben hat. Das ist unglaublich aufregend.

Also alles ein bisschen freier und weniger starr als bei den Ärzten? Wobei ich natürlich nicht weiß, ob es bei denen jetzt so starr zugeht, aber du brauchst wahrscheinlich nicht soviel Rücksicht auf andere Meinungen nehmen, oder?
Klar, einerseits bin ich natürlich irgendwie jetzt hier der Alleinherrscher, der bestimmt wo es lang geht – deshalb heißt es ja Soloalbum. Andererseits bin ich aber auch gerne Teamworker und habe überhaupt kein Problem damit, mir in Bereichen, in denen ich an meine Grenzen stoße, Hilfe zu holen. Sei es beim Arrangieren oder auch beim Spielen der Instrumente. Das ist jedenfalls nicht so autark entstanden wie Farins Platten. Aber das ist halt auch ein Teil meines Wesens – ich bin ein absoluter Teamworker und liebe es, mich mit anderen Menschen auszutauschen. Zum anderen Punkt: Starrheit bei den Ärzten ist natürlich schon ein Thema, das ist ganz klar. Wenn man so lange zusammen spielt wie wir, ist halt vieles Routine. Du weißt, wann es ins Studio geht, wie lange du da bist, wann die erste Single kommt, die Promo losgeht, wann das erste Video gedreht wird – das steckt ein großer Masterplan hinter, der natürlich wenig Platz für Improvisationsgeist lässt.

Zumal es ja bei den Ärzten auch um viel mehr geht, der große Apparat, die vielen Leute, die mittlerweile direkt oder indirekt mit dran hängen…
Klar, ein Beispiel: Eine Ärzte-Platte, die am 12. Mai erscheinen sollte, würde sich jetzt mit Sicherheit nicht mehr in der Mischphase befinden. Wir wären längst auf Promoreise, da wäre alles in trockenen Tüchern. Und das jetzt einmal anders zu machen, ist zwar anstrengend, aber auch sehr schön.

Was mir auf dem Album aufgefallen ist, ist der inhaltliche Kontrast von eher witzigen Songs wie zum Beispiel “Loverboy” auf der einen und ernsteren wie etwa “Der Letzte Tag” auf der anderen Seite.
Die Verbindung besteht darin, dass die Texte, so zweidimensional oder platt sie auch manchmal wirken mögen, alle tief empfundenen Gedanken von mir entspringen. Das kommt natürlich nicht immer ganz so direkt rüber wie beim “Tag Mit Schutzumschlag” oder auch “Der Letzte Tag”, wo ich mich mit dem Tod auseinandersetze.

Bei den Ärzten packt ihr ja durchaus auch ernste Themen an, von wenigen Ausnahmen abgesehen verfahrt ihr dabei aber im Allgemeinen weniger ernst als du das jetzt bei den angesprochenen Stücken tust. Vielleicht daher meine Überraschung.
Bei den Ärzten gibt es da schon einiges, aber eben immer eingebettet in ein ironisches Gewand, das stimmt schon. Ironie und Humor sind sehr wichtige Bestandteile von mir und tauchen deswegen auch auf. Das ist aber eben nicht das Einzige. Ich kann sowieso nur das niederschreiben, was unmittelbar in mir vorgeht.


Du legst dir da also keinen Plan zurecht, mit Themen, die du gerne behandeln würdest?
Nee, das geht gar nicht. Bis auf zwei Ausnahmen, Themen, die ich unbedingt behandeln wollte: Das eine war diese “Du Bist Deutschland-Kampagne”, dazu gibt’s einen Text von mir, Arbeitstitel ist “Bier”. Das war mir ein absolut dringendes Bedürfnis, dazu was zu machen, auch wenn das den Anderen schon etwas zu zeigefingermäßig war. Sehr guter Song, der auch musikalisch noch mal in eine andere Richtung geht, da er sehr nach Blondie klingt. Der andere Song heißt “Deutsche Kauft Nicht Bei Nazis”. Damit wollte ich mich komplett abgrenzen von einer Szene, die Songs nicht nur von uns, sondern auch von Wir Sind Helden oder den Ton Steine Scherben für ihre Zwecke zu vereinnahmen versucht.


Das hat ja stattgefunden, diese Lieder wurden und werden auf NPD-Demos gespielt.
Genau. Dieser Song wird allerdings nicht auf die Platte kommen, sondern im Internet zum Download parat gestellt. Das kann dann meinetwegen für sämtliche Antifa- und sonstige Foren benutzt werden. Damit die Kids eben solche Musik genauso umsonst kriegen, wie sie im letzten Jahr auf den Schulhöfen Nazi-CDs umsonst gekriegt haben.

