25 Jahre nach ihrer Gründung (brutto natürlich) veröffentlichen Die Ärzte mit ‘Jazz Ist Anders‘ ein Album, das vor Spiellaune, Spaß und einmal mehr brillant-genialen inhaltlichen Twists nur so platzt. Junge, Junge.

Trotz der Vorgabe, den Eigennamen “Die Ärzte” nicht grammatikalisch zu beugen, also so was zu sagen wie “der Ärzte”, “den Ärzten” oder “Beste Band Der Welt”, beugen wir munter drauf los und behaupten, den Ärzten ist ihr wahrscheinlich trickreichstes Werk seit ’13’ geglückt. Die Beste Band Der Welt aus Berlin, deren gefühlte Abermillionen Hits in mehr (Kinds-)Köpfen verankert sind als das Alphabet und das 1×1 zusammen, haben sich für ‘Jazz Ist Anders’ bewusst entscheiden, auch wirklich alles “anders” zu machen, sprich: Keinen Produzenten (Haus- und Hof-Knöpfchendreher Hoffmann war ohnehin mit den Sportfreunden Stiller beschäftigt) beauftragen, sondern alles in kompletter Eigenregie einzuspielen, aufzunehmen und zu mischen. Damit ist ‘Jazz Ist Anders’ das erste “unproduzierte” Ärzte-Album seit ‘Debil’, und das will was heißen, schließlich sind seit dem 84er Debütalbum 23 lehrreiche Jahre als Musiker, Solokünstler oder in Seitenprojekten hinzugekommen.

Sogar die Fotos zum Album haben Die Ärzte selbst geknipst! Grund für den durchweg positiven Grundton des Albums ist nicht zuletzt die Tatsache, dass sich Bela, Farin und Rod nach ihrer Tour zum vorigen Album ‘Geräusch’ mehr als ein Jahr komplett aus dem Weg gingen, sich ihren Solo- (Bela und Farin), Band- (Rod) oder Urlaubsprojekten (Urlaub) widmeten und im Anschluss überlegten, wie es nun mit den Ärzten weitergehen soll. Und vor allem: OB es mit den Ärzten weitergehen soll, schließlich drehten sich die Gespräche der drei zu Zeiten von ‘Geräusch’ meist nur um Geschäftsentscheidungen oder Tourpläne – pures Gift für die Chemie der Band. Vor allem Bela hatte die Lust an der Musik zeitweise verloren und kam erst durch seine Arbeit an seinem Soloalbum wieder auf Touren. Vor dem für Silvester 2006 in Köln anberaumten “Ärzte statt Böller”-Konzert trafen sich Bela, Farin und Rod zum Proben und zum Reden, denn so, wie es zuvor gelaufen war, dachten sich alle drei, könne es nicht weitergehen. Es folgte eine Aussprache, ein paar gemeinsame Nachmittage im Proberaum und plötzlich war der Spaß zurück. Eindrucksvolles Zeugnis der wiedergefundenen Männerfreundschaft war die “öffentliche Probe” zum Silvesterkonzert, als Die Ärzte im Berliner SO36 spürbar viel Spaß miteinander hatten und sich bereits abzeichnete, dass 2007 wohl wieder Ärzte-Jahr werden würde.

Und nun liegt es vor, das neue Ärzte-Album, und es ist exzellent. Mit Witz, Ironie und der nötigen Portion Pisstake haben sich Die Ärzte sowohl textlich als auch musikalisch auf neue Terrains begeben: Es hagelt Funk- (‘Deine Freundin Ist Mir Zu Anstrengend’) und Rumba-Töne (‘Nur Einen Kuss’), neue Hymnen (‘Das Lied Vom Scheitern’, ‘Lasse Redn’) und Abrechnungen mit sich selbst (‘Licht Am Ende Des Sarges’), den anderen (‘Breit’) oder beidem gleichzeitig (‘Tu Das Nicht’). Und das Beste: Die drei haben GEMEINSAM an den neuen Stücken gearbeitet und sich im Studio gegenseitig abgefeiert. Die Ärzte vermieden jeden Anflug von Routine und arbeiteten nicht in Etappen, sondern parallel und zur gleichen Zeit an den neuen Songs, die wie durch Geisterhand drei individuelle Lieder über Die Ärzte aus der jeweils individuellen Perspektive des einzelnen hervorbrachten: Farin schrieb und singt ein Stück namens ‘Wir Sind Die Besten’, Bela textete ‘Wir Waren Die Besten’ und Rod ist der Meinung, ‘Wir Sind Die Lustigsten’. Daran besteht auch weiterhin kein Zweifel.

Label: Hot Action (Universal)

VÖ: 02.11.2007

Tracklist:
01. Himmelblau
02. Lied vom Scheitern
03. Breit
04. Lasse redn
05. Die ewige Maitresse
06. Junge
07. Nur einen Kuss
08. Perfekt
09. Heulerei
10. Licht am Ende des Sarges
11. Niedliches Liebeslied
12. Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)
13. Allein
14. Tu das nicht
15. Living Hell
16. Vorbei ist vorbei

Text: Peter Winkler