Pünktlich im Zwei-Jahres-Rhythmus veröffentlichen Seeed ihre Alben. 2001 eroberten die ‘New Dubby Conquerors’ erstmals die Dancehall, um dann als ‘Music Monks’ nachzulegen. Was kommt als nächstes? Ganz einfach: ‘Next!’

Als Ankündigung für das dritte Werk schickten Seeed im Spätsommer schon mal die EP ‘Aufstehn!’ voraus. Darauf enthalten sind auch die Videos zu zwei Stücken, die sie live beim Rock am Ring 2004 aufgenommen haben: ‘Fire In The Morning’ und ‘Do Your Thing’, ein Coversong von Isaac Hayes. Das Stück stammt ursprünglich vom ‘Shaft’-Soundtrack, mit dem Isaac Hayes als erster afro-amerikanischer Komponist 1971 einen Oscar für die beste Filmmusik gewann. Warum sie sich für das Lied bei der Show und auf der EP entschieden haben, erklärt Sänger Frank ‘Eased’ Dellé: “Wir haben das Stück ausgewählt, weil es einfach geil ist und es sich sehr gut dazu eignet, es Seeed-mäßig zu interpretieren. Die Chöre und der Soul machen das zu einem deepen Song. Das dann als Roots-Version zu spielen, macht das Ganze noch deeper. Wir haben das komplette Konzert durchgeguckt und uns dann für ein Stück entschieden, das viele eben noch nicht von uns kennen. Damit das auch einen Mehrwert für die EP bringt. Außer als Video auf der EP gibt’s das nämlich noch nirgendwo zu hören, denn wir haben das Stück nie amtlich im Studio aufgenommen.”

Bassist Tobias ‘Tobsen’ Cordes hätte aber auf jeden Fall Lust darauf, das Ganze auch mal auf eine Platte zu pressen: “Vielleicht kommt das ja noch. Für die EP haben wir es aber auch ausgesucht, weil es gut gefilmt war und der Sound super rüber kam. Außerdem hat ‘Do Your Thing’ auch eine geile Aussage, die live immer gut kommt.”

Ein anderes exklusives Stück auf der EP ist zudem noch ‘Rudeboy’ mit D-Flame. Der Kontakt zu ihm kam vor allem dadurch zustande, dass Eased gemeinsam mit dem Frankfurter und einigen anderen Künstlern im Rahmen von Brothers Keepers das Stück ‘Will We Ever Know’ aufnahm. “Dabei habe ich D-Flame etwas näher kennen gelernt. Das war ein Riesenspaß, ihn mit seiner tiefen Stimme aufzunehmen. Inhaltlich passte dann ‘Rudeboy’ auch voll zu ihm. Weil er jemand ist, der das kennt, wenn es mal handgreiflich wird. Er hat aber von so was total den Abstand genommen und ist spiritueller geworden. Und genau das ist ja die Aussage dieses Songs!”

Mit Zeilen wie “If you live by the gun, you die by the gun” versuchen die beiden, gegen Gewalt anzukämpfen. Auch bei Brothers Keepers lag Eased viel daran, die Probleme in unserer Gesellschaft differenzierter anzugehen. “Mir war es wichtig, nicht als Aktivist aufzutreten. Das ist nicht meine Geschichte. Ich wollte lieber zu einem Song beitragen, bei dem wir uns selber angucken und überlegen. Wir kämpfen alle für eine Sache, aber streiten uns auch gegenseitig. Das ist die Aussage dieses Stücks, die dann auch im Video umgesetzt wurde. Nur so konnte ich mir auch vorstellen, auf einem Brothers-Keepers-Album mitzumachen.”