Bei dieser Aktion der Rechten gab es ja eine Gegenaktion der Grünen, die sich einige Meter hinter den Nazi-Verteilern mit Müllsäcken postiert hatten und die Schüler aufforderten, ihre Nazi-CDs dort wieder zu entsorgen…
Das ist eine gute Aktion! Nicht so gelungen war die sicher gut gemeinte aber nicht so effektive Aktion der Landesregierung, da selber CDs zu verteilen. Da war dann Janet Biedermann und so was drauf und hinten der Stempel der Landesregierung – da fragt man sich natürlich, wie viele Jugendliche man auf eine solche Art erreicht… Ich beteilige mich gerade an einer Aktion, “Kein Bock Auf Nazis”, die von der Underground-Punk-Band ZSK initiiert wird. Da machen unter anderem Madsen und Breiti von den Hosen mit. Weil das so offiziell läuft, sind aber leider nur Interviews auf der CD.


Und zum Ausgleich dann die andere Nummer umsonst im Netz. Die Geschichte mit dem “Letzten Tag” noch mal: Basiert das auf autobiographisch Erlebtem?
Ja schon. Ich will da nicht zu sehr ins Detail gehen, aber da geht es um eine Freundin von mir, eine sehr gute Freundin nebenbei, und bei der wurde eben ein Tumor festgestellt. Und die Prognose war, dass das alles sehr schnell geht. Das war zwar sehr bestürzend, aber nichts wirklich Überraschendes. So was passiert jedem von uns irgendwann, Krebs ist die häufigste Todesursache, das ist nun mal so. Jedenfalls hatte ich in dieser Zeit viel mit ihren Verwandten zu tun. Und der Kontrast zwischen der Stärke der Betroffenen einerseits und der Schwäche und Verzweiflung der Angehörigen auf der anderen Seite hat mich zutiefst erschüttert. Es ist ja sowieso klar, dass nicht die in Kürze Sterbenden leiden, sondern immer jene, die zurückbleiben. Das ist jetzt sicher auch keine bahnbrechende Neuigkeit aus dem Mund von Bela B. Neu daran ist nur, dass ich einen ganz einfachen, klaren Text über das Sterben geschrieben habe, ohne romantische Verklärtheit. Bedient habe ich mich dabei einer älteren Instrumental-Idee, die ich dann in diesem Johnny Cash/Country-Stil umarrangiert habe. Ich bin übrigens ziemlich stolz auf dieses Lied, weil es so direkt uns einfach ist. Und Einfachheit ist, wie ich finde, immer noch der poetischste Weg große Gefühle zu transportieren.


Zum Video von “Tag Mit Schutzumschlag” hast du dich ganz offensichtlich von dem Tim-Burton-Film “Charlie Und Die Schokoladenfabrik” inspirieren lassen, was bedeutet dir der Film?
Das war ein Vorschlag von Norbert, dem Videoregisseur. Zufälligerweise hatte ich mir aber am selben Tag die DVD des Films gekauft. Im Kino hatte ich ihn nicht gesehen, da ich nach seinen letzten Filmen ziemlich enttäuscht von Tim Burton war. Dann habe ich ihn aber für 10 Euro auf einem Grabbeltisch entdeckt und fand ihn echt super, toller Film! Na, und parallel kam halt der Vorschlag, und das hat gepasst. Es schmeckt mir aber nicht, wenn die Leute jetzt sagen: ‘Na Bela, haste da jetzt einen auf Johnny Depp gemacht?’ – (raunt augenzwinkernd) weil ich doch viel berühmter bin als Johnny Depp. Nein, es hat aber einen Riesenspaß gemacht mit Kindern zu arbeiten und neben denen, wie ich finde, gar nicht mal so ein schlechtes Gesicht gemacht zu haben. Und zum Ende wird das Video ja dann auch ein bisschen “belarisiert”.


Ebenfalls aus dem Film übernommen ist die Aktion mit dem Schokoladen-Preisausschreiben – was ist bei dir der Hauptgewinn?
Es wird ‘ne große Party geben und da kann man mir dann dabei zusehen wie ich beim Einnehmen von Alkohol langsam die Fassung verliere – Bela und die Alkoholfabrik.


