Wer im vergangenen Jahr seine Ohren aufmerksam Richtung Elektro-Pop wandte, stieß mit etwas Glück auf das schwedische Duo The Knife, deren zweites Album “Deep Cuts” mit reichlich Verspätung bei uns ankam und sich gleich mal als bestes des Jahres erwies.

Doch auch wer nicht die richtigen Platten hörte, könnte schon über die Geschwister Dreijer gestolpert sein: zu vielen bunten Flummis in San Francisco lässt ein großer japanischer Elektronikkonzern den The Knife-Hit “Heartbeats” erklingen – allerdings nicht im Original, sondern in einer Coverversion ihres Landsmannes José Gonzales.

“Ich mag seine Version, weil sie so schön minimalistisch und ruhig ist”, sagt Karin, deren Stimme Nicht-Knife-Kenner übrigens auch von der letzten Röyksopp-Single “What Else Is There” kennen könnten. “Aber die Sache mit dem Werbespot ist schon komisch. Es war das erste Mal, dass wir einen Song an die Werbung verkauft haben, und nur weil es um eine Coverversion ging, haben wir uns überhaupt darauf eingelassen. So etwas verletzt natürlich ein wenig unsere linken Ideale, aber deswegen haben wir uns die Sache auch gut bezahlen lassen. Es sollte ‘Sony’ wenigstens ein bisschen schmerzen, dass sie unseren Song haben wollten – und uns helfen, unser eigenes Label aufrecht zu erhalten.” Und auch wenn ihr Bruder Olof gleich noch hinterher schiebt, dass Gonzales sicher noch viel besser an dem Spot verdient hat – “immerhin hat er daraufhin allein in Großbritannien fast 300.000 CDs verkauft!” – haben The Knife tatsächlich jede Aufmerksamkeit verdient, Ideale hin oder her.

Doch neu gewonnene Fans müssen angesichts Album Nummer Drei, “Silent Shout”, gleich wieder umdenken. Wo gerade noch der Elektro-Pop fröhlich blubberte und clevere Texte über Gender- und Identitätsproblematiken im tanzbaren Synthie-Gewand daherkamen, dominieren mit einem Mal irritierend düstere Trance- und Ambient-Klänge. Da sperrt sich beim ersten Hören so einiges, doch genau das war Sinn der Sache, wie Karin erzählt: “‘Deep Cuts’ war sehr direkt und poppig, und wir hatten die Befürchtung, dass solche Songs vielleicht nicht besonders lange nachwirken. Deswegen wollten wir langsamere, komplexere Stücke aufnehmen, bei denen man etwas länger braucht, um reinzukommen.” Und Olof gibt ihr Recht: “‘Deep Cuts’ war tatsächlich sehr direkt, aber eben auch ein wenig oberflächlich. Die Texte waren alle sehr eindeutig, es gab kaum Platz für Interpretationen oder Mehrdeutigkeiten. Dieses Mal wollten wir Songs schreiben, die man auf unterschiedlichen Ebenen verstehen kann. Es ging uns dabei eher um Geisteszustände und Ideen, während ‘Deep Cuts’ sehr realitätsbezogen war.”

Man möchte da gerne widersprechen, zumindest was die Oberflächlichkeit des vorherigen Albums angeht, doch was den schwereren Zugang zu den neuen Songs angeht, haben die beiden Recht. Als Abschreckung soll das allerdings nicht zu verstehen sein. Je häufiger man sich die dunklen elektronischen Konstrukte (und die verqueren Texte) auf “Silent Shout” anhört, desto stärker wird, der Sog, den sie entwickeln. Dass man dabei statt bunter Gummibälle eher finstere Gestalten vor dem inneren Auge vorbeiziehen sieht, hat jedenfalls auch etwas für sich.

Text: Patrick Heidmann