So wie Eased haben wieder einige Bandmitglieder die kurze Verschnaufpause vor der neuen Seeed-Scheibe genutzt, um bei anderen Projekten mitzuwirken. DJ Illvibe konzentrierte sich vor allem auf seine HipHop-Crew Moabeat und remixte nebenbei u.a. Jansen & Kowalski. Die Seeed-Bläser Jerome ‘Tchamp’ Bugnon und Moritz ‘Mo’ Delgado wurden dagegen von der Terrorgruppe eingeladen, um bei deren Reggae-Ausflug als Dog Summer der Single ‘Bananenrepublik’ den richtigen Groove zu verpassen. Stärker als bei den beiden Vorgängeralben wurden diese verschiedenen Einflüsse aber diesmal auch dazu genutzt, bei Seeed die Bandbreite an Produktionen zu vergrößern. Bei vielen der aktuellen Stücke hat sich Hauptproduzent Pierre ‘Enuff’ Baigorry im Hintergrund oder sogar ganz raus gehalten. Selbst Außenstehende wie Ingo Rheinbay von Pow Pow oder die Jungs von Boundzound und Transporterraum Production durften etwas zur Platte beitragen. “Pierre wollte einfach nicht mehr alles machen. Das war ihm auch mit der Zeit zu schwer und zu viel. Das war ja fast nicht zu schaffen”, fasst Tobsen die Entwicklung zusammen. “Es bildeten sich dann verschiedene Produktionsteams. So entstand auch das Stück ‘End Of The Day’, das ich geschrieben habe. Über die Ergebnisse wurde anschließend demokratisch abgestimmt.”

Auch Eased ist begeistert, dass das Ganze so ausgeglichen geworden ist. “Es gibt die Dancehall-, die Roots- und eine Ska-Nummer. Dazu kommt dann noch diese elektronischere Richtung, die meistens mit Demba entsteht. Aber so was macht er eben nicht alleine, sondern das wird auch von uns anderen Seeed-Musikern geformt. ‘Slowlife’ ist eine meiner Lieblingsnummern, obwohl das gar nicht mein Musikgeschmack ist. So habe ich auch an mir eine Seite entdeckt, die ohne diese Zusammenarbeit so vielleicht nie rausgekommen wäre!”

Thematisch geht’s größtenteils darum, in gewohnter Art und Weise gute Laune zu verbreiten. Manchmal schwingt dabei aber auch ein bisschen die Hoffnung mit, die Welt dadurch wirklich zu verbessern. “Du befreist alle Tiere aus allen Zoos./ Bringst den Frieden direkt nach Nahost./ Jeder fragt sich: Woher hat der die Power bloß?/ Der Seeed-Sound macht kleine Typen groß!” heißt es in ‘Schwinger’. Dass das trotz der durchaus wünschenswerten Resultate allerdings natürlich nicht wirklich ernst gemeint ist, stellt Eased klar. “Das kennst du ja vielleicht von dir selber. Du hörst ein Lied, gehst ab und denkst, dass du alles schaffst im Leben. Das ist eigentlich eher wie im Märchen. Außerdem ist es ja auch selbstironisch, ein richtiger Poser-Song!”

Auch eher augenzwinkernd ist der Refrain von ‘Ding’ zu verstehen. “Oh-ho-ho, hübsches Ding./ Ich versteck’ meinen Ehering!” Natürlich wird die eigene Frau dann am Ende jedoch nicht betrogen. Der Gedanke daran bringt Eased deshalb auch nur zum Lachen. “Tja, wir sind halt Männer! Es kommt ja immer wieder zu diesen Konfrontationen mit hübschen Frauen. Da ist es kein Wunder, dass du davon träumst, den Ehering zu verstecken. Aber es letztlich doch nicht machst!”

Live wird das Ganze dann schon im Frühjahr 2006 auf einer ausgiebigen Club-Tour präsentiert werden. Eine Sache, die Eased richtig vermisst hat. “Die Festivals sind ja das eine – im Sommer, schön draußen. Aber das Intime im Club ist das andere. Das hat einen ganz eigenen Vibe. Mit neuem Material, neuen Klamotten und neuer Lightshow – darauf freue ich mich schon jetzt!”

Text: Holger Köhler