Du bist bekannt als jemand, dessen Musikgeschmack ein ziemlich breites Spektrum umfasst – um so erstaunter war ich, dass offenbar einige deiner Vorlieben auf der Platte keinen Niederschlag finden. So gibt es, so weit ich das bisher beurteilen kann, keine offensichtlichen Metal-Referenzen…
Die Liebe zum Metal wird tatsächlich auf der ganzen Platte nicht so durchkommen. Ich selber kann das ehrlich gesagt instrumental nicht so bedienen. Der Unterschied zwischen dem, was ich mag und höre und dem, was ich selber tatsächlich spielen kann, ist schon ziemlich groß. Außerdem hätte es einfach nicht zur Stimmung gepasst. Ich wollte meiner Platte so einen schmutzigen Glamour verpassen. Die Musik sollte glamourös sein, mit Frauen-Schubidu-Chören, diesen Twang-Gitarren oder ruhig auch mal einem Orchester am Ende eines Songs – dazu hätte Metal dann nicht mehr so ganz gepasst. Immerhin habe ich aber meinen alten Metal-Kumpel und Flinkefinger Nummer eins, Gary Schmalzl, mit auf die Platte geholt, damit wenigstens ein Metal-Gitarrensolo drauf ist – das hat Spaß gemacht. Der Stil der Platte hat sich insgesamt einfach aus meiner Gefühlslage ergeben. Ich wollte nicht aus jedem Regalfach einen Stil mit rein nehmen und am Ende passt es schon, sondern es hat sich ganz automatisch mehr in Richtung dieser Surf- und Twang-Sachen entwickelt. Das ist im Übrigen ein Spektrum meiner musikalischen Vorlieben, welches in den letzten Jahren ein bisschen zu kurz gekommen ist, dem ich mich aber immer mehr hingezogen fühle. Das in Verbindung mit Punkrock zu präsentieren, war mir wichtig.


Für meinen Geschmack kommt darüber hinaus eine ziemliche Schlager-Affinität zum Tragen…
Ja, bei “Loverboy” auf jeden Fall. Aber das ist ja auch die B-Seite, das kommt nicht aufs Album. (lacht) Außerdem sehe ich das durchaus auch Elvis-mäßig…

Verstehe, die Schnulzen-Hawai-Phase, oder?
Ja, auch. Deshalb haben wir im Intro und Outro auch ein Sample des Sprechers benutzt, der diese berühmten Fernsehshow in den Sechzigern moderierte, in der auch die Beatles waren. Wie heißt der noch mal, ich komme gerade nicht drauf…


Ed Sullivan?
Genau, Ed Sullivan!

Zu der Zeit hat Elvis auch gerne mal ein Duett eingestreut. Du singst auf der Platte mit Charlotte Roche. Wie kam es dazu?
Wir kennen uns. Ich würde uns zwar jetzt nicht als die dicksten Freunde bezeichnen, aber wir mögen uns und haben beide von Anfang Sympathie füreinander empfunden. Ich hatte sie vor einigen Jahren mal gefragt, ob sie Lust hätte, mit mir für ein damals von mir geplantes Duett-Album etwas zu singen, und sie hat gleich zugesagt. Leider ist aus dem Projekt damals nichts geworden, aber als ich sie jetzt noch mal angehauen habe, war sie nicht böse und war gleich dabei.


Dein Produzent Wayne sagte gestern, dass sie vorher noch nie gesungen habe…
Das ist nicht ganz war. Sie hat bereits einmal bei so einem befreundeten DJ-Projekt gesungen. Aber das hier ist die Premiere im größeren Rahmen. Übrigens gibt es auch noch eine zweite Version von dem Song, die nicht auf dem Album sein wird und in der Charlottes Seite der Geschichte erzählt wird. Damit wollte ich diese schöne alte Schlagertradition aufgreifen, nach der man erst seine und dann ihre Idee hört. Frank Farian hat so was auch gemacht.

Wird das dann auch eine B-Seite, wie “Loverboy”?
Ja, das wird die perfekte Ergänzung. Beide Versionen werden ein perfektes Ganzes ergeben.

