Neun Alben in 25 Jahren – eine ziemlich mickrige Quote. Scheiben von New Model Army mögen rar sein wie ein vierblättriges Kleeblatt, dafür enthalten sie unvergleichlich viel Leidenschaft und Substanz. Auf ‘Carnival’ zelebrieren die Nordbriten einmal mehr ihren Tribal Rock voll Mitgefühl, Schmerz, Trotz, Stolz, Zauber und Lebenslust.

Nicht jedes Gefühl des Menschen ist erhaben, edel und rein. Sein emotionales Spektrum reicht von strahlend weiß bis tiefschwarz, von Mitleid bis Rachedurst. Beide Gefühle spielen für New Model Army eine gewichtige Rolle, so hieß ihr erstes Album ‘Vengeance’, zu deutsch Rache. “Das ist ein tiefer menschlicher Instinkt”, befindet Justin Sullivan (48) mit fester Stimme, “einer tut dir Unrecht, du gibst ihm Unrecht zurück. Ich persönlich habe keinen Wunsch mehr nach Rache, das hat mit dem Alter zu tun. Wenn der Testosteron-Ausstoß nachlässt, ist das eine Erleichterung. Unsere Songs sind keine Philosophie, sie sind Instinkte und Gefühle.” In Wahrheit sind sie noch viel mehr, sie sind empfindsame Beobachtungen eines der profiliertesten Songwriter unserer Tage.

Das archaische Gefühl der Rache ist heute noch so virulent wie zu Zeiten der Neandertaler. “Die Selbstmordbomber von London sagten, sie zünden die Bomben wegen des himmelschreienden Unrechts, das ihren moslemischen Brüdern im Irak angetan wird.” Der Frontmann und Texter der New Model Army war von derlei Wahnsinn kaum überrascht. Er lebt im nordenglischen Bradford, in dem ein großer Teil der Einwohner pakistanische Wurzeln hat. “Bei uns gab es vor einigen Jahren einen Aufstand der Jugendlichen, aber es wurde niemand verletzt. Hinterher überwies die Regierung der Stadt viel Geld”, meint er verschmitzt. “Es war nicht das Ende der Welt. Zur gleichen Zeit fand übrigens in meiner Straße ein multi-ethnisches Kricketspiel statt.”

Sieht Sullivan die Gefahr neuer Aufstände und Selbstmordattentate? “Jederzeit. Im Fernsehen konnte man all die britischen Politiker sehen, die schockiert waren, über die Gewalt, die aus West Yorkshire stammt. Wir waren nicht schockiert. Es gibt bei uns noch viele Kinder, denen so etwas zuzutrauen ist.” Über die Pakistani-Kids hat er den Song ‘BD3’ geschrieben, benannt nach der Postleitzahl des Bezirks, den sie hauptsächlich bewohnen. “Tupac Shakur und Osama Bin Laden sind ihre größten kulturellen Ikonen, eine unheilige Allianz”, urteilt er. “Mir gefallen einige Sachen von Tupac ganz gut, aber du lebst mit dem Schwert, du stirbst durch das Schwert. Sein Schicksal passt zu den Macho-Fantasien von heranwachsenden männlichen Jugendlichen.” (Anm.: Tupac wurde 1996 in Las Vegas erschossen.)

Das Lied ist Teil des frischen New-Model-Army-Drehers ‘Carnival’, dem neunten regulären Album der Bradford-Band. Die Texte stammen wieder einmal sämtlich aus Sullivans Feder. Neben Gesellschaft und Politik gilt sein Interesse der Natur. Bewunderte er auf seinem romantischen Solo-Silberling ‘Navigating By The Stars’ noch die Schönheit der Erde, ist die Natur inzwischen Teil seiner Geschichten geworden. In ‘Island’ etwa besingt der rockende Querdenker das Schicksal der Osterinsel. “Dort haben die Bewohner diese riesigen Steinbüsten erschaffen. Um sie zu transportieren, mussten sie ihre Bäume fällen. Es gab eine erfolgreiche Zivilisation auf dieser Insel, die aber mehr und mehr Land benötigte. Irgendwann fiel der letzte Baum, die Erosion des Bodens war die Folge. Es kam zu Mangelernährung und Krankheiten. Zudem konnten sie keine Schiffe mehr bauen, um von der Insel weg zu kommen”, erzählt er. “Da ich als Engländer aus einem Volk von Inselaffen (sic) stamme, verrät der Song auch etwas von meinen Gefühlen.” 

