Mich hätte jemand warnen müssen. In Erwartung eines schönen Kinoabends voll emotionaler Dramatik ging ich mit Schokolade ausgerüstet ins Kino, um mir die irische Geschichte „The Wind That Shakes The Barley“ anzusehen. Es fing auch schön irisch an, mit jungen Männern, die auf einer grünen Wiese Hurling spielen. Aber es ist 1920, die Briten sind Kolonialmacht und stören die irische Idylle gewaltig.

Damien (mal wieder brillant: Cillian Murphy), ein Medizinstudent, hat die Möglichkeit, nach London zu gehen und als Arzt zu arbeiten. Eine Chance, die er nutzen sollte, die aber einer Flucht gleichkommt. Auf Grund der Unterdrückung seiner Freude und Landsleute durch die Briten, entscheidet er sich zu bleiben, um Irland zur Unabhängigkeit zu verhelfen. Der Ernstfall wird geprobt. Mit Hurlingschlägern als Waffenersatz robben die Jungs durchs Feld, schießen auf Zigarettenschachteln und lassen sich von Weltkriegsveteranen erklären, dass saubere Schuhe einer Leiche auch nicht mehr viel nutzen. Aber die Komik dieses Szenarios verfliegt schnell. Bald dominieren echte Gewalt, Folter und Überfalle das Leben von Damien, seinem Bruder Teddy und allen in ihrem Umfeld.

Geschichtlich spielt diese Phase in Irland heute noch eine wichtige Rolle, wie Regisseur Ken Loach (Just A Kiss, My Name Is Joe) selbst feststellt: „Das, was zwischen 1920 und 1922 in Irland geschah, ist eine jener Geschichten, die bis heute nachwirken. Wie der spanische Bürgerkrieg war es ein historischer Wendepunkt. In dieser Zeit zwischen 1920 und 1922 ist ein langer Unabhängigkeitskampf in dem Moment seines Erfolges vereitelt worden.“ Bei den Dreharbeiten in Cork trafen sie immer wieder auf Iren, die sich an jene Zeit erinnerten: „Ich dachte, im Süden wäre es verblasst, aber wir trafen immer wieder Leute, die Geschichten zu erzählen hatten. Die meisten Leute kannten die Namen der beteiligten Personen und hatten Kenntnisse über Daten und Ereignisse. ‚Ein Tan wurde über dieses Feld hier gejagt.’ So bleiben die Erinnerungen länger bestehen, als man denkt.“
„The Wind That Shakes The Barley“ ist ein Kriegsfilm. Aber auch viel mehr. Es geht um Verrat, Patriotismus, den Stolz jedes einzelnen und um Grenzen, die überschritten werden. Damien kriegt den Befehl, seinen alten Kinderfreund Chris zu erschießen, der sie verraten hat. Er tut es. Und kommt darüber nie hinweg, obwohl er es wohl wieder tun würde. Viele Tote in dem Film sind dem Zuschauer längst bekannt und vertraut. Aber auch ihre Mörder. So schafft es Ken Loach einen Film zu drehen, der einen hin und her reißt: Man schaut vor Abscheu weg, man will die Figuren in den Arm nehmen, sie da rausholen, aber auch zurufen: Ihr schafft das, gebt nicht auf! Die Zerrissenheit erfüllt auch die Figuren, die erst zusammen kämpften und sich später im erbitterten Kampf gegenüber stehen.

Das Bewegende daran ist vor allem, die Realitätsnahe und Menschlichkeit der Figuren und Situationen. Bevor Damien Chris erschießt, fragt er ihn nach seinen Abschiedsbriefen. Chris, der weiß, dass er gleich erschossen wird, sagt, dass er nicht weiß, was er schreiben solle, seine Mutter könne eh nicht lesen. Damien solle ihr sagen, dass er sie liebt. Damien dreht sich kurz weg und man sieht ihm an, dass er nicht abdrücken kann. Dann dreht er sich wieder um, fragt Chris, wo und wie er beerdigt werden will und schießt. Später führt er die Mutter zum Grab.
Schon lange hat mich kein Film mehr so mitgenommen. Deswegen seid gewarnt: Lasst die Schokolade zu Hause und nehmt lieber Taschentücher mit.