Du hast vorhin von einer zwischenzeitlich aufgetretenen Musikmüdigkeit gesprochen. Nun bist du ja seit einigen Jahre auch verstärkt in anderen Bereichen aktiv – die Schauspielerei, der Comicverlag, die Hörspiele, um nur einige zu nennen – haben sich da vielleicht auch ein bisschen die Prioritäten verschoben, oder stehen Die Ärzte immer noch klar im Mittelpunkt deines Wirkens?
Die Musik allgemein steht im Zentrum. Natürlich habe ich den Ärzten alles zu verdanken. Außer mit meiner Schwester und meinen Eltern teile ich den längsten Teil meines Lebens mit dieser Band und diesen Songs. Ich habe immer schon erwähnt, dass die Musik für mich das Wichtigste ist. Bei minus zehn Grad an irgendeinem Drehort mitten in der Nacht auf deinen Einsatz zu warten oder vor 18.000 Leuten den Dicken zu machen – das ist schon ein Qualitätsunterschied. Wobei ich beides liebe. Und nachdem ich für die letzte Ärzte-Platte nur sieben Songs geschrieben hatte, was ja für ein Doppelalbum ziemlich wenig ist, dachte ich: “Jetzt musst du das aber auch mal beweisen, dass die Musik wirklich an der ersten Stelle steht.” Das war sicherlich trotz zwei erfolgreichen Farin Urlaub-Soloplatten und der sicherlich vorauseilenden Vergleiche trotzdem ein Grund, das jetzt einfach mal zu machen, mit meiner Soloplatte.

Und die werden sicher kommen, die Vergleiche!
Na klar. Es werden ganz sicher Dinge passieren, die mir nicht gefallen werden. Aber da muss ich dann eben versuchen, drüber zu stehen.

Dazu passt vielleicht, dass du die Ärzte-Strukturen in keiner Weise genutzt hast (Plattenfirma etc) War das eine bewusste Entscheidung?
Auf jeden Fall. Ich habe einige meiner alten Musikfreunde dabei – mein Kumpel Atze hat einen Song geschrieben und von Gary Schmalzl habe ich ja schon erzählt – aber ansonsten habe ich mein gewohntes Umfeld außen vor gelassen. Und ich wollte auch nicht die Ärzte-Strukturen. Auch nicht mit einem anderen Namen, wie das bei Farin der Fall war, und ich wollte auch nicht denselben Manager. Das hat natürlich zwei Gründe: Der erste ist, dass ich das hier völlig neu erleben wollte, mit neuen Menschen, einem neuen Umfeld – einfach mal etwas ganz Anderes und mich selbst auch neu entdecken. Das heißt jetzt nicht, dass der Ärzte-Manager ein Arschloch ist oder so. Aber so hat es sich einfach richtig angefühlt. Bei einigen Leuten gab es wegen dieser Vorgehensweise anfangs auch ein gewisses Unverständnis. Aber mittlerweile ist das eigentlich geklärt und alle freuen sich. Dazu gab’s dann nach der Echo-Verleihung auch noch mal eine nette Mail vom Ärzte-Manager, in der stand, dass er die Platte natürlich als extrem wichtig für Die Ärzte empfindet und das letztlich das Einzige ist, was zählt.


Wie groß ist denn der Ehrgeiz bei dir, jetzt Erfolg zu haben und damit vielleicht auch etwas zu beweisen – nämlich, dass du es auch alleine kannst?
Das habe ich mir eigentlich schon jetzt in diesem Stadium bewiesen.

Dir selbst schon, aber was ist mit den Anderen?
Darum geht’s nicht, darum darf es auch nicht gehen. Natürlich kriege ich mit, in welchen Chartpositionen Farin Urlaub sich bewegt und natürlich lese ich auch hin und wieder mal in Gästebücher, um zu sehen, was die Fans so sagen. Aber das darf mich halt nicht zu sehr tangieren. Ich muss das hier so machen, wie ich glaube, dass es gut und richtig ist. Trotzdem würde ich natürlich lügen, wenn ich nicht zugeben würde, auf einen großen Erfolg zu hoffen. Bei mindestens einem Song bin ich mir auch hundertprozentig sicher, dass das ein Riesenhit wird – falls sich George Bush nicht am selben Tag entschließt, den Iran zu bombardieren oder sonst etwas Unvorhergesehenes passiert. Aber alles andere muss ich ausblenden.


Es nützt ja auch nichts, wenn man sich selbst zu sehr unter Drucks setzt, oder?
Genau. Dadurch, dass Die Ärzte sich immer zu ihrem Erfolg bekannt haben und auch zu ihrem materiellen Erfolg, ist es auch klar, dass wir so etwas gefragt werden. Josh Homme zum Beispiel würde keiner so eine Frage stellen.