Eine ambitionierte Band wie New Model Army achtet darauf, dass sich Melodien und Textinhalte nicht wiederholen. Dennoch gibt es Konstanten. Da wäre das typische Zusammenspiel von Gesang und Schlagzeug, das der Musik ihren tribalistischen Charakter gibt. Dazu ein fetter Bass, der gerne Melodien intoniert sowie eine über allem schwebende Melancholie. Die stets präsente Schwermut gibt dem Tribal-Rock das Umfassende, sie erinnert den Hörer an seine Vergänglichkeit. Daneben sind Tragik, Trotz und Hoffnung tragende Säulen von Musik und Texten, sie verschaffen den trend-resistenten New Model Army-Songs ihre erstaunliche Langlebigkeit. Für den verstorbenen Trommler Robert Heaton (dem die Band auf ‘Carnival’ den Song ‘Fireworks Night’ widmet) sitzt inzwischen Michael Dean an den Drums. “Robert hatte Michael vorgeschlagen, er war lange Jahre der Schlagzeug-Roadie von New Model Army gewesen. Wir brauchten also nicht zu suchen.”

Über die Wirkung seiner Songs macht Sullivan sich keine Illusionen. “Lieder können die Welt nicht verändern, aber sie verbinden das Publikum. Die Fans sind unsicher, sie merken, dass da draußen vieles falsch läuft. Sie fühlen sich allein, kommen zu Konzerten und erleben, dass sie nicht alleine sind. Es ist eine Art Bestätigung, ein Kraftschöpfen, das sehr wichtig ist.” Seine größte Leidenschaft sei die Musik, meint er, doch daneben ist der Mann mit der charakteristischen Zahnlücke durchaus auf der Höhe der Zeit. “Ich bin auch politisch aktiv. In England ist die Anti-Kriegs-Bewegung ein großes Thema. Politik ist für mich Teil des Lebens, so wie auch Religion, Liebe und Beziehungen Teile des Lebens sind. Über all diese verschiedenen Aspekte schreibe ich meine Texte.”

Das macht er jetzt schon seit 1980, ihrem Gründungsjahr. “Anfangs planten wir nur einen Kneipen-Gig. Daraus sind jetzt 25 Jahre geworden”, staunt Justin. “Über den Namen haben wir nicht lange nach gedacht, er tauchte im Geschichtsunterricht auf. Ich hatte zum Glück einen guten Lehrer.” Die New Model Army war die Streitmacht des englischen Heerführers Oliver Cromwell, eines puritanischen Erneuerers, der 1646 den englischen König Karl I. stürzte. “Die historische New Model Army endete übrigens als Herrschaftsinstrument einer Diktatur – wie alle revolutionären Armeen”, fügt der Hobby-Historiker hinzu.

Die allererste Single, die die Band aufnahm, war ‘Bitter Sweet’. “Damals schrieb ein Kritiker: ,Das ist eine Band, die sich nicht entscheiden kann, ob sie zu den Guten oder Bösen gehören will'”, lacht Sullivan. “Das ist heute noch so. Wir kämpfen zwischen diese beiden Polen. Es geht immer um das Auseinanderbrechen der Gruppe. Seit 1981 ist die Band mehrfach auseinander gebrochen, allein ich hab die Band dreimal verlassen – und bin immer wieder zurück gekommen.” Ein Glück, sonst wären viele ihrer großen Hits nicht entstanden. Allerdings hatte die friedliche Armee aus Bradford stets ein gespaltenes Verhältnis zu ihren Hymnen, wie Justin einräumt. ’51st State’ haben wir drei Jahre nicht gespielt. Genau wie ‘Vagabonds’ und ‘Vengeance’. Immer, wenn ein Song größer wird, als die Band, spielen wir ihn nicht”, sagt er ernst. Aber schuldet eine Band den Fans, die sie groß gemacht haben, nicht, ihre Lieblingssongs zu spielen? “Wir schulden den Fans nur eines: Die Wahrheit zu sagen.”

Text: Henning Richter