Vom Verhältnis zwischen Realität und Fiktion im Kino war an dieser Stelle ja schon manches Mal die Rede, doch in dieser Woche ist das Thema aktuell wie nie. Geradezu heftig wird darüber diskutiert, was ein Film darf und was nicht oder auch, was man sich überhaupt von einem Film erhofft.

„Marie Antoinette“, dem „Lost in Translation“-Nachfolger von Sofia Coppola, wird jedenfalls teilweise vorgeworfen, er sei historisch nicht authentisch. Das ist natürlich Blödsinn, denn wer, wenn nicht ein fiktiver Spielfilm, dürfte sich Freiheiten gegenüber dem wahren Leben herausnehmen? Außerdem ist hier vieles echt: Kirsten Dunst als jugendliche Königin wandelt durch die tatsächlichen Gärten von Versailles, manches aristokratische Ritual gibt’s zu sehen und am Ende steht auch hier die Enthauptung. Zwischendurch nutzt Coppola ihren Film zu einer Betrachtung des Zusammenspiels von Langeweile und Vergnügungssucht und zu einer Metapher auf den Celebrity- und Popkult unserer heutigen Zeit. Deswegen steht zwischen den Antoinettes Pumps auch ein paar Chucks und statt Orchesterklängen gibt’s auf dem Soundtrack New Order, The Strokes, Siouxsie and the Banshees und Aphex Twin. Ist das gleich verwerflich? Im Gegenteil: ganz fantastisch, weswegen Ihr die CD auch bei uns gewinnen könnt.

»zum Gewinnspiel

Dann ist da noch ein zweiter großer Aufreger: „Borat“. Hier lauten die Vorwürfe gleich Antisemitismus, Rassismus und Schwulenfeindlichkeit. Auch das ist Unsinn, schließlich sollte man immer den Kontext beachten, in dem solche Ungeheuerlichkeiten ausgesprochen werden. Der geniale Sacha Baron Cohen spielt den naiven und hinterwäldlerischen Reporter aus Kasachstan schließlich nur und setzt auf die schockierenden Reaktionen, die sein Verhalten bei den nichtsahnenden US-Bürgern auslöst. Manchmal ist das ziemlich plump und allzu derb, aber oft auch brüllendkomisch. Doch selbst wenn Cohen nicht, wie jetzt überall zu lesen ist, jüdischer Abstammung wäre, ist seine Methode nicht grundsätzlich verwerflich. Der Präsident von Kasachstan versteht allerdings keinen Spaß und ist auf 180, weil er nicht begreift, dass vermutlich auch der letzte Zuschauer noch versteht, dass hier kein authentisches Bild des Landes, sondern eine alberne Komödie gezeigt wird. Wenn man „Borat“ überhaupt etwas vorwerfen möchte, dann eher, dass er allzu leichtfertig authentisch gefilmte Szenen neben eindeutig gefakte stellt. Denn auch wenn sich vielleicht hunderte Amis in der Rodeoarena wirklich die Blöße gegeben haben – dass Pamela Anderson in den Spaß nicht eingeweiht war, kann uns keiner erzählen!

Weit weniger umstritten ist dagegen „The Wicker Man“. In diesem Remake eines 70er Jahre-Horrorfilms macht sich Nicolas Cage auf die Suche nach einem verschwundenen Mädchen. Zunächst fängt das noch angenehm mysteriös an, doch als er auf einer Insel landet, auf der schlecht gekleidete Frauen herrschen und die Männer zu stummen Arbeitstieren degradiert werden, wird es bald hochgradig albern. Cage weiß in dieser Amish-Gemeinde für Arme gar nicht, wie ihm geschieht, und zwischen all den Bienen-Metaphern und der merkwürdigen Anti-Feminismus-Häme verflüchtigt sich jede Spannung.

Schon eher etwas mit der Realität zu tun hat „Santa Clause 3 – Eine frostige Bescherung“. Zumindest ist der erste Weihnachtsfilm der Saison ein weiterer Beweis dafür, wie Hollywood und die Marketingfirmen immer mehr Rituale und Symbole der US-Kultur auch bei uns etablieren wollen. Mit Halloween hat’s ja bestens geklappt, jetzt ist Jack Frost dran, der sich hier zum fiesen Gegenspieler des Weihnachtsmannes aufschwingt. Da sind die Erfolgsaussichten allerdings eher mäßig, was auch daran liegen dürfte, dass schon die ersten beiden Teile der Tim Allen-Komödie hierzulande kaum interessierten.

Gänzlich unkontrovers kommt derweil „Snow Cake“ daher. Der Eröffnungsfilm der letzten Berlinale ist eine nette, aber harmlose Dramödie über einen zerknirschten Mann, eine autistische Frau und ein totes Mädchen, die bevölkert ist von jeder Menge Gutmenschen und einem Haufen toller Schauspieler. Sigourney Weaver in der Hauptrolle ist immer verdammt nah am Over Acting, aber an Herz und Tränendrüse geht das Ganze trotzdem.

Da würde auch gerne „Offset“ ankommen, doch für die deutsch-rumänische Liebesgeschichte, in der es natürlich bald um eine Dreieckskonstellation geht, will man sich einfach nicht wirklich interessieren. Ob das auch an Hauptdarstellerin Alexandra Maria Lara, der personifizierten Rehäugigkeit, liegen man? Zumindest ist sie mittlerweile das weibliche Pendant zu Jürgen Vogel: zwar nicht immer nackt, aber alle paar Wochen mit einem neuen Film im Kino, was die Nervgefahr erheblich steigert.

So soll hier schließlich noch schnell auf den ein oder anderen Dokumentarfilm hingewiesen, etwa „Play Your Own Thing“, eine spröde Geschichte des europäischen Jazz. Oder „Behind the Scenes“, in dem der Deutsche Veit Helmer einen aufschlussreichen Blick in die Casting-Szene Hollywoods wirft. Doch immer dran denken: dokumentarisch heißt nicht unbedingt authentisch oder realistisch. Denn auch ein Doku-Regisseur entscheidet immer noch selbst, welche Bilder er uns zeigt und welche nicht.

Patrick Heidmann