Ich finde auf jeden Fall, dass das eine nahe liegende Frage ist. Wie übrigens auch ganz allgemein die, inwiefern bei euch Konkurrenzdenken vorhanden ist. Nach außen wirkt ihr, also du und Farin, ja wie zwei völlig gegensätzliche Pole...
Das ist auch so…

Und Rod steht so ein bisschen in der Mitte…
Genau…

Und trotzdem gibt es da ja auch eine lange und erfolgreiche Freundschaft, sicherlich aber auch eine gewisse Konkurrenz – vielleicht ja auch eine durchaus gesunde, manchmal aber sicher auch ungesunde, oder?
Ja, klar, beides trifft zu. Nach so vielen Jahren gibt’s auf jeden Fall auch Spannungen, ganz klar. Jan (Vetter, Urlaubs bürgerlicher Name) und ich kennen uns, seit wir 17 sind. Da gibt es so unglaublich viele Sachen, die uns am Anderen so dermaßen nerven. Umso schöner ist es dann, wenn der jeweils andere versucht, das mal einzustellen. Und natürlich ist da auch eine ziemliche Konkurrenz, übrigens eher innerhalb der Ärzte als jetzt außerhalb. Die ist aber meistens ziemlich befruchtend. Wir spielen uns dann zum Beispiel unsere Demos vor und stacheln uns damit an. Dann geht halt jeder noch mal nach Hause und schreibt noch ein paar Songs. Farin meistens mehr als ich, weil er einfach schneller ist. Außerhalb der Band darf ich das aber wirklich nicht an mich ran lassen. Wir haben uns da auch abgesprochen. So hat er zum Beispiel auf eine zweite Single aus seinem Livealbum verzichtet, weil dann meines kommt und das Livealbum auch insgesamt vorgezogen. Auch die Tourpläne wurden abgestimmt, nicht zuletzt, weil wir dieselbe Live-Crew haben. Er tourt jetzt im Oktober, ich im September – wir wollen uns da nicht in die Quere kommen.


Zumal ihr ja mit Sicherheit auch ein ähnliches Publikum haben werdet…
Das stimmt. Ich hoffe aber, dass es sich trotzdem auch in Teilen unterscheidet. Bei Farins Solokonzerten gibt es durchaus einen gewissen Unterschied zum Ärzte-Publikum und ich hoffe, dass das bei mir genauso sein wird. Außerdem hoffe ich natürlich, dass meine Konzerte ausverkauft sein werden und ich sogar Zusatzkonzerte geben muss.

Ich nehme an, damit kannst du fast rechnen, wenn du nicht gerade das Olympia-Stadion buchst. Kennst du denn beide von Farins Soloplatten?
Ja natürlich, die hat er mir beide zugeschickt.


Kommt ja oft genug vor, dass Musiker in solchen Fällen behaupten, die Soloplatten ihrer Band-Kollegen nicht gehört zu haben.
Um ehrlich zu sein, habe ich seine zweite auch so gut wie gar nicht gehört. Da gab es ja meine eigenen Solopläne schon und irgendwie hatte ich Angst, dass mich das irgendwo hintreiben, mich vielleicht sogar beeinflussen könnte, wenn ich das zu oft höre. Auch von der Liveplatte habe ich nur die Single gehört.

Das sind ja dann sowieso nur die bereits bekannten Stücke…
Obwohl ich jetzt in vielen Kritiken gelesen habe, dass die Sachen live durchaus anders klingen sollen. Trotzdem oder gerade deshalb geht das erst, wenn meine fertig ist. Das ist so eine emotional-technische Sache, wo ich einfach versuche, Sachen von mir fern zu halten, die mich irgendwie beeinflussen könnten – ich kenne mich schließlich. Ich hol’ das dann nach meiner Platte nach. Er wird Verständnis dafür haben und kriegt das sowieso nicht mit, weil er gerade in Indien ist.

Was anderes: Du wohnst noch in Hamburg. Mich würde interessieren, wie du nach deinem Anti-Schill-Song mit Fettes Brot den Niedergang des ehemaligen Senators erlebt hast, mit Genugtuung?
Auf jeden Fall, das war großartig. Ich war leider gerade auf Tour mit den Ärzten – trotzdem klasse! Eigentlich mag ich ja diese Art von Schadenfreude nicht, die jetzt so populär ist. Ich habe es jedenfalls erfolgreich geschafft, entsprechende Fernsehformate komplett zu ignorieren. Selbst diese Dschungelshow, obwohl bei der englischen Version sogar Johnny Rotten dabei war, habe ich nicht gesehen, weil ich das einfach ekelhaft finde und absolut nicht ertragen kann. Aber das war ein Moment im Fernsehen, wo ich einfach nur schadenfroh war und gesagt habe: Das geschieht ihm recht! Da offenbart sich dann die ganze Dummheit der Leute, die ihn gewählt haben, und auch das hat mich gefreut. Trotzdem muss man ehrlicherweise sagen, dass unser Anteil eher gering war – der hat sich selber fertig gemacht.

