Die Temperaturen steigen, die Bäume schlagen aus (was auch immer das heißen mag), und die Gemütslage der Menschen bessert sich im Allgemeinen. Gegen den Frühling scheint niemand wirklich etwas einzuwenden zu haben. Da erscheint es schon etwas merkwürdig, wenn sich eine junge Musikerin namens Jolie Holland hinstellt, und ihrem dritten Album einen Titel gibt, welcher der auch unter dem Künstlernamen Lenz bekannten Jahreszeit ein denkbar böses Wesen unterstellt: ‘Springtime Can Kill You’.

“Eine Freundin von mir, die die Platte noch nicht gehört hatte, sagte – als ich ihr den Titel nannte – sehr treffend: ‘Ja ja, der Frühling ist niemals einfühlsam!'”, lacht Holland. Geht es also um die Hoffnungen, die der Frühling jedes Jahr aufs neue weckt, aber so selten zu erfüllen vermag? “Ja, das ist definitiv ein Teil davon. Genau wie Träume, die platzen; Chancen, die verpasst werden – und was bleibt einem dann übrig? Abzuhauen und zum ‘Rolling Stone’, zum rastlosen, einsamen Wanderer zu werden…”

Und das ist eine der Eigenschaften, die der gebürtigen Texanerin quasi in die Wiege gelegt wurden: Die Rastlosigkeit. Die führte sie nicht nur auf einigen Umwegen in ihre jetzige Heimat San Francisco (die sie übrigens in Bälde gen Kanada zu verlassen gedenkt), sondern hat natürlich auch in der anderen frühen und großen Liebe ihres Lebens Spuren hinterlassen, in der Musik. Denn bereits mit sechs Jahren komponierte Jolie auf einem Spielzeugklavier erste Songs. Die meisten davon sind inzwischen verschütt gegangen, doch Versatzstücke fanden tatsächlich den Weg auf ihr ‘offizielles’ Debüt ‘Escondida’: “Ein Freund von mir brachte all diese merkwürdigen Instrumente mit ins Studio. Wir begannen darauf herumzuspielen, und er hatte auch ein Spielzeugpiano dabei, genau das gleiche, wie ich als Kind hatte. Also spielte ich wie von selbst einige Stücke aus einem frühen Lied von mir, die wir dann als Intro zu einem Song auf dem Album verwendeten.”

Bezüglich der tatsächlichen Anfänge ihrer Diskographie gibt es einige Verwirrung. Schließlich liest man in Artikeln und Besprechungen über Jolie Holland fast immer, dass ihr Debüt-Album ‘Catalpa’ eigentlich nicht so richtig geplant war, ja gar ‘nicht erscheinen sollte’. Dabei ist die Erklärung eigentlich recht einfach: “Ja, da hat sich irgendetwas verselbständigt. Vielleicht verstehen manche Leute nicht richtig, was ich in Interviews sage – oder sie schreiben einfach so merkwürdige Dinge. Ich meine, auch wenn die Umstände etwas ungewöhnlich waren, wusste ich natürlich, dass es diese Platte gab – es ist ja nicht so, dass ich das Album zuhause in einem Käfig gefangen hielt, und es dann eines Tages ausbrechen und sich in die Radio-Playlisten einschleichen konnte…”, lacht Jolie Holland. “Die Songs auf meinen ersten beiden Alben sind ungefähr aus der selben Zeit. Und die Zusammenstellung, die dann letzten Endes unter dem Titel ‘Catalpa’ (2003) herauskam, habe ich mir nicht selber ausgesucht. Ich gab die komplette Sammlung an Aufnahmen einem Freund von mir, der ein Filmemacher ist. Er suchte sich seine Favoriten aus und legte eine Reihenfolge fest. Dann fingen auf einmal Leute an, das Album zu mögen, es wurde im Independent-Radio gespielt – ziemlich häufig sogar – und ich habe nicht einmal viele Konzerte gegeben. Also habe ich, als es dann an die Aufnahmen für ‘Escondida’ (2004), die zweite, die ‘richtige’ Platte ging, einfach die restlichen Songs aus dieser Phase aufgenommen.”

Eine weniger komplizierte und verwirrende Geschichte steht hinter ‘Springtime Can Kill You’. Die 12 Songs darauf bieten aber, auch wenn mit ihrer Aufnahme und Veröffentlichung alles einen ‘gewöhnlichen’ Weg ging, ziemlich ungewöhnliche Musik. Da finden sich Jazz-, Blues- Folk, und auch Pop-Elementen, und auch wenn die Verehrung die Jolie Holland Tom Waits entgegenbringt ihrer Musik zwar nicht unmittelbar anzuhören ist, so schlägt sie sich aber doch in der leichten Verschrobenheit und der merkwürdigen Atmosphäre nieder. Damit steht Holland auch in einer Reihe mit anderen eigenwilligen Künstlern wie Antony Hagarty, Coco Rosie oder Syd Barrett, deren Musik fordernd, aber oft auch belohnend ist. Und, mal ehrlich: So schön der Frühling auch sein mag – seine dunkle Seite ist nicht zu leugnen.

Text: Torsten Hempelt