Der Name ist Programm: Mit den elegisch-sehnsuchtsvollen Melodien ihres Deutschland-Debüts ‘Misty Trails’ wandeln Emmerhoff And The Melancholy Babies zumeist auf den Schattenpfaden des Lebens. Da sie dies mit Raffinesse und Hingabe tun, erweist sich das Werk als optimales Mittel zum Überwintern.

Wann immer interessante Musik aus Skandinavien kommt – was in den letzten Jahren durchaus vermehrt der Fall ist – übertreffen sich die Berichterstatter mit stets denselben Klischees, um dieses Phänomen zu erklären. Da wird dann meist eine Menge über kurze Tage und lange Nächte geschwafelt. Man hört von Fjorden, vernebelten Hügellandschaften und deren verschrobenen Bewohnern. Als wäre der Skandinavier an sich per se ein tendenziell merkwürdiger Hinterwäldler. Nun, wir wissen auch nicht, warum Emmerhoff so betörend-schöne Songs ohne klare geographische Bezugspunkte schreiben können. Auch können wir nicht erklären, warum das bisher außer in ihrer Heimat keiner so recht mitbekommen hat. Durch ländliche Isolation aber kommt in Zeiten von Internet und multinationalen Musik-Fernsehsendern die internationale Ausrichtung der Band sicher nicht zustande. Diese Musik hätte beinahe überall auf der Welt entstehen können. „Wir sind natürlich alle sehr von der US-Kultur und Musik beeinflusst. Aber auch von vielen britischen Sachen, und das wirkt sich auf unser Songwriting aus. Ich finde jedenfalls nicht, dass wir typisch skandinavisch klingen. Müsste ich unsere Einflüsse aufzählen, würde das hier jeden Rahmen sprengen.“

Gunnar Emmerhoff und seine melancholischen Babys kommen aus Norwegen, genauer: aus der Küstenstadt Bergen; nach Oslo mit 250.000 Einwohnern immerhin zweitgrößte Stadt des Landes. Hier gibt es eine agile, vielseitige Musikszene. „Das ist richtig“, setzt Gunnar zu einem kleinen Exkurs in Sachen Bergener Pop-Kultur an. „Vor allem gibt es viele Elektronik-Acts wie Royksopp. Aber auch eine Menge Black Metal-Bands; diese Jungs, die vor einigen Jahren wegen Friedhofsschändungen und ähnlicher Geschichten in den Schlagzeilen waren, kamen alle aus Bergen. Die bekanntesten musikalischen Vertreter unserer Heimatstadt sind aber wohl die Kings Of Convenience.” Und nun machen sich eben auch Emmerhoff auf, um von Bergen aus den deutschsprachigen Raum zu erobern. Mit einer eben beim noch jungen Label ‘DevilDuck’ veröffentlichten Zusammenstellung aus den besten Songs ihrer drei ersten, bislang nur in der Heimat erschienen Alben namens ‘Misty Trails’.

Durch die gemeinsame Liebe zu Led Zeppelin wurde aus dem Soloprojekt des Gunnar Emmerhoff samt Begleitmannschaft 1996 eine „richtige, demokratisch arbeitende Band“. Deren hervorstechendes Sound-Merkmal: die superb arrangierten drei Gitarren, die mal sphärisch-erhaben und dann wieder im Country-Slide-Stil daher kommen. Und dabei die flehende, vor verzweifelter Energie schier berstende und mitunter tatsächlich an Robert Plant erinnernde Stimme Gunnars perfekt ummanteln – ohne sie zu erdrücken. „Das wichtigste, wenn du mit drei Gitarren spielst, ist es, dass jeder auf den anderen achtet und sich auch einmal zurücknehmen kann“, weiß Gunnar. „Ansonsten besteht die Gefahr, alles zuzulärmen. Dadurch, dass wir schon so lange zusammen spielen, haben wir den Dreh mit der Dynamik aber mittlerweile ganz gut raus.“ „Ganz gut raus“ haben es die Jungs auch den Sound ihrer Vorbilder zu etwas eigenständigem zu verdichten. Songs wie die fantastischen ‘Last Man’ und ‘Viva Revenge’ zitieren 16 Horsepower, Minimal Compact, Pink Floyd und die Soundtrack-Arbeiten Ennio Morricones, kopieren die Genannten aber nicht. Vor allem klingt die Platte erstaunlicherweise wie aus einem Guss. Man merkt nicht, dass das Material über einen Zeitraum von vier Jahren zustande gekommen ist.

Trotzdem bleibt die Frage: warum eine Compilation? „Die Idee kam von der Plattenfirma. Sie wollten ein neues Album, und sie wollten es unbedingt noch dieses Jahr veröffentlichen, anstatt eines unserer alten Werke herauszubringen. Am Anfang standen wir dieser Sampler-Idee auch ein bisschen skeptisch gegenüber. Aber mittlerweile denke ich, dass alle in der Band sehr zufrieden mit dieser Kompromiss-Lösung sind. Wir sind wahnsinnig glücklich, dass das überhaupt geklappt hat – auch wenn die Auswahl der Songs nicht leicht war.“ In der Zwischenzeit haben sie nun aber auch bereits ein komplettes neues Album eingespielt, das „hoffentlich nächstes Jahr auch in Deutschland veröffentlicht wird.“ Bis dahin dürfte ‘Misty Trails’ reichen, um uns alle gut über den Winter zu bringen.

Text: Torsten Groß