Ja, natürlich. Aber wenn man einen solchen Song geschrieben hat, ist es ja trotzdem schön, das zu sehen.
Ja, großartig. Danach ist er ja kurz in Kuba abgetaucht und ist anschließend für die sogenannte DM-Partei angetreten.

Die werden von irgendeinem Millionär unterstützt und setzen sich, der Name sagt es, für die Wiedereinführung der Deutschen Mark und eine allgemein europafeindliche Politik ein…
Genau. Jedenfalls hat das auch nicht geklappt. Also hat er anschließend versucht, die Schill-Partei wieder zu reaktivieren und traf sich anlässlich dessen mit seinen Parteikollegen ausgerechnet in einer stadtbekannten Schwulenbar. Das muss man sich mal vorstellen: Erst den Regierenden Bürgermeister auf widerwärtigste, homophobe Art zu denunzieren und sich dann für politische Gespräche in einer Schwulenbar zu treffen… Mutig, sage ich mal, sehr mutig. (lacht) Es gibt ja durchaus Homosexuelle, die auch handgreiflich werden können.

Noch mal was anderes: Andere erfolgreiche Rock-Stars spielen irgendwann Golf und gründen eine Familie. Du hast all diese Nebenprojekte. Umtreibt dich nie die Sehnsucht nach häuslicher Geborgenheit mit Kindern und all diesen Dingen?
Die ganze Band ist ja bei dem Thema ein bisschen außen vor. Wenn ich eine Familie hätte, würde ich mit Sicherheit insgesamt langsamer fahren. Und natürlich bin ich auch langsam in einem Alter, wo man sich beeilen müsste, wenn man das überhaupt noch machen wollte.


Gibt es denn den Wunsch danach überhaupt bei dir?
Ich habe auf jeden Fall nicht mehr solche Berührungsängste. Das war in den Achtzigern natürlich nicht so angesagt und in den Neunzigern, nach meinen Drogenjahren stand erstmal Selbstfindung auf dem Programm. Das war ich sehr auf mich konzentriert. Mal gucken, was jetzt kommt – immerhin habe ich nun ja schon ein Video mit Kindern gedreht. (lacht)

Immerhin. Generell scheinst du, oder ihr mit den Ärzten insgesamt ja einen Draht zu Kindern und Jugendlichen zu haben. Dass ihr es immer wieder schafft, die nachgewachsenen Generationen mit ins Boot zu nehmen ohne die älteren Fans zu vergraulen, das finde ich jedenfalls schon ziemlich erstaunlich und auch einzigartig.
Ja, das ist wirklich eine seltsame Sache. Es gibt ja immer diese reinen Teeny-Bands, zurzeit etwa Tokio Hotel oder Us Five, und wir laufen da immer noch so mit. So richtig erklären kann ich mir das auch nicht. Zumal unsere Pennälerphase ja eigentlich schon lange zurückliegt. Am ehesten denke ich, dass es mit einer gewissen Authentizität zu tun hat. Aber so ganz erklären kann ich es mir nicht. Es gab übrigens vor einiger Zeit mal bei der Bravo oder MTV oder sonst wo die Möglichkeit, die Band zu wählen, die man am liebsten nackt sehen wollte. Und auf Platz eins waren dann Tokio Hotel, auf Platz zwei Us Five – und auf dem dritten Die Ärzte. Das fand ich extrem lustig und es hat meinem Ego auch gut getan, aber insgeheim habe ich mich schon gefragt: Was wollt ihr denn von uns faltigen alten Säcken?

Das ist auf jeden Fall ein Phänomen. Zumal wie gesagt auch die Älteren dabei sind.
Klar. Obwohl die Ohnmächtigen bei den Konzerten schon weniger werden. Und Heulkrämpfe lösen wir auch nur noch partiell aus. Trotzdem sind die ersten Reihen nach wie vor sehr jung. Ich bin auch mal gespannt, wie das jetzt bei meiner Solo-Tour ist. In jedem Fall werde ich extrem gut aussehen, das steht fest.

Geht’s vorher ins Wellness-Camp?
Na ja, mal schauen. Aber wenn ich Las Vegas sage, dann muss man halt auch showtechnisch den ganzen Weg gehen. Jedenfalls werde ich näher am Publikum sein als das bei den Ärzten der Fall ist. Ich freue mich sehr darauf, auch wenn es zumindest in Teilen eine Nightliner-Tour werden wird. Das bin ich ja eher nicht mehr gewohnt.

