Es gibt ihn noch, den Orchesterleiter in der zeitgenössischen Popmusik. Bei der 25-köpfigen Band The Polyphonic Spree, dem größenwahnsinnigen Zusammenspiel aus neunköpfigem Chor und 16 Musikern, wird Tim DeLaughter zum James Last des Indie-Pop, räumt aber zugleich ein: „Ich verstehe mich eher als Initiator dieses mittlerweile sehr groß gewordenen Projekts The Polyphonic Spree. Ein Mastermind bestimmt viel zu viel, daher leite ich den musikalischen Prozess vielmehr ein: Ich sage, welches Instrument ich gerne zu Beginn eines Stückes hören möchte, und dann beginnt ein langer Improvisationsakt, an dessen Ende schließlich Lieder entstanden sind.“ Sieh an.

Die Musik, die im Zuge dieses „Improvisationsakts“ entsteht, sucht selbstverständlich ihresgleichen: Bombast, Pathos und Wahnwitz geben sich die Hand und werden von einer Harmoniewut überrannt – fast ähneln The Polyphonic Spree, deren Mitglieder live und auf den Presse- und Cover-Fotos in farbenfrohen, umschlungenen Gewändern zu sehen sind, den hiesigen Fischer-Chören. Nur dass The Polyphonic Spree nicht von wandernden Müllern singen und Tim DeLaughter nicht die menschenverachtende Vision Gotthilf Fischers in sich trägt, die Menschheit solle sich kollektiv um den Verstand trällern. Angetrieben werden The Polyphonic Spree auch nicht vom deutschen Liedgut, sondern vielmehr von der Liebe zum harmoniegeilen Sunny-Pop der späten Sechziger- und Siebzigerjahre. „Im Radio spielten sie damals unglaublich viel von den Beach Boys und Fifth Dimension. Irgendwie hat mich das mehr beeinflusst als mir lieb ist. Ich glaube aber, dass es fast allen Mitgliedern bei The Polyphonic Spree ähnlich geht.“ nachhaltig beeindruckt hat Tim DeLaughter aber zweifellos auch der Indie-Rock der Achtziger, schließlich sang er in den frühen Neunzigern in der Grunge-Band Tripping Daisy. Mit dem ehemaligen Drummer und Bassisten der Band und einigen Freunden begann er seine Vision „des absoluten harmonischen Musikspiels“ umzusetzen. Die durchweg fließenden Grenzen im Songwriting und die ständig wachsende Mitgliederzahl widersprechen dabei aber in erster Linie sämtlichen Rationalisierungsprozessen im Musikgeschäft: „The Polyphonic Spree stellt wohl kaum die Zukunft des Pop da. Schade. Ich würde mich natürlich freuen, wenn mehrere Leute das tun würden, was wir so machen, aber logistisch ist es mit einem unglaublichen Aufwand verbunden, 25 Leute gleichzeitig durch die Welt zu bringen. Daher spielen wir auch so selten in Europa.“ So gesehen wirft das Fragen auf – Ist Gotthilf Fischer vielleicht doch ein Punkrocker im Herzen? Er scheint ja immerhin die ökonomischen Gesetze der Branche zu brechen…

Text: Heiko Reusch