Wirst du Ärzte-Songs spielen?
Nein, das möchte ich nicht. Es wird aber einige Coverversionen geben und Sachen, die ich in den letzten Jahren für Soundtracks und Ähnliches gemacht habe.

Deine Live-Band wird unter dem Namen Los Helmstedt fungieren, steht schon fest wer ihr angehören wird?
Das wollte ich familiär halten. Wayne und Olsen werden an Gitarre und Keyboards beide dabei sein. Lula wird auch mit auf der Bühne stehen, ich spiele Gitarre und mache die Frontsau und Danny Young von Gluecifer wird mich am Schlagzeug vertreten…

Oh, das ist interessant!
Eine tolle Sache. Das habe ich gleich auf der Gluecifer-Abschiedstour klar gemacht, ein toller Typ, super Schlagzeuger und eines meiner Quasi-Idole. Holly von Mad Sin, der auf der Platte Bass spielt, wird allerdings nicht mehr dabei sein. Das ist sehr schade, weil ich kaum jemanden kenne, der Musik so sehr liebt, verehrt und mit Leidenschaft spielt wie er. Das Problem ist: Die Tour dauert vier Wochen und Holly kriegt in dieser Zeit keinen Urlaub von seinem normalen Job. Das ist wohl leider nicht zu ändern.


Wie sieht es eigentlich zurzeit mit deiner Schauspielkarriere aus?
Jetzt habe ich natürlich keine Zeit, vor der Tour will ich unbedingt noch mal in den Urlaub. Ich habe aber im letzten Jahr einen Film gedreht, der jetzt in die Kinos kommt: “Bye Bye Harry”, eine englisch/deutsche Co-Produktion mit Till Schweiger, Veronika Ferres und mir als die deutsche Fraktion.

Wie ist denn das dann für dich als Quereinsteiger mit solchen Profis wie Till Schweiger und Veronika Ferres zu arbeiten?
Am Anfang war ich ein bisschen unsicher, weil die ja beide auch so einen gewissen Ruf haben und ich nicht wusste, wie sie sich am Set verhalten würden. Die haben sich aber dann beide als supernett rausgestellt. Mit Frau Ferres hatte ich ohnehin nur einen Drehtag. Mit Schweiger war es leicht, da er ein extrem kumpeliger Typ ist. Wir beide spielen so Automechaniker, die eine Leiche verschwinden lassen wollen. Das war in der Slowakei und da hängt man dann wochenlang extrem aufeinander. Hat aber wie gesagt sehr gut geklappt. Gerade wenn man als Schauspieler so eine Machtposition hat wie diese beiden, kann das auch ganz anders laufen. Die haben weder Spielchen gespielt noch mich schauspielerisch verhungern lassen. Der Regisseur war sehr begeistert von mir, was mich wiederum sehr stolz gemacht hat, weil das ein ehemaliger Monty-Python-Regisseur und Freund von John Cleese ist. Außerdem hat er vor vielen Jahren mal einen Horrorfilm gemacht, den ich auf DVD habe. Die habe ich mir natürlich unterschreiben lassen! Um auf deine Frage zu antworten: Es ist vorher immer aufregend, solche Leute zu treffen, aber dann stellt man doch immer wieder fest, dass jeder nur mit Wasser kocht und alle gut aussehen wollen.


Das ist ja ein extremer Gegensatz zum Musikmachen, insbesondere jetzt mit dem Soloalbum, weil du beim Filmen ja viel weniger Kontrolle über das spätere Produkt hast, ja nicht einmal wirklich wissen kannst, wie dieses aussehen wird.
Das ist richtig. Um diese Kontrolle werden wir Musiker auch immer wieder von den Schauspielern beneidet. Ein Grund, warum die meisten Schauspieler als Musiker scheitern, ist übrigens meiner Meinung nach der, dass sie mit einer gewissen prototypischen Vorstellung eines Musikers an die Sache rangehen und das Herz und den Bauch dabei außen vor lassen. Aber wie ich ja immer wieder sage, bin ich halt Teamworker, und deshalb liebe ich es, am Set zu sein, mit allen zusammen zu arbeiten, mit den Beleuchtern zu quatschen etc. Dann bin ich irgendwann dran, habe von der Szene, die ich spielen muss, eine konkrete Vorstellung und auch davon, wie ich meine Figur darstellen will. Ein bisschen davon hält man vorm Regisseur auch geheim, weil man ihn ja auch überraschen will und so weiter. Natürlich kann man sich aber nicht so wahnsinnig viele Freiheiten nehmen und muss insgesamt sehr eng mit den Vorlagen arbeiten. Und ja, in letzter Konsequenz ist man als Schauspieler Befehlsempfänger. Wenn ich das nur machen würde, wäre ich vielleicht auch unglücklich, aber als Ausgleich zur Musik funktioniert das für mich ganz ausgezeichnet. Da fällt es mir dann auch leicht, geduldig zu sein. Und das Tollste ist, dann drei Monate später ins Kino gehen zu dürfen, um sich den fertigen Film anzusehen.


Du guckst dir die Filme also an. Es gibt ja auch Schauspieler, die behaupten, sie täten das nicht…
Ja, aber das finde ich total bescheuert. Ich bin im Gegenteil sogar immer super stolz auf das Ergebnis. Auch fertige Platten höre ich mir oft und gerne an.

Ich glaube das den Leuten ohnehin nie so ganz. Auch Musikern nicht, die sagen, sie würden ihre fertigen Platten nicht mehr hören.
Also bei uns ist es so, dass wir – wenn wir auf Tour gehen – aufhören, die Platten zu hören. Ab einem gewissen Moment hörst du nämlich tatsächlich nur noch die Sachen, die du im Nachhinein gerne anders gemacht hättest. Und ständig nur “hätte ich mal, hätte ich mal” zu sagen, ist natürlich auf Dauer alles andere als befriedigend. Am Anfang unserer Karriere haben wir die Platten jedenfalls häufiger gehört als heute.

Gab es denn schon einmal eine Enttäuschung bei einem deiner Filme? Also nicht wegen deiner eigenen Performance, sondern wegen dieser mangelnden Kontrolle, weil der Film vom Schnitt her absolut nicht so geworden ist, wie du dir das vorgestellt hast?
Ja, das gab es leider auch schon. In diesem Fall war es extrem viel Arbeit und Material. Dabei habe ich durchaus irgendwie verstanden, warum der Regisseur den Film so gemacht hat, wie er ihn nun einmal gemacht hat – er hatte da einfach ein anderes Verständnis als ich. Trotzdem fand ich das sehr schade, weil er ihn für meinen Geschmack uninteressanter gemacht hat, als er hätte sein können.

Welcher Film war das?
Das war “Edelweißpiraten”. Wir hatten in Russland 180 Stunden Material gedreht und sie haben versucht, ihn griffiger zu gestalten, als das meiner Ansicht nach nötig gewesen wäre.


Trotzdem hast du für diesen Film ziemlich gute Kritiken bekommen, oder?
Ja, das stimmt. Ich will den Film auch nicht Fall schlecht machen. Das war eine tolle Gelegenheit, dieses Thema aufzugreifen. Trotzdem hätten wir aus dem nicht verwendeten Material locker noch einen weiten Film machen können und da waren eben sehr interessante Sachen dabei. Aber so ist das halt. Als Regisseur musst du irgendwann Entscheidungen treffen und kannst es ohnehin nie allen Schauspieler recht machen. Also kann man sich diese Art von Eitelkeit als Schauspieler eigentlich auch nicht erlauben.

Vorhin hast du im Nebensatz kurz von deinen Drogenjahren gesprochen. Haben wir da was verpasst, hattest du so eine extreme Drogenzeit?
Was soll ich jetzt sagen? Ich hatte nie ein Problem mit Heroin. Das ging einher mit einem gewissen Persönlichkeitsdefekt. Dass ich irgendwann angefangen habe, anderen Leuten mehr zu trauen als engen Freunden. Das hat mir viel Pech eingebracht und das hatte dann im Umkehrschluss wieder viel mit Drogen zu tun. Es gab eine Phase, in der ich nichts verpassen wollte und dabei sollten mir Drogen helfen. Ich will das jetzt auch nicht alles negativ darstellen. Zum Teil war das wichtig für mich, die Reise ins Ich und so, zum Teil war es aber doch auch arg überzogen. Ich habe aber nie in einer Entzugsklinik gesessen und bin auch nie bei Farin Urlaub eingestiegen, um ihm die Gitarren zu klauen (lacht an solchen Stellen nie, sondern grinst nur). Trotzdem gab es einige sehr negative Erlebnisse. Speziell Jan musste da schon einiges ausstehen und den Zusammenhalt innerhalb der Band hat das schon belastet. Unterm Strich sind wir da aber gemeinsam gut durchgegangen.